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Johann Sebastian Bach – Wie die Bachs in die Welt kamen! Ein Buch von Harald Eggebrecht

Johann Sebastian Bach – Wie die Bachs in die Welt kamen! Ein Buch von Harald Eggebrecht

Wie die Bachs in die Welt kamen!

Volker Hagedorn entwirft ein farbiges Panorama des Komponisten-Clans vor dem Thomaskantor J. S. Bach.  Ein Buch von Volker Hagedorn

Artikel von Harald Eggebrecht

Während der Dreißigjährige Krieg das Land verwüstet, wächst einer der bedeutendsten Musikerclans der Welt heran. („Marodierende Soldaten“, Sebastian Vrancx, 1647, Deutsches Historisches Museum Berlin) © Wikimedia Commons

Genies, besonders musikalische, bleiben letztlich unbegreiflich. Selbst dann, wenn das Genie aus der Familie Bach stammt, die schon vor Johann Sebastian Bach generationenlang Musiker von eigenständiger Klasse hervorgebracht hat und diese Tradition noch einmal in ihren Söhnen fortsetzt. Selten kann und will man die Spuren zum „Genie der Familie“, wie Jean Paul Sartre über Gustave Flaubert formulierte, aber so gern und gut verfolgen wie bei den Bachs.

Sich auf die Fährten der Bachs vor Bach zu begeben, hat Volker Hagedorn, passionierter Bratscher und formidabler Musikkritiker (auch für die ZEIT) unternommen. Es ist eine ungemein lohnende Recherche geworden, sie führte kreuz und quer durch Thüringen von Wechmar nach Ohrdruf, von Eisenach nach Erfurt, von Arnstadt sogar bis ins fränkische Schweinfurt, sie führt letztlich zum sogenannten Altbachischen Archiv, zu den musikalischen Hinterlassenschaften, die von Johann Sebastian Bach selbst gesammelt wurden, Stücke seiner Vorfahren, deren Qualität jeden überzeugten. Heute lagert das Archiv versteckt in der Berliner Staatsbibliothek….

Zum ganzen Text in – DIE ZEIT


Volker Hagedorn: Bachs Welt.

Rowohlt Verlag, Reinbek 2016; 416 S., 24,95 €, als E-Book 21,99 €

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Lesenswert in DIE ZEIT – Weihnachten ohne das Weihnachtsoratorium von J.S. Bach, geht das?

Mir ist ein Artikel in DIE ZEIT aufgefallen und möchte diesen Zeitungsbeitrag als eine interessante Sichtweise meinen Blog-Freunden(innen) zur Verfügung stellen.

Herzliche Grüße

Volker

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DIE ZEIT

WEIHNACHTSORATORIUM „Jauchzet, frohlocket doch mal anders“

Weihnachten ohne Bach? Das geht. Komponisten von Heinrich Schütz bis John Adams bieten alternative Krippenoratorien an. Und der große Thomaskantor hat eh nur geklaut.

VON VOLKER HAGEDORN

Es muss nicht immer Bachs Glanz und Gloria sein zu Weihnachten.

Es muss nicht immer Bachs Glanz und Gloria sein zu Weihnachten.  © complize/photocase.de

Nicht alles beginnt so weihevoll, wie es endet. Da sitzt ein Komponist mit Freunden zusammen, man spielt Karten, man trinkt, einer fordert den Musiker auf, mal eben eine Probe seiner Kunst zu geben. Der wirft ein paar Takte aufs Papier, vierstimmig, für Orgel. Später findet er, es habe etwas von Hirtenmusik, und fügt Worte hinzu: „Cher enfant, Dieu te bénisse! – Liebes Kind, Gott segne dich!“ So singen es die Hirten im Chor dem Kinde zu, so führt Hector Berlioz das Chorstück anno 1850 in Paris auf, als Lückenfüller, und macht sich den Spaß, es einem fiktiven Komponisten des 17. Jahrhunderts zuzuschreiben. Klappt prima, eine Zuhörerin sagt sogar, so etwas könnte Berlioz nie…

Aus dieser Keimzelle wird vier Jahre später ein ganzes Oratorium, L’enfance du Christ, vorweihnachtlich uraufgeführt, einer der wenigen finanziellen Erfolge von Berlioz, eines der vielen Weihnachtsoratorien, die später hinter demWeihnachtsoratorium (fast) verschwanden, jenen sechs Kantaten aus Leipzig, die als Maß aller Töne rund um die Krippe gelten, seit man sie wiederentdeckte. Im Paris des mittleren 19. Jahrhunderts war Johann Sebastian Bach ein Exot. Durchaus ein Begriff seit der Wiederaufführung der Matthäuspassion (die auch Berlioz skeptisch bestaunte), aber doch eher ein moosbedecktes Monument, ein frühzeitliches, „gotisches“ Relikt.

