Archiv der Kategorie: Konzertbesuche-Rezensionen

Eine bewundernswerte Aufführung von zwei Bach-Kantaten in der Universität Barcelona von BZM

Eine bewundernswerte Aufführung von zwei Bach-Kantaten in der Universität Barcelona von BZM

Paranimf“ in der Universität de Barcelona Cantates BWV 173 und 198 de J.S. Bach von BZM – (BACH ZUM MITSINGEN) am 18. März 2017.

„Paranimf – Auditorium“ des historischen Gebäudes der Universität von Barcelona, erbaut vom Architekten Elies Rogent. Das Auditorium ist das Wahrzeichen des historischen Gebäudes. Gedacht als das Herz des Universitätslebens , liegt im zentralen Teil des Gebäudes befindet sich direkt über der Lobby. Der Bau des Auditoriums wurde 1884 beendet. Die sechs große Gemälde mit historischen Themen beeindrucken. Das „Paranimf“ ist Schauplatz von zahlreichen akademischen, wissenschaftlichen und kulturellen Veranstaltungen.

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Der Bach-Zyklus wurde fortgesetzt von BZM  (BACH ZUM MITSINGEN) mit zwei der bekanntesten Kantaten von J.S. Bach.

BWV 173 & BWV 198 

Freier Eintritt mit begrenzter Kapazität von 400 Personen.

Carine Tinney, Sopran (Schottland)
Maria Chiara Gallo, Mezzosopran (Italien)
Matthew Thomson, Tenor (Australien / z.Zt. in Spanien)
Oriol Mallart, Bariton (Spanien)

(Solisten: GRANT BACH 2017)

Katy Elkin, Oboe d’amore
Daniel Ramirez, Oboe d’amore
Marina Comas, Travers
Haben Clara, Travers
Anna Casademunt, Viola da gamba
Rahmen Linde, Viola da gamba
Maria Roca, Violine
Nuno Mendes, Violine
Nuria Pujolràs, Viola
Igor Davidovics, Laute
Frances Bartlett, Cello
Daniel Tarrida, Orgel und

Dirigent: Pau Jorquera


„Erhöhtes Fleisch und Blut“ (BWV 173) ist eine Kirchen-Kantate von Johann Sebastian Bach. Er komponierte sie in Leipzig für den 2. Pfingsttag und führte sie wahrscheinlich am 29. Mai 1724 zum ersten Mal auf. Ihre Musik beruht vollständig auf der Köthener Glückwunschkantate Durchlauchtster Leopold, BWV 173a.

„Laß, Fürstin, laß noch einen Strahl“ (BWV 198)  ist eine weltliche Kantate , die von Johann Sebastian Bach als Trauerfeier komponiert wurde , die erstmals am 17. Oktober 1727 aufgeführt wurde . In Wolfgang Schmieders Katalog von Bachs Werken ( BWV) wurde ihm die Nummer 198 zugewiesen . Es ist auch bekannt als Trauerode oder als Trauerode: auf den Tod der Königin Christiane Eberhardine .


Beim Betreten des Paranimf – Auditorium umfing uns sofort die großartige Atmosphäre dieses wunderbaren Paranimf mit seinen gewaltigen und beeindruckenden Wand-Gemälden aus der Geschichte von Katalonien. Hohe Decken und ein Steinfliesboden ergaben eine gute Akustik.

BZM führte die Kantaten BWV 173 und das BWV 198 auf.

Der Chor, aus Laiensänger mittleren Alters und das Barockorchester mit historischen Instrumenten, wurden ihrer Aufgabe, die zwei Kantaten zu interpretieren, vollauf gerecht. Die Gesangs-Solisten rekrutierten sich aus dem Bach-Projekt für „Junge Künstler“, das alljährlich von BZM durchgeführt wird. Hier sollen sie in einem öffentlichen Konzert ihre Praxis des Erlernten, vervollständigen können.

Hier war leider von den Gesangs-Solisten ein absolutes Manko zu bemerken. Der Deutsche Text fiel ihnen offensichtlich schwer, im Gesang darbieten zu können. Eine Ausnahme war der spanische Bariton Oriol Mallart, der den deutschen Text gut und verständlich auszudrücken vermochte.

