Archiv der Kategorie: Ruhrgebiet europäische Kulturhauptstadt 2010

Ein Sommernachtstraum „Blicke nicht zurück“ am 23.Juni 2012 in der Philharmonie Essen


Mann, mann, mann, geht´s noch besser? Vorgestern habe ich den „Sommernachtstraum“ in der Essener Philharmonie besucht, mit dem für mich ein fulminanter Höhepunkt die diesjährige Spielzeit beendet hat. Das Ganze stand unter dem Motto „Blicke nicht zurück“ und verknüpfte in einem Großprojekt Musik-Theater-Tanz miteinander. Zentraler Ausgangspunkt für die übergreifende Verquickung ist die konzertante Oper „L´Orfeo“ von Claudio Monteverdi unter Thomas Hengelbrock und seinem Balthasar-Neumann-Chor und Ensemble. Angeregt von diesem Projekt, hat Literatur Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek den 2. Programmpunkt des Abends mit der Uraufführung „Schatten“ dazu beigesteuert. Der Monolog der modernen Euridyke, vorgetragen von der Schauspielerin Johanna Wokalek (das ist die Darstellerin der „Päpstin“). Nummer 3 im Bunde gestaltete das Aalto-Ballet mit einem Ballet von Patrick Delcroix: „Cherché, trouvé, perdu“ zu der Musik von Arvo Pärt im Stadtgarten auf einer eigens installierten Bühne im Stadtgarten hinter der Philharmonie. Von der Struktur erinnerte es mich ein bisschen an Bayreuth (Idee von T. Hengelbrock?), wo es ja auch immer zwischen den Akten 2 große Pausen gibt, für kulinarische sowie geistige Regeneration.

L´Orfeo-Favola in musica / Claudio Monteverdi (1567-1643)

Nicolay Borchev-Orfeo, Anna Bonitatibus-Messaggera+Proserpina, Johannette Zomer-La Musica, Anna Stéfany, Speranza, Guido Loconsolo-Plutone, Miljenko Turk-Apollo, Merek Rzepka-Caronte, Tanya Aspelmeier-Ninfa

Balthasar-Neumann-Chor / Ensemble – Thomas Hengelbrock, musikalische Leitung

Die Solisten

Die Solisten

Monteverdi´s „L´Orfeo“ gilt als die erste richtige Oper eines entstehenden Genres, das die Handlung mit Musik und allen Sinnen erlebbar macht (Na gut, anpacken ist nicht erlaubt). Die Uraufführung fand 1607 statt. Wer aber nun fragt, „was soll der verstaubte Kram?“, wird eines besseren belehrt. Die Götter sind natürlich auch nur menschlich und Monteverdi charakterisiert sie als solche mit großem Einfühlungsvermögen. Und diese Typen haben sich auch in 400 Jahren nicht geändert. Sie haben heute warscheinlich nur andere Namen. Auch die Aufführung ist nicht so wirklich konzertant, aber dazu später.

Die Toccata und auch den Prolog der Musica (phantastisch nuanciert gestaltet von J. Zomer), erledigt das Orchester noch alleine, dann stürmt die ausgelassene Hochzeitsgesellschaft-kostümiert und festlich – mit Hengelbrock als einer von ihnen auf die Bühne. Er dirigiert die Derwische vom Boden, kniend und mitsingend. Das ist der grandiose Auftakt für die Hochzeitsfeierlichkeiten. Orpheus und Euridike lassen sich feiern, nach vielen tragischen Erfahrungen ist er im Olymp der Glückseligkeit angekommen. Nicolay Borchev ist ein Spitzen-Orpheus, mit enormem Volumen in den tiefen Lagen. Die Stimmlage des Bariton war damals noch nicht bekannt und ein Tenor nach heutigen Maßstäben in Siegfried-Manier gab es nicht.

Eine Nymphe bringt jedoch in einem ergreifenden Vortrag die Nachricht von Euridikes Tod (Schlangenbiss), Anna Bonitatibus die für mich mit Borchev die herausragendste Solistin. Wie so oft im Leben, auch Glück ist ein flüchtiger Schatten. Er beschliesst ins Reich des Todes herabzusteigen, die Hoffnung-la Speranza, begleitet ihn, muss ihn aber am Eingang verlassen. Der Fährmann läßt ihn natürlich nicht übersetzen, da kein Lebender übersetzen darf. Monteverdi untermalt den Fährmann-Gesang des Caronte (erinnert mich irgendwie mit Hut, Mantel und Stab an Wotan) mit -kenne mich mit der Orgelregistrierung nicht aus- einem Gemshorn!? Wirkt auf jeden Fall gespenstisch. Caronte hat zwar Mitleid, kann aber nicht die Gesetze brechen. Orpheus, der wilde Tiere zähmte und Steine zum Erweichen brachte, will auch das Herz von Caronte erweichen, das passiert nicht, aber der schaurige Wächter ist eingeschlafen! Orpheus setzt über. An dieser Stelle sei lobend die Bläser-Combo erwähnt, die einen nicht unerheblich Part für den festlich, düsteren Einschlag zu erledigen hat.

