John Eliot Gardiner und die Matthäus-Passion in Königslutter

Mittwoch, 15. Juni 2016 im Kaiserdom zu Königslutter

Johann Sebastian Bach

IMG_2373_Dom

Der Kaiserdom in Königslutter (Foto: mb)

Matthäus-Passion

Mitwirkende:
James Gilchrist, Evangelist
Stephan Loges, Jesus
Hannah Morrison, Sopran
Eleanor Minney, Alt
Reginald Mobley, Countertenor
Andrew Tortise, Gareth Treseder, Tenor
Alex Ashworth, Ashley Riches, Jonathan Sells, Bass
Thomaner Nachwuchschor
Thomaner Anwärter
Monteverdi Choir
English Baroque Soloists
Leitung: John Eliot Gardiner

 

Gardiner + Bach + Matthäuspassion

Was soll ich da noch schreiben? Diese drei Begriffe sagen eigentlich alles. Wir erlebten ein unglaublich intensives Konzert. Ich scheue mich eigentlich, diesen Abend Konzert zu nennen, so stark fühlte ich mich in das Geschehen mitten im Kirchenschiff hinein gezogen.

Aber von vorne.

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Die Bühne (Foto: mb)

Die Bühne war wieder in der Mitte des Kirchenschiffes aufgebaut, sodass das Publikum rechts und links davon saß und selbst auf den besten Plätzen zum Teil deutliche Sichteinschränkungen hatten. Einige wenige Plätze gab es auch frontal zum Orchester im Seitenschiff, aber auch dort werden die Säulen die Sicht beschränkt haben. Akustisch war es auch nicht ideal. Die „Turbo“-Turba-Chöre verschwanden dann schon mal wie „Blitze und Donner“ in den Wolken, sprich, manches der sehr filigranen Chöre waren doch etwas verwaschen. Je nachdem, welchem Zuschauerblock die Solisten entgegensangen, waren sie mal intensiver und mal weniger intensiv zu hören. Und manchmal gab es dann auch, je nach unterschiedlichem Schallweg, schwebende Harmonien, die Bach so nicht vorgesehen hatte. Oder hatte er doch? Denn auch das machte für mich einen Teil der Magie dieses Abends aus. Es war kein Konzert, in dem die einzelnen Nummern so gut und so schön wie möglich musiziert wurden, nein, alles war im Schwingen, es wogte hin und her und so entstand etwas jenseits der reinen Schallwellen, was mich zutiefst berührte.

Der Chor und alle Solisten sangen auswendig! Ich denke, das erklärt zum Teil die ungeheure Intensität. Sie hatten das Werk wirklich „in sich“ und konnten es nun „leben“.

Szenenfoto

„Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ (Foto: mb)

Dies begann mit dem Evangelisten James Gilchrist, der die Geschichte mit einer solchen Inbrunst erzählte, dass auch mal (gewollt) die Stimme versagte. Er putschte je nach Situation die anderen Mitwirkenden oder wies ihnen mit ganz viel Empfindsamkeit den Weg zur folgenden Musik. Nur eins ließ er nicht zu: unbeteiligt und distanziert zu sein. Ihm gegenüber stand Stephan Loges, der Jesus mit wunderbar warmem Bass sang. Dadurch entstand ein Dialog zwischen beiden Sängern, der fesselte. Überhaupt Dialog: dass das Orchester durchaus kammermusikalisch musiziert und damit einen große Lebendigkeit entstehen lässt, kennen wir von den English Baroque Soloists. Dass Solisten auch im Konzert miteinander agieren, haben wir auch schon gesehen. Aber dass ein Chor, oder wie hier ein Doppelchor sich die Stichworte zusingt, das habe ich so noch nicht gesehen. Dieses Miteinander und aus dem Herzen kommende Musizieren war schon außergewöhnlich. Die Solisten waren durch die Bank weg einfach wunderbar, nun gut mit einer Arie als Ausnahme. Sie haben die Grenzen in alle Richtungen ausgelotet, sei es mit der herzzerreißenden Arie “ Aus Liebe will mein Heiland sterben“ oder dem verzweifelten und auch aggressiven „Gebt mir meinen Jesum wieder“. Da bebte das Dach. Auch wenn ich hier die Solisten nicht einzeln mit ihren Arien vorstelle, möchte ich doch einen Sänger herausstellen. Es ist vielleicht noch bekannt, dass ich nicht gerade bekennender Countertenor-Fan bin. Aber so schön und so zu Herzen gehend wie hier von Reginald Mobley habe ich die Alt-Arien selten gehört. Diesen Namen wird man sich merken müssen. Dem stand auch Eleanor Minney in nichts nach. So intensiv und „gelebt“ habe ich das „Erbarme dich“ noch nie gehört. Dabei dachte ich schon manches Mal, dass es nicht mehr intensiver geht.

Es ist unfassbar, wie John Eliot Gardiner es immer wieder schafft, solche magischen Momente entstehen zu lassen. Besonders die Ausdeutung der Choräle mit der gewaltigen Intensität in alle Richtungen war für mich sehr bewegend. Da bin auch ich als Zuhörer Teil des Ganzen gewesen.