Heute sind die Ausgrabungsarbeiten ganz woanders fällig. Zwar muss man keinem Franzosen erzählen, dass nach Berlioz auch noch Camille Saint-Saëns und Arthur Honegger Kantaten und Oratorien zur Geburt Christi schrieben, aber im Donnerhall von Jauchzet, frohlocket gehen sie hierzulande ebenso unter wie die Werke von zwei Dutzend weiterer Größen, darunter sogar Engelbert Humperdinck, der Weihnachtsopernkomponist schlechthin, der dreizehn Jahre nach Hänsel und Gretel auch ein groß besetztes Krippenspiel für Soli, Chor und Orchester schrieb, 1906 in Berlin uraufgeführt. Und, ganz ehrlich, kennen Sie dieWeihnachtshistorie von Heinrich Schütz, anno 1666?

Schütz erfand die musikalische Weihnachtsgeschichte

Das war damals eine absolute Novität, und immer noch klingt das Werk taufrisch, blühend in Chören, Intermedien, Rezitativen, Soli, in denen auch der mörderische Herodes zu Wort kommt (wie bei Berlioz, der opernhaft mit einem Traum des Herrschers beginnt). Schütz feierte am Dresdner Hof die Geburt eines Genres, es gab bis dahin keine Tradition musikalischer Weihnachtsgeschichten. Der krippale Infekt griff um sich. Der Thomaskantor Johann Schelle schrieb 1683 einen „Actus musicus auf Weyh-Nachten“. Acht Jahre vor Bachs Sechserpack entstand dasOratorium in Festum Nativitatis Christi von Carl Heinrich Graun, das erst Ende des 20. Jahrhunderts wieder auftauchte.  

Da stieß Graun auf frisch exhumierte Konkurrenten aus dem 18. Jahrhundert: Georg Philipp Telemann hatte 1759 seine Kantate Die Hirten bei der Krippe zu Bethlehem vorgelegt, Gottfried August Homilius 1775 für die Dresdner Frauenkirche Die Freude der Hirten über die Geburt Jesu komponiert. Wenn da nur Bach nicht wäre… Auf den bezieht sich Camille Saint-Saëns anno 1858 schon ganz ausdrücklich: „Dans le style de Seb. Bach“ schreibt der 23-jährige über das Vorspiel seines Oratorio de noël, wobei er allerdings nicht Bach kopiert, sondern eine barocke Pastorale nachempfindet – betörender Beginn eines gut halbstündigen Werkes, das seinen eigenen Zauber hat.

Carl Orff und John Adams sorgen für Bequemlichkeit

Nicht auszudenken, was wir hören müssten, hätte Richard Wagner gleich nach dem Holländer seinen fünfaktigen Dramenentwurf Jesus von Nazareth (1849) zur Oper gemacht. Eine krippennahe Pastorale gibt es aber doch von ihm – jenesSiegfried-Idyll, das er am 25. Dezember 1870 in Tribschen für Cosima dirigierte und in dem er Schlaf, Kindchen, schlaf zitiert. Weitere Tipps für Alternativreisen nach Betlehem gefällig? Benjamin Brittens Ceremony of Carols etwa, ein kleiner Chorzyklus nach alten englischen Texten, 1943 uraufgeführt, oder die Weihnachtsgeschichten von Carl Orff und John Adams – beide auf Bühnentauglichkeit angelegt und, nun ja, bequem zu hören.

So komplex jedenfalls wie das Kompendium der 64 Sätze, die Bach seinen Leipzigern vor und nach Weihnachten 1734 zu Ohren brachte, ist keine andere Musik zu diesem Anlass, weder formal noch technisch. Rote Ohren hätten die Leute aber mehrfach bekommen, hätten sie gewusst, was dahinter steckte. Die Töne zu Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen tröstet uns… hatte Bach zwei Jahre vorher zu einem Liebesduett komponiert: Ich bin deine, du bist meine, ich küsse dich… Auf diese Art klaute Bach fast das ganze Oratorium bei sich selbst. Er war da ganz pragmatisch und hatte halt nicht ewig Zeit für die Ewigkeit. Und, wie gesagt: Nicht alles beginnt so weihevoll, wie es endet.