Das Barock-Orchester bestand aus sehr jungen Mitgliedern, die mit einer herzerfrischenden Freude einen guten Eindruck zu vermitteln mochten. Ein rühriger und junger Dirigent des Gesamt-Projektes: Pau Jorquera, wurde seiner Aufgabe mehr als gerecht und führte das Orchester, Chor und die Gesangs-Solisten mit einem ruhigen Dirigat gekonnt durch die Kantaten.

Ein absolutes Manko aus deutscher Sicht, wie sich alle in der Kleidung präsentiert haben. Hier werden sie den Vokal-Werken von Johann Sebastian Bach nicht gerecht. Bachs tiefe Frömmigkeit sollte von allen auch in ihrer äußeren und inneren Anteilnahme zum Ausdruck gebracht werden. Turnschuhe, Sporthemden und Sport-Hosen machten das gesamte Eindrucksbild zu einem Fiasko. Solch Auftreten wäre in Deutschland nicht möglich und sollte zu einem Umdenken vom BZM führen. Ich hoffe und wünsche, dass in Zukunft in Barcelona vom BZM mehr darauf geachtet wird, in einer festlicheren Kleidung J.S. Bachs Werke den Besuchern zu übermitteln.

Gesangs-Solisten von Links: Carine Tinney (Sopran) Maria Chiara Gallo (Mezzosopran) Matthew Thomson (Tenor) Ariel Mallart (Bariton).

Ein großartiger Schlussapplaus der Besucher bedankte sich bei allen Beteiligten.

Ein kleines Video, aufgenommen mit dem iPhone, füge ich meiner Rezension bei. Es ist der Schlusschoral aus dem BWV 198 „Laß, Fürstin, laß noch einen Strahl“ – „Doch, Königin! du stirbest nicht“


Herzliche Grüße

Volker

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Das Weihnachtsoratorium von J.S. Bach – BWV 248 in der Münsterkirche, Herford

Weihnachtsoratorium im Herforder Münster

Unter Leitung von Münsterkantor Stefan Kagl erklangen vier Kantaten aus Johann Sebastian Bachs populärem Werk

Unter der Leitung von Stefan Kagl führen Münsterchor, Kinderchöre am Münster, Solisten und das Orchester "La "Réjouissance" Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium auf. - Foto: © Ralf Bittner

Unter der Leitung von Stefan Kagl führen Münsterchor, Kinderchöre am Münster, Solisten und das Orchester „La „Réjouissance“ Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium auf. – Foto: © Ralf Bittner

Herford. „Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage“ jubelten Münsterchor, Kinder- und Jugendchor, begleitet von Pauken und Trompeten des Orchesters „La Réjouissance“ im Münster.

Mit dem mächtigen, jubilierenden Choral beginnt Johann Sebastian Bachs 1734/35 uraufgeführtes Weihnachtsoratorium. In der 1. Kantate wird die Geburt des Jesuskindes gefeiert, dementsprechend war sie ursprünglich zur Aufführung am 1. Weihnachtstag gedacht. Die fünf weiteren Kantaten sollten an Festtagen in der Zeit bis bis zum Epiphaniasfest, dem Dreikönigsfest am 6. Januar, aufgeführt werden. Obwohl das Oratorium die Zeit von Jesu bis zum Besuch der drei Weisen aus dem Morgenland behandelt, hat Bachs populäres Werk bis heute seinen festen Platz in der Adventszeit.

Mehr als 500 Zuhörer im Münster stimmten sich mit dem von Münsterkantor Stefan Kagl geleiteten Konzert am Sonntag auf ihr Weihnachtsfest ein. Auf dem Programm standen…..

weiter zum ganzen Artikel der NW

Kantatengottesdienst mit dem Herforder Münsterchor am Sonntag, 27.11.2016 – BWV 186a „Ärgre dich, o Seele, nicht“

Kantatengottesdienst des Herforder Münsterchors

Mit sicherer Hand: Münsterkantor Stefan Kagl leitet das philharmonische Bachorchester und den Münsterchor. Foto: © Tenta

Mit sicherer Hand: Münsterkantor Stefan Kagl leitet das philharmonische Bachorchester und den Münsterchor. Foto: © Tenta

Julia Borchert trat als Solistin auf !