Die Solisten, Chor, Ensemble und Dirigent

Die Solisten, Chor, Ensemble und Dirigent

Proserpine hat es Orpheus´Leidenschaft angetan, sie überredet ihren Gatten Pluto (Pluto hat eine supergeile Stimme, aber er läßt heute abend nicht alles raus, was er drauf hat!), den sie becirct, Orpheus seine Geliebte wiederzugeben, er stimmt zu (hochbrisante Erotik an dieser Stelle!), aber er darf sich nicht umsehen, total happy über den Rückgewinn seiner Braut, preist Orpheus seine Leier, die ihm mal wieder Glück gebracht hat und träumt schon davon, was ihn abends bei seiner Braut so alles erwartet. Dann fassen ihn Zweifel, vielleicht folgt sie ihm ja gar nicht? Plötzlich leitet ihn seine Leidenschaft und- oh shit!!!- er dreht sich um! Euridike muss im Hades verbleiben. Welche Dramatik! Orpheus beklagt sein Schicksal und im Moment höchster Not greift sein Vater Apollo wie Deus ex machina ein und erhebt ihn in den Himmel, wo er Euridike als Gestirn wiederfindet. Schade, leider kein Happy End, aber der ungestüme Chor preist triumphal Orpheus „Himmelfahrt“.

Die mitreissende Qualität, die irre Dynamik der Chöre, das überragende Solisten-Ensemble und Hengelbrocks gänzlich durchgelüftete Version waren unbeschreiblich. Das Publikum ist mit mir d´accord. Ich würde die Oper eher als semi-szenisch bezeichnen. Die Truppe konnte in ihrer schauspielerischen Leistung und ihren alltagstauglichen Kostümen jeder modernen Inszenierung standhalten. Auch für jeden ungeübten Opernhörer ist die Oper geeignet, durch die vielen Wiederholungen der Chöre, Toccaten und anderer Melodien ist ein Eingewöhnungseffekt garantiert, das Italienisch zu verstehen ist trotz der Übertitel fast überflüssig, die Musik spricht eine deutliche Sprache. Ich bin total gespannt auf Hengelbrocks konzertante Parsifal-Aufführung in 2013 nach dieser absoluten Glanzleistung.

während der Pause am RWE Pavillion

während der Pause am RWE Pavillion

So, jetzt erst mal runterkommen mit einem Gläschen Sekt. Der Wettergott hat ein Einsehen, man kann vom RWE Pavillion auf die Terrasse des Stadtgartens. Dann gehts zum 2. Teil.

Elfriede Jelinek (*1946) – „Schatten (Eurydike sagt)“Strichfassung Johanna Wokalek-Szenische Realisierung: Peter Schmidt, Film: Jan Kerhart

Wokalek auf einem Haufen Klamotten sitzend, dessen Farben grau, schwarz, weiss und besonders rot dominieren, im Hintergrund eine Leinwand mit grauen, wechselnden Bildern.

Jelinek beleuchtet die Gedanken einer modernen Eurydike, die sich eine Parallelwelt zur Realität aufbaut und sich in einen Konsumwahn flüchtet.Der Kaufrausch wird zur Ersatzbefriedigung, die ihre Inspirationen aufsaugen. Ihr eigenes Selbst, ihre eigene Kreativität verkrüppeln im Schatten des „Sängers“, sie wird selbst der Schatten. Es behandelt den Zeitraum vom Schlangenbiss bis zum Tod, Resümee eines Selbstverlustes, sie vergleicht sich mit Handyphotos, was schattenhaft ist, wird verworfen. Eine Parabel auf den Verlust der Tiefgründigkeit und der Nachdenklichkeit in unserer Zeit. Als Frau eines Künstlers hat man -das ist meine Beobachtung- ein Leben, das man in den Dienst des Künstlers stellt oder daran zugrunde geht.

Die Schauspielerin Johanna Wokalek bietet einen beeindruckenden Auftritt, diese charismatische Stimme, die den Text verstärkenden Bewegungen. Jelineks Werk war ein gelungener Gegenpol für die unemazipierte Eurydike bei Monteverdi. Das hat nachdenklich gemacht.

Dann wieder Pause. Es ist dunkel geworden.

Toller Schlussakzent ist das nachfolgende Ballet, das im Stadtgarten stattfindet.

Cherché, trouvé, perdu von Patrick Delcroix greift das vorher gesehene mit der Musik von Arvo Pärt ( Fratres+Ludus aus „Tabula Rasa“ übrigens auch überraschend tolle, neue Musik) noch einmal auf und verknüpft es mit einer weiteren Variante-dem Tanz. Wenn ich auch sonst mit Tanz nicht viel am Hut habe, ist es hier ganz einfach verständlich. Dazu siehts noch ästhetisch total klasse aus. Sein Sujet ist jedoch nicht das schicksalhafte Getrenntwerden, sondern die Trennung und das Wiederfinden aus freier Entscheidung.