Es war nicht alles perfekt. Aber mir hat es wieder gezeigt, dass mein Credo „Perfektion ist langweilig“ immer noch gilt und Besonderes nur entstehen kann, wenn das Unmögliche gewagt wird. Wir haben wieder eine Sternstunde erleben dürfen. Dafür bin ich zutiefst dankbar.

Und nein, mit Flipflops habe ich niemanden gesehen. Das Publikum war auf meiner Seite auch sehr konzentriert, auf der anderen Seite war das wohl nicht so der Fall. Aber man kann nicht alles haben.

Meine Gedanken, meine Gefühle – ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit.
Seid gegrüßt
Barbara

2 Gedanken zu „John Eliot Gardiner und die Matthäus-Passion in Königslutter

  1. martiinb11

    Auch von der anderen Seite der Bühne her kann ich Barbara zustimmen – dieser Abend war etwas Besonderes.

    Kurz vorweg: Dieses Mal gab es wirklich keine Flip Flops zu bewundern und bis auf wenige Szenen kurz vor Beginn, als er seinem erlauchten Umfeld offensichtlich deutlich zeigen wollte, wer der Hausherr ist, blieb auch der Veranstalter dieses Mal eher unauffällig. Die im Bericht erwähnte Unruhe auf „meiner“ Seite rührte vor Allem daher, dass offensichtlich viele Besucher mit ihren Plätzen unzufrieden waren und speziell in der zweiten Hälfte ein störendes Hin- und Hergelaufe stattfand.

    Nun aber zum Kern des Geschehens: Zu dem, was Barbara bereits geschrieben hat, möchte ich unterstreichen, dass mich bis auf einen Tenor, der für meinen Geschmack so gar nicht in den Abend passte, die Solisten allesamt aus den Schuhen gehauen haben. Mit welcher Vielfalt von Ausdruck und Farbe dieses Werk von ihnen in die Domakustik gemalt wurde, ist verblüffend. Tatsächlich war es ja das erklärte Ziel Gardiners, die Ausdrucksstärke noch zu intensivieren, als er entschied, dass auf dieser Tour komplett ohne Noten gesungen werden würde. Das ist gelungen.
    Er scheint ihnen und ihrer Interpretation auch genug zu vertrauen, so dass er sich etwa während „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ fast komplett zurücknimmt und nur die ersten ein bis zwei Takte dirigiert, sich dann, mit der linken Hand in der Hosentasche, mit der rechten Hand auf dem Bauch zuneigend lächelnd anhört, was vor ihm passiert. Oder dass er etwas später, als Ashley Riches gemeinsam mit Reiko Ichises Viola da Gamba unglaublich sensibel „Komm, süßes Kreuz“ vorträg, von der Bühne abtritt, sich eine Wasserflasche organisiert und erst im letzten Takt wieder an seinen Platz kommt.
    Vergessen scheinen zumindest für das Publikum die Zeiten, als er quasi hartes Mikromanagement betrieb. Dieser Matthäuspassion hat es nicht geschadet. Schön dass sie, wie ich nachher erfuhr, im September aufgenommen werden soll. Hoffentlich in genau dieser Besetzung und mit einer solchen Akustik.

    Und dem Programm war zu entnehmen, dass seine Bach Biografie im September in der deutschen Übersetzung erscheint. Was lange währt, wird endlich gut.

    Nun freue ich mich, dass im Dezember schon wieder Bach/ Gardiner auf dem Plan steht, wenn er neben zwei anderen Werken das Magnificat mit den Weihnachtssätzen aufführt.

    Viele Grüße,
    Martin

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  2. Volker

    Danke liebe Barbara für deinen wunderbaren Bericht über die Matthäus Passion aus Königslutter. Dir lieber Martin danke für deinen umfangreichen Kommentar. Gestern war Gardiner in der Thomaskirche von Leipzig und hat 1500 Besucher dort mit der Matthäus Passion zutiefst beeindruckt und betroffen gemacht. Wolfgang Adam war dort gestern anwesend und berichtet mir heute vor Ort, dass es eine sehr berührende Aufführung gewesen ist. Von Reginald Mobley war er ebenfalls sehr angetan.

    Von der Aufführung von Barcelona im März kann ich berichten, dass mich Reginald Mobley nicht überzeugt hat, er wirkte wie ein Herold mit seiner Steifheit in diesen wunderbaren Arien. Mir fehlt eine weibliche Altistin, die durch ihre normale Stimmlage den Arien mehr gerechter wird. Es ist alles eine Frage der persönlichen Auffassung. Bewundernswert in Barcelona Stephan Loges und Mark Padmore als Evangelist. Der Monteverdi Choir war ergreifend in den Chorälen. Ohne Partitur die drei Stunden ohne eine Textvorlage singen zu können, ist mehr als bewundernswert.

    Herzliche Grüße
    Volker

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