Herford. Vor genau 300 Jahren komponierte Johann Sebastian Bach die Adventskantate BWV 186aÄrgre dich, o Seele, nicht“ über einen Text von Salomon Franck. In seiner Zeit als Thomaskantor hat Bach dieses Werk noch erweitert. Münsterkantor Stefan Kagl hat sich, zusammen mit dem Herforder Münsterchor, der seltener zu hörenden Urfassung dieses Werks angenommen.

Für die vier Soloarien konnten vier exzellente Solisten gewonnen werden. Dieter Goffing überzeugte mit seiner Bass-Arie, schlicht aber eindringlich begleitet von tiefen Instrumenten. Besondere Freude bereitete die Gelegenheit, Julia Borchert in Herford erneut hören zu können. Die heute deutschlandweit gefragte Sopranistin hatte als Schülerin in Herford erste kirchenmusikalische Erfahrungen gewonnen. Ihr Mitwirken bei dieser Aufführung war auch als Dank an ihre damalige Chorleiterin, Annette Lindenkamp zu verstehen, der mit diesem Festgottesdienst für ihr jahrzehntelanges Engagement für das Musikleben in Herford gedankt wurde (die NW berichtete).

 

Stefan Kagl führte den Münsterchor und das philharmonische Bachorchester mit sicherer Hand durch die anspruchsvolle Komposition. Der Chor schien schwerelos zu singen, getragen von einfühlsamen, kompetenten Instrumentalisten.

Pfarrer Hans-Detlef Hoffmann ging in seiner anschließenden Predigt auf die zuvor gehörte Kantate ein. Mit theologischer Gelehrsamkeit und musikalischer Sachkenntnis wurde Bachs selten gehörtes Werk noch einmal lebendig gemacht. Manche Gottesdienstbesucher haben sich sicher im Anschluss gewünscht die Kantate ein zweites Mal, mit neu gewonnener Erkenntnis erleben zu können.

Münsterkantor Stefan Kagl war an diesem Sonntag nicht nur als Dirigent, sondern auch als Organist zu erleben. Als Begleiter der Kirchenlieder begnügt er sich nicht damit die Gemeinde hinter sich her zu ziehen, sondern nützt diese Aufgabe zur kreativen Gestaltung. Mit dem von ihm vorgetragenen Orgelnachspiel von Heathcote Statham, konnte ein in Deutschland selten zu hörender Komponist entdeckt werden. Während Stathams Orgelspiel war 1938 die Orgel der Norwich Kathedrale in Flammen geraten. Kagls Interpretation der Fantasie über „Veni Emmanuel“ war hingegen, gottlob „nur“ herzerwärmend.

Copyright © Neue Westfälische 2016

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Zum Video: J.S. Bach Adventskantate BWV 186a „Ärgre dich, o Seele, nicht“

J.S. Bach – Kantate BWV186a „Ärgere dich, o Seele, nicht“ (Musik verschollen)

Eine Rekonstruktion der Kantate wurde 1963 von Diethard Hellmann veröffentlicht.

Besetzung Soli: S A T B, Coro: S A T B, Oboe I/II, Taille, Fagotto, Violino I/II:, Viola, Continuo
Entstehungszeit: 1716 Weimar
Text: Salomo Franck 1717
Bemerkungen: Musik verschollen aber in wesentlichen Teilen in BWV 186 erhalten.
Anlass: 3. Adventssonntag

1. Coro Oboe I/II, Taille, Fagotto, Violino I/II, Viola, Continuo

Ärgre dich, o Seele, nicht,
Dass das allerhöchste Licht,
Gottes Glanz und Ebenbild,
Sich in Knechtsgestalt verhüllt.
Ärgre dich, o Seele, nicht!

2. Aria B Continuo

Bist du, der da kommen soll,
Seelenfreund im Kirchengarten?
Mein Gemüt ist zweifelsvoll,
Soll ich eines andern warten?
Doch, o Seele, zweifle nicht.
Lass Vernunft dich nicht verstricken,
Deinen Schild, o Jakobs Licht,
Kannst du in der Schrift erblicken!

3. Aria T Viola, Continuo

Messias lässt sich merken
Aus seinen Gnadenwerken,
Unreine werden rein.
Die geistlich Lahme gehen,
Die geistlich Blinde sehen
Den hellen Gnadenschein.

4. Aria S Violino I/II, Continuo

Die Armen will der Herr umarmen
Mit Gnaden hier und dort!
Er schenket ihnen aus Erbarmen
Den höchsten Schatz, des Lebens Wort!