Ballet auf der Bühne im Stadtgarten

Ballet auf der Bühne im Stadtgarten

Ein Riesen-Lob an dieser Stelle geht an die Intendanz der Philharmonie Essen, Hr. Dr. Johannes Bultmann+Team und seine Vorstellung, wie man Musik leben, erhalten und geistig aufbereiten muss. Nicht nur, dass ich in dieser Saison bestimmt einige der besten Konzerte überhaupt gehört habe, da kommt auch rüber, dass sich da jemand Gedanken macht, dass die Musik nicht isoliert stehen darf, sondern dass sie Zuflüsse aus allen geistigen Bereichen bekommt, die das Werk bereichern, es transparenter machen, oder den Transfer ins Jetzt vereinfachen. Dann kann sie „welthellsichtig“* machen. Das ist sicherlich mit diesem Gesamtkunstwerk gelungen. Ich freue mich auf die nächste Spielzeit. Es verspricht wieder spannend zu werden. Ich muss nicht nach Berlin, Hamburg oder München fahren. Essen hat alles.

Gruß in die weite Welt, und immer schön nach vorne schauen CvF

*Richard Wagner-Parsifal /2. Akt

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Hintergründe, Aktuelles und Religiöses zum „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner – Vortrag im NF Haus in Wuppertal


Ein 2-teiliger Vortrag im Naturfreundehaus Wuppertal-Ronsdorf
Luhnsfelder Höhe 7 / 42369 Wuppertal
am 07+14. März 2012 / 19.00 Uhr
von
Claudia von Felbert
RW

Richard Wagner 1813-1883

Diese Idee entstammte ausgerechnet einer Diskussion über ein religiöses Buch und ich freue mich, dass sich einige Interessierte gefunden haben, tiefer in das größte Bühnenwerk der Geschichte einzutauchen. Wir werden uns nicht nur auf die Reise in den Sagenwelt-Mix des Mittelalters begeben, sondern auch die ewigen Schwächen der Menschheit musikalisch neu entdecken,  Wagners religiöse Verpackung öffnen und seine Gedanken zur Umweltzerstörung erahnen.

Die Musik kommt garantiert auch nicht zu kurz und Wagners Leitmotivik wird uns bestimmt oftmals in Staunen versetzen. Wer dann total angefixt ist und vor 15h Musik und plattgesessenem Hintern keine Angst hat, kann sich Ende Juni 2012 den kompletten Ring im Aalto-Theater in Essen ansehen.

Musikalische oder musiktheoretische Kenntnisse sind nicht erforderlich. Eintritt frei!!!

http://www.naturfreunde-wuppertal.de/

http://www.aalto-musiktheater.de/abo-reihen/das-ring-abo-beinhaltet-alle-vier-vorstellungen-des-buehnenfestspiels-der-ring-des-nibelungen.htm

Wahnfried

"Wo mein Wähnen Frieden fand, Wahnfried sei dieses Haus von mir benannt" 🙂

Thomas Hengelbrock und das Balthasar-Neumann-Ensemble mit 2 Bach-Kantaten in der Philharmonie Essen


20.03.2011

Das Jahr 2010 war anstrengend, kulturell gesehen. Ich glaube, ich habe erst einmal eine kleine Kultur-Zäsur gebraucht. Nächste Woche werden die Uhren umgestellt, heute scheint die Sonne mit wohltuendem Licht und Wärme, morgen ist Frühlingsanfang und – der Geburtstag des großen Meisters.

Also der richtige Tag für ein Konzert mit zwei großartigen Kantaten, die thematisch gar nicht schlecht gewählt sind für einen Frühlingsanfang-Vorabend, BWV 21 „Ich hatte viel Bekümmernis“ läßt wie der überstandene Winter die allegorische Dunkelheit hinter sich und öffnet den Weg für das Licht. Diese Kantate nimmt in Bachs Schaffen eine Sonderstellung ein, der heutigen Fassung, die 1723 in Leipzig aufgeführt wurde, gingen wohl frühere Fassungen voraus, davon eine, die schon 1714 in Weimar zu hören war, ebenso war sie im Gepäck für die Bewerbung in Hamburg, die ja an Bachs fehlendem „Schmiergeld“ für die Stelle gescheitert ist. BWV 19 „Es erhub sich ein Streit“ , der Streit der Erzengel Michael und Luzifer steht heute für mich für die nun allgegenwärtige Macht des Frühlings über den Winter, im Kirchenjahr liturgisch für das Michaelisfest für den 29. September 1726 komponiert.