Referenzaufnahmen:

Heinrich Schütz, Weihnachts-Historie / Histoire de la Nativité, Claire Lefilliatre, Hans-Jörg Mammel, Chœur de Chambre de Namur, La Fenice, Jean Tubéry, K 617, 2004

Johann Schelle, Actus musicus auf Wey-Nachten u.a.; Universitätschor Leipzig, Trompeten-Consort Immer, Bläser-Collegium Leipzig, Wolfgang Unger, Thorofon, 1995

Hector Berlioz, L’Enfance du Christ; Susan Graham, John Mark Ainsley, Choeur de l’Orchestre symphonique de Montreal, Orchestre symphonique de Montreal, Charles Dutoit, Decca, 1995

Camille Saint-Saëns, Oratorio de Noël u.a.; Britt Marie Aruhn, Anne Sofie von Otter, Erland Hagegard, Mikaeli Chamber Choir, Anders Eby; Proprius, 1981

Benjamin Britten, A Ceremony of Carols u.a.; Choir of Trinity College Cambridge, City of London Sinfonia, Stephen Layton; Hyperion, 2012

John Adams, El Nino; Lorraine Hunt Lieberson, Dawn Upshaw, Willard White, Theatre of Voices, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Kent Nagano, Regie: Peter Sellars, Liveaufnahme, DVD, Arthaus, 2000

J.S. Bach, Weihnachtsoratorium, Rheinische Kantorei, Das Kleine Konzert, Hermann Max, cpo, 2009

Im Interview Hélène Grimaud: Bei Bach, Chopin, Schubert kann ich meiner Gefühlsgewissheit vertrauen, bei Mozart fange ich an zu rätseln.

DIE ZEIT überrascht immer wieder mit tiefgründigen Interviews mit internationalen Größen aus der Klassik-Szene. In dem heutigen Interview kommt die französische Spitzen-Pianistin Hélène Grimaud zu Wort, die nach langer schwerer Krankheit den Weg zurück zur Bühne gefunden hat.

Hélène Grimaud - französische Pianistin

Auszug aus dem Interview von der Zeitung DIE  ZEIT:

„Die Musikbranche ist nicht frei von einer Hedgefonds-Mentalität“

Frage: Ein bisschen Krise gilt im Klassikbusiness als schick. Wie viel ernsthafte Krise aber toleriert der Markt wirklich?

Grimaud: Kennen Sie die Geschichte des kleinen Mädchens, das am Strand entlanggeht und so viele angeschwemmte Seesterne wie möglich zurück ins Wasser wirft? Ein Mann kommt ihr entgegen und sagt, du weißt, dass es total sinnlos ist, was du tust? Und sie antwortet: Aber für diesen Seestern ist es nicht sinnlos – und wirft ein besonders schönes, großes Exemplar hinaus aufs Meer. Was ich sagen will: Der Musikmarkt ist kein anonymes, gesichtsloses Ungeheuer, er besteht aus Menschen.

Frage: Die alle Geld verdienen wollen.

Grimaud: Ja, 80 Prozent wollen wahrscheinlich nichts anderes. Aber mit jedem Einzelnen kann sich alles ändern. Die Leute, mit denen ich eng zusammenarbeite, haben Qualität, Niveau und Herz, für sie lege ich meine Hände ins Feuer (lacht). Und sie wissen: Von ein paar Absagen, von einer CD, die nicht erscheint, geht die Welt nicht unter. Bei allem schlechten Gewissen, das ich habe, wenn ich absagen muss, gibt mir das die Sicherheit, nicht um jeden Preis funktionieren zu müssen….

Link zum gesamten Interview: http://www.zeit.de/kultur/2010-11/helene-grimaud

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Video: Hélène Grimaud, Thomas Quasthoff – Schumann Dichterliebe – Verbier Festival 2007

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Eine Kurz-Biographie von Hélène Grimaud

Die Eltern von Hélène Grimaud waren Lehrer jüdischer und katholischer Konfession. Ihre Mutter entstammt einer Familie nordafrikanischer Juden, ihr Vater hatte deutsche und italienische sowie ebenfalls jüdische Vorfahren. Ihre Familie änderte noch vor ihrer Geburt den Familiennamen Grimaldi in die heutige Schreibweise um. Nach eigener Bekundung hat Hélène sich aufgrund der anderen Herkunft obwohl sie in Frankreich aufwuchs dort nie richtig heimisch gefühlt.

Hélène Grimaud ist am 7. November 1969 in Aix-en-Provence  (Frankreich) geboren. Überbegabtes Kind ist sie nicht und findet Zuflucht in der Musik, wo sie in vollem Umfang aufblüht. Mit acht Jahren bekam sie ersten Klavierunterricht studiert zunächst in ihrer Heimatstadt bei Jacqueline Courtin, daraufhin bei Pierre Barbizet am Konservatorium in Marseille. Er erkannte ihr ungewöhnliches Talent und schlug vor, sie für die Aufnahmeprüfung am Pariser Konservatorium vorzubereiten. Im Jahre 1982 –  mit dreizehn Jahren – besucht sie das Konservatorium von Paris.Sie schloss ihre Ausbildung 1985 mit dem „Premier prix“ im Piano-Fach des Conservatoire ab und nahm nur kurz nach dem Diplom ihre erste CD mit Rachmaninovs „Sonata No. 2“ und die „Etudes-Tableaux op. 33“ auf (Grand Prix du disque 1986). Anfang der neunziger Jahre widmet sie sich in den Vereinigten Staaten überwiegend ihrer Leidenschaft  für die Wölfe.

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