5. Aria S A Oboe I/II, Violino I/II, Viola, Continuo

Lass, Seele, kein Leiden
Von Jesu dich scheiden,
Sei, Seele, getreu!
Dir bleibet die Krone
Aus Gnaden zu Lohne,
Wenn du von Banden des Leibes nun frei.

6. Choral Oboe I/II, Violino I/II, Viola, Fagotto, Continuo

Darum, ob ich schon dulde
Hie Widerwärtigkeit,
Wie ich auch wohl verschulde,
Kommt doch die Ewigkeit,
Ist aller Freuden voll,
Dieselb ohn einigs Ende,
Dieweil ich Christum kennt,
Mir widerfahren soll.
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Die Kantate basiert auf einem Kantatentext von Salomo Franck für den Dritten Adventssonntag, der 1717 in den Evangelischen Sonn- und Fest-Tages-Andachten erschienen ist. Seine Texte enthalten die Sätze 1, 3, 5, 8, 10 des späteren Werkes und einen anderen Schlusschoral von Ludwig Helmbold. J.S. Bach komponierte die Musik, BWV 186a, 1716 in Weimar, wo sie zum ersten Mal am 13. Dezember 1716 aufgeführt wurde.

Ensemble: Ton Koopman

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Herzliche Adventgrüße

Volker

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Der Dresdner Kreuzchor sang in der Marienkirche Herford

Der Dresdner Kreuzchor sang in der Marienkirche Herford

Die etwa 70 zwischen 9 und 18 Jahre alten Sänger zeigten Chormusik auf höchstem Niveau!

Der Dresdner Kreuzchor gab ein Konzert in der Marienkirche Herford

        Der Dresdner Kreuzchor gab ein Konzert in der Marienkirche Herford. Foto: Ralf Bittner

Herford. „Eigentlich hatten wir den Chor so kurz nach dem Tag der deutschen Einheit eingeladen, um Gott für diese zu danken“, sagte Pfarrer Mathias Storck zu Begrüßung der 700 Konzertbesucher in der Marienkirche, jetzt gebe es aber einen zweiten Anlass, nämlich zu zeigen, dass zwei Jahre Pegida in Dresden 800 Jahre Musik zum Ruhme Gottes nicht übertönen könnten.

70 Sängerknaben: seit 1997 leitet Roderich Kreile als 28. Kreuzkantor seit der Reformation den inzwischen 800 Jahre alten Chor. Foto Ralf Bittner

70 Sängerknaben: seit 1997 leitet Roderich Kreile als 28. Kreuzkantor seit der Reformation den inzwischen 800 Jahre alten Chor. Foto Ralf Bittner

Seit inzwischen 800 Jahren, besteht der heute von Roderich Kreile geleitete Dresdner Kreuzchor mit Sängern im Alter zwischen 9 und 18 Jahren. Der Chor erlebte dabei nicht nur historische Umwälzungen verschiedener Art und die Reformation, sondern auch die Entwicklung der Musik von anfangs eher schlichter Einstimmigkeit bis zu den zeitgenössischen, teils achtstimmigen Werken. Auch das eineinhalbstündige Programm, das der Chor präsentierte, deckte fast 500 Jahre geistliche Musikgeschichte ab…..

Zum ganzen Artikel der NW


Video: Am 9. Oktober 2009 gastierte der Dresdener Kreuzchor in der Salvatorbasilika der Eifelstadt Prüm. Zum Abschluss eines sehr anspruchsvollen Programms gab es die Mottete „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“, BWV 226, von Johann Sebastian Bach.

Herzliche Grüße
Volker

John Eliot Gardiner und die Matthäus-Passion in Königslutter

Mittwoch, 15. Juni 2016 im Kaiserdom zu Königslutter

Johann Sebastian Bach

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Der Kaiserdom in Königslutter (Foto: mb)

Matthäus-Passion

Mitwirkende:
James Gilchrist, Evangelist
Stephan Loges, Jesus
Hannah Morrison, Sopran
Eleanor Minney, Alt
Reginald Mobley, Countertenor
Andrew Tortise, Gareth Treseder, Tenor
Alex Ashworth, Ashley Riches, Jonathan Sells, Bass
Thomaner Nachwuchschor
Thomaner Anwärter
Monteverdi Choir
English Baroque Soloists
Leitung: John Eliot Gardiner

 

Gardiner + Bach + Matthäuspassion

Was soll ich da noch schreiben? Diese drei Begriffe sagen eigentlich alles. Wir erlebten ein unglaublich intensives Konzert. Ich scheue mich eigentlich, diesen Abend Konzert zu nennen, so stark fühlte ich mich in das Geschehen mitten im Kirchenschiff hinein gezogen.