 
 
 
 
 

Intendant Johannes Bultmann mit Thomas Hengelbrock

 

Programm:

BWV 21: Ich hatte viel Bekümmernis

BWV 230: Lobet den Herrn, alle Heiden

BWV 19: Es erhub sich ein Streit

Ausführende:

Sopran: Gunta Davidcuka, Sidonie Otto, Katja Stuber

Tenor: Virgil Hartinger, Jakob Pilgram

Bass: Stefan Geyer, Raimonds Spogis 

Balthasar-Neumann-Chor und Ensemble

Thomas Hengelbrock, Leitung

Die Aufstellung des Chores ist unkonventionell, alle Stimmen stehen im Halbkreis angeordnet. Der Chor erhält dadurch eine außergewöhnliche Transparenz, jedes Wort ist auch im größten Melismen-Dschungel zu verstehen, ebenso ist auch jede Stimmgruppe für sich mit jedem Ton aus dem Klang zu selektieren. Einige Fortestellen waren dadurch zwar geringfügig weniger wuchtig, d.h. die Töne konnten sich nun nicht so geballt auf das Auditorium übertragen, aber das gehört warscheinlich zu seiner Klangvorstellung dazu.

Blick von der Philharmonie auf das Aalto Theater und den RWE Tower

BWV 21 ist eine besondere Kantate, weil sie Nummern enthält, die von ähnlichem Kaliber sind, wie vergleichsweise  aus der Matthäus-Passion. Auch sie beschäftigt sich mit der geistigen Aufrichtung, wie die Dunkelheit überwunden werden kann. Der erste Teil verweilt auf der „dunklen Seite“, und erfühlt sie in allen Tiefen („Bäche von gesalznen Zähren“) jedoch nie ohne den Zuhörern einen kleinen Hoffnungsschimmer auf Erlösung mitzugeben. Im zweiten Teil begegnen wir einem Dialog zwischen der Seele, die noch nicht erkennen will, dass ihr Heil schon nahe ist. Bemerkenswert, wie Hengelbrock „Sei nun wieder zufrieden“ gestaltet. Die Solisten treten für den bedeutungsschweren Choral von Georg Neumark in den Hintergrund und lassen Raum für die Melodie „Wer nur den lieben Gott läßt walten“ die Bach mit sehr pragmatischen Textzeilen aus diesem Choral belegt („wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit“). Der Tenor Virgil Hartinger, dem in BWV 21 eine der größten Partien zufällt, trägt mir eine Spur zu dick auf, die Stimme ist kräftig, breit, könnte vom Sitz her etwas mehr vorn sein, so geht doch etwas von der für Bach´sche Stücke erforderlichen Beweglichkeit verloren, so dass er sich stellenweise selbst abbremst und dem Tempo hinterher hechtet. 

Der Abschlusschoral, der ja schon in anderen Sphären spielt, ist so packend und ergreifend, dass man sich wünscht, es würde niemals enden. Irgendwie kommt mir die vorletzte Nummer aus dem Brahms-Requiem (Denn wir haben hier keine bleibende Statt) in den Sinn. Von den Klangfiguren her besteht eine gewisse Ähnlichkeit…

Erstaunlich ist, dass Hengelbrock für Überraschungsmomente sorgt, so stellt er dem Zuhörer immer wieder neue, gedankliche Interpretationskonzepte vor, die dann auch im Detail in aller Konsequenz zu Ende gedacht werden. Besonders prägnant ist mir die Arie „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir“ in Erinnerung, nicht wie in anderen Interpretationen, die das Verweilen mit den sphärischen Wesen in einem schier zeitlosen, schwebenden Zustand besingen, ist diese Szenerie von Ruhe und Unruhe zugleich getragen. Während der Tenor Jakob Pilgram (phantastisch) eher in der Ruheposition verweilt, scheint das Orchester mit angezogenem Tempo die Engel am Aufbruch zu hindern. Ob Thomas Hengelbrock sich das dabei so gedacht hat, weiss ich nicht, ich hab´s zumindest so verstanden.

Das war nun wieder ein Konzert der Extra-Klasse mit herausragenden Solisten, die auch aus dem Chor requiriert wurden (Aufnahmebedingung ist warscheinlich ein ungewöhnlicher Vorname), Hengelbrock reiht sich mit seinem exzellenten Chor mühelos in die hochrangige Garde derer ein, die sich nachhaltig um die Musik dieses Ausnahmekomponisten verdient gemacht haben.

Bei der Einführung hat er gesagt, „ich empfinde es als eines der großartigsten Geschenke, dass ich diese Musik aufführen kann“, als meine Schwiegereltern (die nicht so Bach-verstrahlt sind wie ich) nach der Pause zu mir sagen, sie hätten beim Schluss von BWV21 weinen müssen, finde ich es noch großartiger, dass man dieses Geschenk auch teilen kann. Nach einem grandiosen „Sanctus“ aus der H-Moll-Messe und „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ aus dem Elias läßt er uns nach Hause schweben.

RUHR2010 Teil XXXII: Good bye!


Am 18.12.2010 war dann offiziell SCHLUSS.

Aufgrund des Wetters haben wir uns für die kürzere Anfahrt auf Zollverein entschieden. Die frostigen Temperaturen und der terminüberfrachtete Dezember liessen die Besucherströme denn auch eher mäßig ausfallen.

