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Der Textverfasser des Liederzyklus: „Schubert’s Winterreise“ Johann Ludwig Wilhelm Müller, Dessau

Alle Welt spricht von „Franz Schubert’s Winterreise“ doch keiner weiß Näheres zu den Textquellen, die Franz Schubert dazu veranlasste, diese Texte 1823 zu vertonen.

Textdichter: Johann Ludwig Wilhelm Müller

 

Johann Ludwig Wilhelm Müller geboren am 7.10.1794 in Dessau, gestorben 1.10.1827 in Dessau wurde als Dichter von Volksliedern bekannt. Insbesondere „Das Wandern ist des Müllers Lust“ und das mit der Zeile „Am Brunnen vor dem Tore“ beginnende Lied „Der Lindenbaum“ haben ihn bekannt gemacht.

Müller besuchte zur Vorbereitung auf die Universität die Dessauer Hauptschule, bevor er mit 18 Jahren 1812 nach Berlin ging um dort sein Studium in klassischer Philologie und Germanistik anzutreten. Bereits im Februar unterbrach er jedoch sein Studium und trat als Freiwilliger in das preußische Heer ein und nahm an den Befreiungskämpfen gegen Napoleon teil. Ein Jahr später wurde er zum Leutnant ernannt und führte seinen Militär-Dienst in Brüssel / Belgien weiter.

In dieser seiner Brüsseler Dienstzeit lernte J.L.W. Müller seine große Liebe kennen. Aus dienstrechtlichen Gründen blieb es ihm aber versagt, eine Verbindung mit ihr einzugehen. Es wird vermutet, dass Müller nach seiner Beendigung der Dienstzeit in Brüssel auf der Zugrückreise im Winter nach Berlin die ersten Strophen der Winterreise aus seinen frischen und traumatischen Erlebnissen der unerfüllten „Großen Liebe“, die nicht zustande kommen konnte, niedergeschrieben hat. 1818 erschuf er den Gedichtzyklus „Die schöne Müllerin“, in dem er die unerfüllte Liebe eines Müllerburschen zur Müllerin behandelt.

Ab 1818 besuchte er den literarischen Salon in Berlin, wo er die Bekanntschaft von Gustav Schwab, Achim von Arnim, Clemens Brentano und Ludwig Tieck machte. In dieser Zeit unternahm Müller auch eine Bildungsreise nach Italien. Im April 1819 wurde er Gymnasiallehrer, später auch Herzoglicher Bibliothekar in seiner Heimatstadt Dessau, 1824 erfolgte die Ernennung zum Hofrat. Von einer Erkrankung am Keuchhusten 1826 konnte er sich nicht mehr richtig erholen, er starb im Alter von 33 Jahren am 1. Oktober 1827 an einem Herzschlag in Dessau.

Müller schrieb viele Gedichte, die zu Volksliedern wurden. Er wurde allerdings oft als mittelmäßiger Autor der Romantik abgewertet. Bekannt, und berühmt bis heute, wurde er hauptsächlich durch die Vertonungen seiner Lieder durch Franz Schubert. Der Zyklus ,,Die Winterreise“ ist nur eines von vielen Werken, die in den letzten acht Jahren seines Lebens erschienen.

Die Form des Zyklus ,,Die Winterreise“ umfasst 24 Gedichte mit meist jambischen oder trochäischem Versmass. Es erschien zunächst nicht als Einheit, sondern wurde erst nach und nach zusammengesetzt, wobei sich die Anordnung der Gedichte veränderte. ,,Die Winterreise“ erschien einheitlich erst im Jahr 1824.

Franz Schubert (1797-1828)

Franz Schubert (1797-1828), österreichischer Komponist, vertonte die Gedichte. Schubert lernte Müllers Gedichte zuerst im Almanach Urania Taschenbuch im Jahr 1823 kennen und vertonte so die ersten Gedichte. 1827, im Todesjahr Müllers, las Schubert dann die Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten, die den kompletten Gedichtszyklus Müllers beinhalteten. Nachträglich vertonte er auch die restlichen Gedichte und fasste sie mit den anderen zur heute bekannten ,,Winterreise“ zusammen. Schubert komponierte die Winterreise 1827, ein Jahr vor seinem Tod, wobei er Müllers Gedichtzyklus erst nur zur Hälfte kennenlernte, so komponierte er im Februar 1827 nur 12 Lieder, mit der anderen Hälfte kam er wohl erst im Spätsommer des gleichen Jahres in Berührung.