Aber von vorne.

IMG_2371_Kirchenschiff

Die Bühne (Foto: mb)

Die Bühne war wieder in der Mitte des Kirchenschiffes aufgebaut, sodass das Publikum rechts und links davon saß und selbst auf den besten Plätzen zum Teil deutliche Sichteinschränkungen hatten. Einige wenige Plätze gab es auch frontal zum Orchester im Seitenschiff, aber auch dort werden die Säulen die Sicht beschränkt haben. Akustisch war es auch nicht ideal. Die „Turbo“-Turba-Chöre verschwanden dann schon mal wie „Blitze und Donner“ in den Wolken, sprich, manches der sehr filigranen Chöre waren doch etwas verwaschen. Je nachdem, welchem Zuschauerblock die Solisten entgegensangen, waren sie mal intensiver und mal weniger intensiv zu hören. Und manchmal gab es dann auch, je nach unterschiedlichem Schallweg, schwebende Harmonien, die Bach so nicht vorgesehen hatte. Oder hatte er doch? Denn auch das machte für mich einen Teil der Magie dieses Abends aus. Es war kein Konzert, in dem die einzelnen Nummern so gut und so schön wie möglich musiziert wurden, nein, alles war im Schwingen, es wogte hin und her und so entstand etwas jenseits der reinen Schallwellen, was mich zutiefst berührte.

Der Chor und alle Solisten sangen auswendig! Ich denke, das erklärt zum Teil die ungeheure Intensität. Sie hatten das Werk wirklich „in sich“ und konnten es nun „leben“.

Szenenfoto

„Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ (Foto: mb)

Dies begann mit dem Evangelisten James Gilchrist, der die Geschichte mit einer solchen Inbrunst erzählte, dass auch mal (gewollt) die Stimme versagte. Er putschte je nach Situation die anderen Mitwirkenden oder wies ihnen mit ganz viel Empfindsamkeit den Weg zur folgenden Musik. Nur eins ließ er nicht zu: unbeteiligt und distanziert zu sein. Ihm gegenüber stand Stephan Loges, der Jesus mit wunderbar warmem Bass sang. Dadurch entstand ein Dialog zwischen beiden Sängern, der fesselte. Überhaupt Dialog: dass das Orchester durchaus kammermusikalisch musiziert und damit einen große Lebendigkeit entstehen lässt, kennen wir von den English Baroque Soloists. Dass Solisten auch im Konzert miteinander agieren, haben wir auch schon gesehen. Aber dass ein Chor, oder wie hier ein Doppelchor sich die Stichworte zusingt, das habe ich so noch nicht gesehen. Dieses Miteinander und aus dem Herzen kommende Musizieren war schon außergewöhnlich. Die Solisten waren durch die Bank weg einfach wunderbar, nun gut mit einer Arie als Ausnahme. Sie haben die Grenzen in alle Richtungen ausgelotet, sei es mit der herzzerreißenden Arie “ Aus Liebe will mein Heiland sterben“ oder dem verzweifelten und auch aggressiven „Gebt mir meinen Jesum wieder“. Da bebte das Dach. Auch wenn ich hier die Solisten nicht einzeln mit ihren Arien vorstelle, möchte ich doch einen Sänger herausstellen. Es ist vielleicht noch bekannt, dass ich nicht gerade bekennender Countertenor-Fan bin. Aber so schön und so zu Herzen gehend wie hier von Reginald Mobley habe ich die Alt-Arien selten gehört. Diesen Namen wird man sich merken müssen. Dem stand auch Eleanor Minney in nichts nach. So intensiv und „gelebt“ habe ich das „Erbarme dich“ noch nie gehört. Dabei dachte ich schon manches Mal, dass es nicht mehr intensiver geht.

Es ist unfassbar, wie John Eliot Gardiner es immer wieder schafft, solche magischen Momente entstehen zu lassen. Besonders die Ausdeutung der Choräle mit der gewaltigen Intensität in alle Richtungen war für mich sehr bewegend. Da bin auch ich als Zuhörer Teil des Ganzen gewesen.