Highlight des Abends war eine 360° Video-Projektion des türkischen Künstlerduos Griduo, die den Sanaa Kubus in Bewegung gesetzt haben.

Griduo Video Performance

Hier ein Link, wo man beim WDR einen Fotodurchmarsch durch die Ereignisse machen kann: Link: http://www.wdr.de/themen/panorama/extra/jahresrueckblick_2010/chronik/content_bf.php?month=12&topic=8&year=10

Es hat viel zu Entdecken gegeben, jede Menge Neues, Schönes, Erstaunenswertes. Obwohl ich wirklich viel gesehen habe und an vielem teilgenommen habe, ist trotzdem auch jede Menge an mir vorbeigegangen. Einiges können wir uns für 2011 vornehmen, vieles ist unwiderbringlich vorbei. Vielleicht haben Euch ja einige Orte inspiriert, sie bei einer Reise ins Ruhrgebiet mit einzubeziehen.

Die letzte Ausgabe von Ruhr2010 TV mit Impressionen der Abschlussveranstaltung:Link:  http://essen-fuer-das-ruhrgebiet.ruhr2010.de/ruhr2010-tv.html

Ich wünsche Euch ein gesundes Jahr 2011 mit winterlichen Impressionen aus der „Elfringhauser Schweiz“ bei Hattingen.

RUHR2010 Teil XXXI: Collection Tours-RuhrKunstMuseen


Link: http://ruhrkunstmuseen.ruhr2010

FERNSEHTIPP: Diese Tour wurde vom WDR begleitet und die Sendung „WESTART“ mit einer Zusammenfassung zum Kulturhauptstadtjahr wird am 14. Dezember 2010 um 22.30 Uhr im WDR mit einem 5 minütigen Bericht ausgestrahlt!

Gestern haben wir im Rahmen der Collection Tours „Nachtfahrt zur Lichtkunst“ drei RuhrKunstMuseen besucht: „Situation Kunst“ in BO Weitmar, „Zentrum für internationale Lichtkunst“ in Unna und der „Glaskasten“ in Marl. Das Vermittlungsprojekt Collection Tours bietet den Bewohnern und Gästen des Ruhrgebiets die Möglichkeit einer intensiven Auseinandersetzung mit den Sammlungen und Sonderausstellungen der 20 RuhrKunstMuseen. Wir haben uns speziell für diese Tour entschieden, weil 2 Museen auf dem Programm stehen, die wir selbst noch nie besucht hatten und etwas am Rande des Ruhrgebiets liegen.

www.situation-kunst.de

„Situation Kunst“, Hier beginnt die Tour, die Begleiterin regt zu einem Dialog mit der Kunst an und es entsteht ein reger Diskurs und Gedankenaustausch zwischen den Teilnehmern, auf den ersten Blick scheint die moderne Kunst schwer zugänglich, ist aber in ihrer Intention bodenständig und läßt Raum für Gedanken. Speziell bei der Rauminstallation von Rabinowitsch erzeugt das Zusammenspiel von Licht und Raum spirituelle Emotionen.

Tyndale-Sculpture (for Bud Powell and Coleman Hawkins), 1986/87/88

Weiter gehts zum Knaller des heutigen Tages: Zentrum für internationale Lichtkunst in Unna. In den Kühlkellern der ehemaligen Lindenbrauerei hat dieses außergewöhnliche Museum unter der Erde eine würdige Heimat gefunden. Faszinierend die Installationen zu denen sich auch mit Hilfe unserer Kunstbegleiterin einfach der Zugang findet. Höhepunkte sind Keith Sonnier mit „Tunnel of Tears“ und Mischa Kuball mit „Speed/Space/Speech“. Das Museum ist nur mit einer Führung zugänglich, die auch wichtig und interessant ist. Wirklich sehenswert!!!  Übrigens: Kein Foto kann die tollen Impressionen in Unna wiedergeben!!!

Mischa Kuball, Speed / Space / Speech, 1998/99  Foto: D. Leve

http://ruhrkunstmuseen.ruhr2010.de/sammlung/skulpturenmuseum-glaskasten-marl.html

Mittlerweile ist es stockfinster und es geht weiter zum Glaskasten nach Marl. Interessant, dass wir auch viel über die Besonderheiten einiger Städte erfahren. Marl ist ähnlich wie Wolfsburg eine Retortenstadt und im Nationalsozialismus entstanden. Es erinnert an die Plattenbautensiedlungen, die wir aus der DDR Zeit kennen. Mit dem Niedergang der Chemieindustrie wurde dann auch der Ausbau zur Großstadt gestoppt. An der Route der Industriekultur findet sich heute der „Chemiepark“. Im Glaskasten sind zwar nicht die bahnbrechenden Objekte zur Lichtkunst ausgestellt, aber beherbergt es doch interessante moderne Kunst, die ziemlich freakig ist.