1828 wurde der Liederzyklus von Schubert vollendet, ein Jahr vor seinem Tod. Neben den bekanntesten Liedern Schuberts gehört die Winterreise, der Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ sowie seine Vertonungen einiger Gedichte Goethes zu seinen bekanntesten Liedervertonungen. Müller als Textgeber und Schubert als Komponist sind sich in ihrem Leben nie begegnet.

Eine konkrete Handlung im dramatischen Sinn besitzt die Winterreise nur in einem sehr geringen Maße; geschildert wird das Schicksal eines Mannes, der aus enttäuschter Liebe zu einer Wanderung in die Winternacht aufbricht (Nr. 1: Gute Nacht). Auf seinem Weg, der im zunehmenden Maße in Einsamkeit und Verzweiflung führt, wird der Wanderer mit verschiedenen Empfindungen konfrontiert, die vom Ausnutzen der Gefühle (Nr. 2: Die Wetterfahne), über wilden Trotz (Nr. 22: Mut) bis hin zu Selbstmordgedanken (Nr. 5. Der Lindenbaum) reichen. Diese 24 Stationen eines Weges ins nicht bilden sozusagen Schlaglichter auf dem Pfad in die innere Emigration. Auf seiner Reise trifft der Wanderer auf keine weiteren Personen, lediglich Hunde und Krähen sind seine Begleiter, erst am Ende trifft er auf einen Gefährten (Nr. 24: Der Leiermann), der, genau wie er, ein Außenseiter ist, der sogar von den Hunden gemieden wird. Darüber hinaus kann die Gestalt des Leiermannes auch als Todessymbol gedeutet werden (der Tod als Spielmann).

Da die Winterreise sowohl aufgrund ihrer technischen Anforderungen als auch durch ihre inhaltliche Tiefe als der wohl wichtigste Beitrag zur Gattung des Kunstliedes gilt, ist es nicht verwunderlich, dass sie für jeden Musiker, der sich mit Kunstliedern beschäftigt, zum Pflichtprogramm gehört. Kein anderer Liederzyklus ist so oft auf Schallplatte eingespielt oder bearbeitet worden. Alleine der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau nahm dieses Werk ein Dutzendmal auf, zu den weiteren bedeutenden Interpreten gehören Hans Hotter, Peter Anders, Hermann Prey und Thomas Quasthoff.

Vielfach bildete die Winterreise auch eine Vorlage für diverse Bearbeitungen: 1993 schuf der deutsche Komponist Hans Zender mit Schuberts Winterreise  – eine kompositorische Interpretation eine Version für Tenor und kleines Orchester, bei denen bestimmte Details durch Effekte hervorgehoben, manchmal aber auch umgedeutet werden. Weitere Fassungen entstanden für Singstimme, Sprecher und Gitarre, für Singstimme und Kammerorchester, für Singstimme und Streichquartett sowie für Singstimme und Drehleier.

Eine inhaltsreiche Seite mit Gedanken zu Schuberts-Winterreise nachstehend:

Link: Gedanken zu Schuberts Winterreise von Achim Goeres

(Textauszüge: www.lukas14.de/category/kulturtip

und http://www.theaterspielen.ch/erlebnisse/2007/Seminare_Koeln_dez07.pdf)

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Ein wunderbarer Interpret des Kunstliedes wurde im Blog vorgestellt:
Link: https://meinhardo.wordpress.com/2010/02/01/cd-vorstellung-die-schone-mullerin-–-james-gilchrist/

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CD-Vorstellung: Beethoven „An die ferne Geliebte“ und Schubert „Schwanengesang“ – James Gilchrist und Anna Tilbrook

Vor fast einem Jahr stellte ich Euch die beeindruckende erste CD der Schubert-Reihe von James Gilchrist und Anna Tilbrook bei dem Label ORCHID Classics mit dem Liedzyklus „Die schöne Müllerin“ von Franz Schubert vor.