Es war nicht alles perfekt. Aber mir hat es wieder gezeigt, dass mein Credo „Perfektion ist langweilig“ immer noch gilt und Besonderes nur entstehen kann, wenn das Unmögliche gewagt wird. Wir haben wieder eine Sternstunde erleben dürfen. Dafür bin ich zutiefst dankbar.

Und nein, mit Flipflops habe ich niemanden gesehen. Das Publikum war auf meiner Seite auch sehr konzentriert, auf der anderen Seite war das wohl nicht so der Fall. Aber man kann nicht alles haben.

Meine Gedanken, meine Gefühle – ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit.
Seid gegrüßt
Barbara

Konzertbericht vom Klangvokalfestival in der Probsteikirche Dortmund

Konzertbericht vom Klangvokalfestival in der Probsteikirche Dortmund

Am vergangenen Donnerstagabend fand im Rahmen das Klangvokalfestivals in der Dortmunder Probsteikirche ein Konzert unter dem Titel „Wege zu Bach“ statt, dessen Schwerpunkt Motetten von J.S. Bach und Komponisten mit einem Bezug zur venezianischen Musikszene bildeten.

Propsteikirche in Dortmund

                                     Propsteikirche in Dortmund

Der Grund, warum ich trotz sehr stressiger Woche abends noch nach Dortmund fuhr, um dabei zu sein, war eine Sternstunde im November letzten Jahres, als das hier auch aufführende Ensemble Pygmalion die Essener Philharmonie besuchte und neben anderen Bach`schen Motetten und Kantaten Werken die eher selten gehörte Kantate BWV 190 „Singet dem Herrn ein neues Lied“. Die Balance aus schwunghafter Spritzigkeit, Präzision und Strahlkraft auf der einen, aber auch den für die Bach´schen Werke so charakteristischen Tiefgang auf der anderen Seite, mit der dieses noch junge Ensemble unter seinem künstlerischen Leiter Raphael Pichon die Werke auf die Bühne brannte, ließ mich alten Gardiner-Fan schwer beeindruckt zurück.

Countenor und Dirigent Raphaël Pichon (*1984) gründete 2005 das Ensemble Pygmalion.

Countenor und Dirigent Raphaël Pichon (*1984) gründete 2005 das Ensemble Pygmalion.

Und so organisierte ich mir noch eines der letzten verfügbaren Tickets im vorderen Teil der Probsteikirche und fand mich in Reihe 2 wieder, was doppelt interessant war: Einerseits stand Pichon etwa in meiner Höhe im Mittelgang, so dass ich seine Mimik und Gestik beim Leiten des Konzerts exzellent sehen konnte. Andererseits war die Erfahrung neu, den Klang der Stimmen zu hören, kurz bevor er sich wirklich ausbreitet, was so in etwa ab Reihe 6 der Fall gewesen sein dürfte.

Das Programm bestand nun also aus:

Hans Leo Hassler (1564 – 1612)

„Cantate Domino“ zu zwölf Stimmen

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)

„Lobet den Herrn“ BWV 230

Vincenzo Bertulosi (ca. 1550 – 1608)

„Osculetor meo“ zu sieben Stimmen

Johann Sebastian Bach

„Komm, Jesu komm“ zu acht Stimmen BWV 229

„Jesu meine Freude“ zu fünf Stimmen BWV 227

Nach der Pause:

Johann Sebastian Bach

„Komm, o Tod du Schlafes Bruder“ BWV 56-5

(Die dann an dieser Stelle angekündigte Arie „Vergiss mein nicht, mein allerliebster Gott“ entfiel)

„Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“ zu acht Stimmen BWV sup.159

(Die an dieser Stelle angekündigte Wiederholung des Chorals „Komm, o Tod..“ entfiel ebenfalls)

„Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ zu acht Stimmen BWV 226

Giovanni Gabrieli (1557 – 1612)

„Jubilate deo“ zu acht Stimmen

Johann Sebastian Bach

„Singet dem Herrn ein neues Lied“ zu acht Stimmen BWV 225

Die Auswahl der Werke erfolgte aufgrund der Tatsache, dass lange, bevor Bach das Licht der Welt erblickte, Venedig als Innovationsquelle der Musik, als „nuova musica“ galt. Viele namhafte Kapellmeister wie Adrian Willaert, die Corellis und natürlich Claudio Monteverdi wirkten hier und zogen auch deutsche Komponisten in ihren Bann, die den weiten Weg nicht scheuten, um sich vor Ort inspirieren zu lassen. Dabei galt speziell die Basilika di San Marco stets als akustische Experimentierbühne. Hier wurden Echoeffekte genutzt und die vielen Winkel, Emporen und Nischen für die Mehrchörigkeit genutzt.