Collection Tours Bus / Foto: Frank Vinken

Die Touren, die den Besuch mit Führung durch 3 RuhrKunstMuseen beinhalten, kostet incl. Lunchpaket 25,- Euro p.Person und dauert ca. 6 Stunden. Einige Termine sind noch realisierbar. Eine lohnende Fahrt mit super Besichtigungen, neuen Einblicken und netten Begegnungen.

Grüße, ClaudiavF

http://ruhrkunstmuseen.ruhr2010.de/collection-tours.html

RUHR2010 Teil XXX: Volkers Klassikseiten im Ruhrpott!


Auf diesen Tag hatte ich mich schon so lange gefreut: Rita und Volker, Ulrike und Werner, Iris und Karl-Heinz, Italo-Wolle und ich haben vorgestern, 21.11.2010 bei bestem Wetter das Ruhrgebiet unsicher gemacht!

Edouard Manet "Die Eisenbahn"

Getroffen haben wir uns am Museum Folkwang, wo seit Oktober 2010 die Ausstellung „die Impressionisten in Paris“ stattfindet. Mit einer öffentlichen Führung haben wir uns in die große Expansionsperiode der französischen Metropole Ende des 19. Jahrhunderts begeben. Von Van Gogh, Gauguin, Renoir, Manet, Caillebotte und Monet sind alle vertreten. Die Ausstellung war thematisch in sich sehr geschlossen und wurde neben den Malereien mit Fotographien aus der Zeit von Napoléon III. und seinem Architekten Haussmann abgerundet. Die Ausstellung ist noch bis zum 30.01.2011 in Essen zu sehen. www.museum-folkwang.de

St. Ludgerus Essen-Werden (Foto: WernerK)

Weiter gehts nach Essen Werden, zur Basilika St. Ludgerus. 799 von Luitger als Benediktinerabtei gegründet war sie ein Christianisierungsstützpunkt unter Karl dem Großen. Nach der Zerstörung der Kirche durch einen Brand wurde der neue Bau 1275 im Übergangsstil von der Romanik zur Gotik geweiht. Architektonischer Höhepunkt ist der achteckige Vierungsturm dessen Kuppelgewölbe zu den Höhepunkten der rheinischen Baukunst gehört. In der Confessio, der Ringkrypta und ältestem Teil der Kirche befindet sich das Ludgerusgrab. Der bronzene Sarkopharg stammt aus dem Jahre 1984. www.st.ludgerus-werden.de

Hochofen Henrichshütte (Foto: VolkerH)

Mittagessen auf der Henrichshütte in Hattingen in der Gastronomie „Henrich´s“, ein modern eingerichtetes Restaurant in der architektonischen Synthese mit der Industriekultur. Der Kampf der Henrichshütte endete 1987, als der Hochofen gegen großen Widerstand ausblasen wurde. 150 Jahre spuckte er das flüssige Eisen aus und in Hochzeiten arbeiteten bis zu 10.000 Menschen auf der Henrichshütte. Unter teilweise schwierigen Bedingungen verdienten die Menschen dort ihren Lebensunterhalt. Die archaische, riesige Brache der Schwerindustrie macht erlebbar, „wodurch unser Wohlstand erschaffen wurde“ (Kalla). http://www.lwl.org/LWL/Kultur/wim/portal/S/hattingen/ort/

spätnachmittägliche Impressionen auf der Henrichshütte (Foto: WernerK)

Unser letzter Programmpunkt und gleichzeitiger Höhepunkt ist die Dorfkirche Stiepel in BO. 900 erstmals urkundlich im Güterverzeichnis des Klosters Werden als Villa Stipula erwähnt, wird 1008 mit Zustimmung des Kölner Erzbischofs Heribert die Erlaubnis für den Bau einer Hofkirche erteilt. Mit ihren fast 800 Jahren alten Malereien aus der Frühzeit der Kirche ist sie ein Kulturdenkmal von überregionaler Bedeutung (ich berichtete bereits auf Volkers Klassikseiten). Um 18.00 Uhr findet heute dort die Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ BWV 140 im Rahmen der „Momente der Ewigkeit“ (Ruhrpott-Kantate) statt. Vorher konnte noch Kaffee und Kuchen auf dem Adventsbasar eingenommen werden. www.evkirchebochum.de/stiepel

Dorfkirche Bo-Stiepel (Foto: VolkerH)

Sopran: Ulrike Hellermann, Alt: Katharina Wagner, Tenor: Stefan Kuhlich, Bass: Peter Lutz

Barockorchester Caterva musica, Leitung und Orgel: Kantor Michael Goede, Liturgie und Ansprache: Pfarrer Jürgen Stasing

„Wachet auf ruft uns die Stimme“ wurde am 25.11.1731 in Leipzig uraufgeführt. Zugrunde liegt Philipp Nicolais Gedicht, mit der populären Melodie gregorianischen Ursprungs. Sie handelt von dem Gleichnis der 10 Jungfrauen, die sich auf die Ankunft des Bräutigams vorbereiten. In ihrer ganzen Stimmung lassen Bach, Nicolai und ein anonymer Textdichter nun die grimmigen Texte und Sündenvorwürfe der Trinitatiszeit hinter sich und orientieren sich in ihrem festlichen Charakter eindeutig in Richtung der Adventszeit.