Vor kurzem ist die zweite CD der beiden Künstler in dieser Reihe erschienen, diesmal mit den beiden Liedzyklen „An die ferne Geliebte“ von Ludwig van Beethoven sowie mit „Schwanengesang“ von Franz Schubert. Auch diese CD ist sehr bewegend. Alles, was ich damals geschrieben habe, wird bestätigt und sogar noch übertroffen. Die regelmäßigen Leser dieses Blogs wissen, dass es von mir keine musikwissenschaftlich fundierte und ausgewogene Rezension gibt, sondern, dass ich meine persönlichen Eindrücke schildere, die bestimmt nicht allgemeingültig zu sehen sind.

 

„An die ferne Geliebte“ von Ludwig van Beethoven wird als der erste Liederzyklus überhaupt angesehen. Orginalzitat James Gilchrist:“ … Das Werk hat etwas besonders Zierliches an sich und eine Leichtigkeit, die fast ehrfürchtig anmutet. Es ist wunderschöne gearbeitet, besitzt durch die sanften Accelerandi zwischen den Sätzen eine ruhelose, jugendliche Aufregung sowie eine besonders befriedigende Symmetrie, die sich dank des ersten und letzten Satzes – die beide in der warmen, angenehmen Tonart Es-Dur stehen – einstellt. …“ Ja, und so singt er es auch, wunderschön, voller Wärme, voller Zuneigung – sehr, sehr innig.

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Anfang April 2011 veröffentlichte ORCHID Classics ein Promotion-Video, in dem es Ausschnitte aus der CD mit ergänzenden Kommentaren von James Gilchrist zu hören und zu sehen gibt.:

 

„Schwanengesang“ (D 957) ist eine Sammlung von Liedern des Komponisten Franz Schubert (1797–1828). Die Lieder entstanden August bis Oktober 1828. Die Werkzusammenstellung beinhaltet vertonte Gedichte von Ludwig Rellstab, Heinrich Heine und eins von Johann Gabriel Seidl. Da es sich um Schuberts letzte größere Komposition handelt, erhielt die postum veröffentlichte Sammlung nachträglich den Namen Schwanengesang, traditionell die Bezeichnung für das letzte Werk eines Künstlers. Dies bedeutet jedoch nicht – wie James Gilchrist in seinem Beitrag im Booklet sehr schön ausdrückt – dass der Zyklus ein Alterswerk, sondern das Werk eines jungen Komponisten und noch jüngerer Dichter darstellt. Die einzelnen Lieder bieten eine sehr große Spannbreite an Emotionen und Intensität. Sie erzählen keine durchgehende Geschichte wie in „Die schöne Müllerin“ oder „Winterreise“. Da gibt es bei den Rellstab Liedern freundliche Lieder wie „Liebesbotschaft“, die James Gilchrist eben auch freundlich und mit sehr viel jugendlichem Enthusiasmus singt. Da gibt es „Kriegers Ahnung“, fast eine kleine Oper, die er hier voller Dramatik den Zuhörer erleben lässt. Was müsste dieser Sänger auf der richtigen Opernbühne lebendig werden lassen? Und natürlich – das von Wunschkonzerten überstrapazierte „Ständchen“: liebevoll, zärtlich, innig – aber nie kitschig. Welch ein Genuss!