Die Probsteikirche Dortmund ist sicher kein so bekannter Ort wie der venezianische Markusdom, die Akustik jedoch ist fantastisch und so wurde man in Klangwelten entführt, die zumindest mich süchtig machen. Pichon beherrscht es, seine insgesamt um die 30 Sänger und das kleine Continuo-Ensemble (zwei Orgeln, ein Cembalo, ein Cello, ein Bass) exakt, aber lebendig ihren Linien folgend durcheinanderwirbeln zu lassen und dabei immer wieder unerwartete Akzente zu setzen. Immer wieder hat man bei den schnellen Passagen das Gefühl, die Sänger würden die Worte wie Lichtblitze durch die gewaltige Akustik der Kirche schicken. In den Chorälen dann strahlt das Ensemble eine warme, volle, homogene Farbe aus.

Alle Musiker scheinen, als hätten sie die Werke nicht nur als interpretatorische Herausforderung verstanden, sondern auch mit einem gewissen sportlichen Ehrgeiz angefasst, Text und Noten plastisch, aber niemals trocken zu singen. Dazu gelingt ihnen eine frische, schwungvolle Lebendigkeit und ein oft hohes, aber nicht übertriebenes Tempo und eine ausgezeichnete Präzision. Hier wird keine einzelne Note verschludert. Dabei hat Pichon meiner Meinung nach etwas, was ich bisher in dieser Ausprägung nur von Gardiner kenne: Den offensichtlich starken Willen und das Können, dem Werk in all seinen Facetten auf sehr hohem Niveau gerecht zu werden und niemals nachzulassen, noch etwas mehr Bach aus den Noten herauszukitzeln und bei all der Detailversessenheit aber nie den Blick für die Schönheit des Großen und Ganzen zu vernachlässigen.

Die volle Kirche und der schon zur Pause ausgesprochen kräftige Applaus unterstrich, dass im Ruhrpott noch Luft für mehr hochwertige Barockmusik ist. Und er unterstrich, dass selbst in Zeiten der scheinbar immer weitergehenden Niveauverflachung herausragende Talente ihren Platz finden.

Am Mittwoch folgt dann Gardiner in Königslutter. Nach meinen Erfahrungen im dortigen Kaiserdom bei der Aufführung der Matthäsupassion 2005 und den Oster- und Himmelfahrtsoratorien 2013 sind die Erwartungen höchstens gemischt. Die Musik wird wie immer hochwertig sein, aber der Rahmen ist mir bei den genannten Gelegenheiten als sehr unwürdig aufgefallen und hat bisher Enttäuschung und Ärger zurückgelassen. Wieder soll diesmal nun also die Bühne quer mitten im Kirchenschiff stehen und damit dieses Weltklasseensemble vor die Wand musizieren, was der Akustik nicht sonderlich zuträglich ist.

Vorarbeiten für das Konzert am 15.06.16 mit Sir John Eliot Gardiner im Kaiserdom Königslutter

     Vorarbeiten für das Konzert am 15.06.2016 mit Sir John Eliot Gardiner im Kaiserdom Königslutter

Selbst die Höchstpreistickets geben nur Blick auf die Rücken maximal der Hälfte der Aufführenden frei. Dazu Publikum (verdiente Mitarbeiter von Sponsoren, die aber mit der Musik nichts anfangen können?) in Badelatschen, wichtigtuerischem Husten (immer ein wenig lauter als nötig), gelangweiltem Rumgehampel auf den knarzenden Stühlen und ein zweifellos sehr verdienter Veranstalter, der jedoch dank seiner augenscheinlich auf Aufmerksamkeit heischende Gesten nicht zwingend zu dem Rahmen beiträgt, den diese Ensembles und vor allem das Werk verdient hätten. Ist es nicht das schönste, wenn man dann am Ende positiv überrascht wird und das Konzert in vollen Zügen genießen kann?