Nervosität kommt auf, wo ist der Chor? Herr Goede hat sich tatsächlich für eine solistische Besetzung entschieden, was zum intimen Rahmen des Konzerts aber gut passt. Akustisch ist dies jedoch nicht so glücklich gewählt gewesen: Sopran und Alt haben partiell sehr tiefe Partien, so dass sie nur wahrgenommen werden, wenn es in die höheren Bereiche geht. Tenor und Bass haben es etwas leichter, sie haben auch die interessanteren Parts, verkörpern sie doch die ungeduldigen Seelen, die auf den Bräutigam warten. Höhepunkt der Aufführung ist das etwas erotisch angehauchte Duett zwischen Bass und Sopran „Mein Freund ist mein-und ich bin Dein“, unterstrichen von den vielsagenden Blicken der Ausführenden.

Wenn auch Geige und Bratsche nicht richtig stimmten, die Oboe manchmal nicht flüssig durchlief und die solistische Besetzung nicht durchweg meine Zustimmung fand, war es dennoch eine stimmungsvolle, auf den Advent einstimmende Kantate, die durch die phantastische Atmosphäre eine würdige Abrundung fand. Wie Kalla meinte: „In so einer Kirche brauchst Du nicht zu predigen“

Schlussapplaus

Es war ein wunderschöner, erlebnisreicher Tag mit Euch! Danke auch für die super-Fotos! Gruß, Claudia

L´Italiana in Assindia oder Cecilia Bartoli in der Philharmonie Essen 16.11.10


Es gibt Tage, die sind teuer, richtig teuer. Es fing damit an, dass ich zum Gesangsunterricht mit dem Taxi gefahren bin, kurzentschlossen habe ich mich dann entschieden, trotz der horrenden Preise, doch abends zu Cecilia Bartoli in die Philharmonie zu gehen. Also Ruckzuck noch zur Philharmonie und die Karte abgeholt, dabei bin ich dann, aufgrund meines verkehrswidrigen Verhaltens in Sachen Schnell-Parken, nur knapp einem Knöllchen entgangen.

Philharmonie Essen vom Stadtgarteneingang

Im Moment scheint es en Vogue, alte Komponisten des Barock auszugraben, sie zu entstauben und gründlich zu durchlüften, wie sie Simone Kermes mit „Colori d´amore“ oder auch Magdalena Kozena mit „Lettere amorose“, in Ermangelung ansprechender, zeitgenössischer Möglichkeiten, präsentieren. Zu Tage kommen bei allen, höchst virtuose, anspruchsvolle Stücke, die immer noch faszinierend wirken. Cecilia Bartoli hat sich der Thematik der Kastraten angenommen, die im 17. + 18. Jahrhundert teilweise Rockstar-ähnlichen Kultstatus besessen haben. Der Preis, den sie dafür zahlten, war hoch: Wer die stümperhafte Prozedur überlebte, hatte eine äußerst geringe Chance zu Weltruhm aufzusteigen, vielmehr drohten gesellschaftliche Ausgrenzung, physische Entstellung durch Ausprägung weiblicher Körperformen, unnatürliches Längenwachstum und die üblichen Unsicherheiten im Künstlerberuf. Viele entstammten der neapolitanischen Talentschmiede von Nicola Porpora der mit seinem Zögling Carlo Broschi gen. Farinelli das große Los zog.

Empfangshalle der Philharmonie

Der Zeiger rückt näher auf 20.00 Uhr, die Start-Fanfare „Bilder einer Ausstellung“ ruft zum Konzert. Cecilia Bartoli wird heute von dem Kammerorchester Basel unter der Leitung von Julia Schröder begleitet, dessen Konzertmeisterin sie seit 2004 ist. Das Orchester beginnt mit spritzigen Tempi und steigt mit Nicola Porporas „Come nave“ ein, effektvoll inzeniert stürmt Bartoli  in einer Art Bajazzo-Piratenkostüm mit einem wehenden Mantel, ausstaffiert mit rot-glänzendem Innenfutter, die Bühne; es gibt spontanen Szenenapplaus. Die Künstlerin ist in Top-Form, das satte, dunkle Timbre durchdringt den Raum. Das spielfreudige und akzentuiert agierende Orchester bietet dieser Powersängerin das ergänzende Moment.