Die Heine-Lieder sind stilistisch ganz anders, eine viel größere Bandbreite an Farben und eben auch an Farblosigkeit, die Sänger und Pianistin wirklich alles abverlangen. So wie die Musik wirklich an Grenzen geht, müssen das auch die Interpreten tun. „Der Atlas“: hier interpretieren sie nicht nur den Kampf, sie erleben ihn und machen ihn regelrecht fühlbar, diesen unglaublichen, unmenschlichen, zermürbenden Kampf des Atlas. Und am anderen Ende steht „Der Doppelgänger“. Mit welch fahlen Tönen machen sie die innere Qual so hörbar, dass sich beim Zuhörer unweigerlich Gänsehaut einstellt.
James Gilchrist will erzählen, will, dass man ihm zuhört, will berühren und er tut das auf eine sehr berührende, sehr persönliche Art und Weise und ganz nebenbei – mit einer nahezu perfekten Aussprache. Wie ich bei der letzten CD schon schrieb: eine Deutlichkeit, von der sich so mancher muttersprachliche Sänger eine Scheibe abschneiden kann. Ganz im Gegenteil, es gibt durchaus sehr bekannte deutsche Liedsänger, die immer wieder als Maßstab herangezogen werden, bei denen ich ständig zusammenzucke. Hier sind es mal ein oder zwei Stellen, wo ein wenig Akzent durchschimmert, wie unwichtig in diesem Kontext. Wie gut, dass die CD mit der „Taubenpost“ schließt, das letzte von Franz Schubert komponierte Lied vor seinem plötzlichen Tod mit einem sehr naiven Text, aber mit so wunderschöner Musik und so wunderbar gesungen. Keiner muss am Ende verzweifeln, mit einem Lächeln geht das Leben weiter.

Dies ist für mich ganz persönlich meine CD des Jahres. Normalerweise scheue ich solch eine Aussage, weil ich mich nie entscheiden kann, was wirklich das Beste ist und Oratorien, Instrumentalkonzerte und Lieder wirklich nicht miteinander vergleichbar sind. Hier liegt ein Stapel verschiedenster neuer CDs mit ganz großartiger Musik. Aber diese Cd liegt bei mir ganz oben, wegen ihrer unglaublichen Intensität, dieser starken persönlichen Ansprache, ja ganz einfach, weil sie ganz tief berührt. Mich jedenfalls.

Hier die Links zum Bestellen:
über Volkers Partnershop
über JPC

Es gibt die CD auch als Downloadversion, aber zumindest bei JPC ist nicht das Booklet dabei. Dabei ist dies, da alle erklärenden Texte auch in Deutsch enthalten sind, sehr lesenswert.

Wenn ich schon dabei bin, stelle ich Euch gleich noch eine zweite CD von James Gilchrist und Anna Tilbrook vor, die nahezu zeitgleich mit einem Kontrastprogramm bei Linn Records erschienen ist. Hier sind Werke von Kenneth Leighton (1929-1988) und Benjamin Britten (1913-1976) zu hören. Für unsere Bach-geschulten Ohren ist es etwas schwierige Musik. Aber es lohnt sich, einmal über seinen Horizont herauszuschauen und ein wenig Mühe und Zeit zu investieren. Winter Words von Benjamin Britten ist ein sehr bekannter Zyklus, den Britten für seinen Lebensgefährten Peter Pears geschrieben hat. Sehr interessante Musik, die mich zwar nicht wirklich anspricht, vielleicht, weil ich nicht auf Anhieb den Sinn der Texte verstehe oder da, wo ich verstehe (Choirmasters Burial), ich zutiefst betroffen bin, aber so, WIE sie gesungen wird von Gilchrist, ist sie sehr beeindruckend. Kenneth Leightons „Earth, sweet earth“ dagegen hat mich beim ersten Hören, obwohl auch dies für mich sehr ungewohnte Musik ist, regelrecht in Trance fallen lassen. Es geht, wenn ich es richtig verstanden habe, um die Bewahrung der Schöpfung vor Zerstörung, ein mehr als aktuelles Thema. Sehr bewegende Musik – und sehr bewegend, zu Herzen gehend gesungen.

Auch hier die Links zum Bestellen:
über Volkers Partnershop
über JPC

Ein ganz persönlicher Eindruck von zwei ganz unterschiedlichen CDs – aber beiden gemeinsam ist die unglaublich Intensität, mit der James Gilchrist und Anna Tilbrook Musik lebendig werden lassen. Auf die Winterreise, die sicher folgen wird, bin ich jetzt schon gespannt.
Barbara