Auch wenn wir uns heute nicht vorstellen können, wie die großen Kastraten wirklich geklungen haben, bringt doch „Farinella“ zumindest die Ahnung von dem technischen Können dieser Künstler (Männer kann man ja nicht sagen!) nahe. Speziell bei Francesco Araias Arie aus „Berenice“ durchzieht sie das gesamte Spektrum an Turbo-Trillern und riesigen Tonsprüngen, alles wird aneinandergereiht, Schlag auf Schlag, so dass noch nicht einmal nach einer Passage mit der Schwierigkeitsstufe 10, die Möglichkeit zum Luftholen bleibt, denn es verlangt die nächste Stimmung wieder vollste Aufmerksamkeit! Inflationär werden endlose Melismen-Ketten aneinander gereiht. Die unglaublich sinnlichen Stücke wie „Lascia la spina“ (Händel/ Il Trionfo del Tempo e del Disinganno) oder Leonardo Leo´s „Qual Farfalla“ verlangen neben des technischen Anspruchs nach reifer, lebenserfahrener Interpretation, Cecilia Bartoli gelingt dies und läßt die Zuhörer eingewoben in einem Kokon von Faszination für diese Stimme und diese Musik mit wohligen Schauern in einen anderen Raum entschweben. Die Mimik der Augen und die einladenden Gesten des Körpers ziehen das Publikum in den Gefühlssog hinein. Es läßt sich leicht vorstellen, dass viele Komponisten ihren Stars die Stücke buchstäblich in die Kehle komponiert haben. Es finden sich unter diesen Arien natürlich auch Stücke, die der Kunst wegen ihre Existenzberechtigung haben, aber es gibt auch Melodien, die mitnehmen in alltagsferne und intensive Gefühlswelten mit wunderschönen Melodien (Antonio Caldara „Quel buon pastor son io“).

Il Senesino (Bild Wikipedia)

Das Kammerorchester Basel brilliert gleichmaßen in der Interpretation einiger Ouvertüren, so verschwenderisch die barocken Formen, mit ihren Voluten und ihrem Schmuck sind, so verschwenderisch zieht die Musikalität mit fast impressionistischer Prägung vorbei und hinterläßt Spuren der barocken Ideologie, die das Leid und die Freude eng beieinander wähnt; so die Ouvertüren Porporas zu „Il Gedeone“ und „Perdono, amata Nice“.

Es bleibt ja immer die Spannung, beschönt die Technik, sind die Stars ihr Geld wert? Für Cecilia Bartoli kann die letzte Frage klar mit JA beantwortet werden. Das Konzert hat gezeigt, dass auch in der modernen Klassik der Künstler kein Unberührbarer ist, sondern er/sie mit dem Publikum in ständiger Korrenpondenz steht. Nicht zuletzt hat Cecilia Bartoli durch ihr offenes, dem Publikum und den Mitmusizierenden zugewandtem Wesen die Zuhörer mit ihr verschmelzen lassen, aber die ungeheure Technik, die gigantische Luft, mit der sie schiere Ewigkeiten im An- und Abschwellen der Töne verharrt, weisen ihr zurecht den Vesuv (hier nicht der Olymp) der Mezzosorpranösen zu. Dass sie dabei kommerzielles Gespür beweist ist auch völlig in Ordnung, keiner kann nur von der Kunst leben, er muss sich auch zu vermarkten wissen.

Ist es ausgleichende Gerechtigkeit der Natur, dass gerade die Kastraten ihre fehlende Männlichkeit durch größeres Gefühl für Sinnlichkeit und Technikverlagerung vom Hüftbereich in die Kehle kompensierten?

Diese Zeiten sind vorbei, auch wenn heute niemand mehr aufgrund seiner Stimme kastriert wird, bleibt die menschliche Natur doch diesselbe. In einer Zeit, wo junge Menschen sich genauso nach Erfolg und Anerkennung sehnen wie vor 300 Jahren? Wo Talentshows in Scharen die Programme aller Fernsehsender bevölkern und die Bewerber in Kauf nehmen, vor einem Millionenpublikum öffentlich von mediengeilen Gestalten erniedrigt zu werden?

Schlussapplaus

Wo junge Frauen sich bewußt auf Kinder-Kleider-Größen herunter hungern, um dazuzugehören, ist das nicht auch eine Form der Verstümmelung? Welches Motiv steckt dahinter? Ist Erfolg, Schönheit und Reichtum an der Kleidergröße zu messen? Wer sich heute wünscht, ebenso erfolgreich, wohlhabend und talentiert zu sein wie sein Idol, sollte nicht vergessen, auch die Schattenseiten der Popularität zu beleuchten, die oft geprägt sind von harter, konsequenter Arbeit; Perfektionismuswahn; zerrüttetem, sozialem Leben und fehlender Privatsphäre. Die Übergänge zwischen Anbetung, Mittelmaß und Lachnummer sind fliessend.

Encore!

Halten wir es mit dem Zitat von Claude Debussy: „Ich bete jeden Tag zu Bach, damit er mich vor Mittelmäßigkeit bewahre.“

Bach als Opernkomponist hätte mir übrigens auch gefallen.

Grüße, Claudia

PS: In den Programmheften der Philharmonie steht jetzt an jeder Textseite: Bitte leise umblättern!