Herzliche Grüße

Martin

J. S. Bach – Die Matthäus Passion – BWV 244 erklang in der Neustädter Marienkirche in Bielefeld

Liebe Bachfreunde/Innen!

Neustädter Marienkirche Bielefeld.

Neustädter Marienkirche Bielefeld.

Ein deutsch-amerikanisches Gemeinschaftsprojekt ließ in den Tagen vor Palmsonntag in unserer Region Ost-Westfalen-Lippe in 2 erstaunlichen Aufführungen Bach’s Matthäus-Passion, BWV 244 erklingen.

Die beiden Musikhochschulen Detmold und die University of Minnesota School of Musik besuchen sich in einer Partnerschaft schon seit Jahren gegenseitig. Jetzt stellten sie ihr diesjährig gemeinsam erarbeitetes Musik-Werk vor. Bachs Matthäus-Passion-, aufgeführt zuerst in Detmold und am Tag danach in der in der Neustädter Marienkirche in Bielefeld.

Schon oft hatte ich die Matthäus-Passion gehört, doch jetzt leitete mit Anne Kohler, Professorin für Chormusik an der Musikhochschule Detmold eine Frau die Aufführung. Am Tag zuvor war ihr amerikanischer Kollege Mark Russell Smith der Dirigent.

Teilnehmer

                                  Teilnehmer

Frau Kohler setzte in ihrem Dirigat beachtliche Akzente und konnte einen beeindruckenden Spannungsbogen aufbauen. Die Solisten hatten mir alle gefallen. An ihrer Sangeskunst und ihrem Einfühlungsvermögen in den dramatischen Aufbau des Werkes kann ich keine Kritik üben. Eher möchte ich meine Empfindungen in EINEM BILD erfassen.

Barockorchester HfM Detmold und Minesota

Barockorchester HfM Detmold und Kammerorchester University of Minnesota

Das Bild von der MÜHSELIGEN BERGWANDERUNG UND DEM BEFREIENDEM TALBLICK.

‚Das geht meiner Seele nah, weil hier die Unschuld schuldig stirbt.‘ singt die Altistin in ihrem Rezitativ Nr.59. Auch meiner Seele geht es nah, was da als Drama alles passiert: Zuerst setzt sich angefangen mit dem beeindruckendem Eingangschor ‚Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen (Nr.1), eine Prozession von Trauernden in Bewegung. Die Trauernden sehen ihn, den Unschuldigen, nur indirekt und verdeckt, (‚Seht ihn, da, den Bräutigam, als wie ein Lamm‘= Chor II). Von den Anschuldigungen des Volkes und der Hohenpriester wird er verfolgt. Mühsam geht es für alle bergauf, den Weg nach Golgatha. Und immer wieder treibt ein erregter Erzähler (Evangelist) in seinen Rezitativen die Handlung weiter.

Chor der University of Minnesota und Chor der Hochschule für Musik Detmold

Chor der University of Minnesota und Chor der Hochschule für Musik Detmold

Teilnehmer der University of Minnesota und der Hochschule für Musik Detmold.

Teilnehmer der University of Minnesota und der Hochschule für Musik Detmold, Mädchenkantorei Paderborn

Zum Glück gibt es Haltepunkte zum Ausruhen-, eben die Choräle. Auch sind Sopran-und Altarien als tröstliche Betrachtungen eingestreut. Aber sie geben den WANDERNDEN nur wenig Kraft zurück und so treibt das Geschehen unerbittlich einem Höhepunkt entgegen. Pilatus versucht, noch einen Ausweg zu finden (Nr.45-50). Aber das Volk will das Opfer des Lammes. All die ‚falschen Lügen‘ und die ‚falschen Zungen‘ (Nr.33-35) können sich durchsetzen und der Gipfel ist endlich nah. Kein Prophet Elias kommt dem Lamm zur Hilfe (Nr.61d). Jesus schreit abermals laut und die Prozession kann nur noch bitten: ‚Reiß’mich aus all den Ängsten!‘ (Nr.61+62). Die WANDERNDEN erkennen noch, daß ‚dieser wahrlich Gottes Sohn gewesen‘ ist (Nr.63b).

Jetzt kommt für mich der WENDEPUNKT der Passion. GIPFELRUHE breitet sich aus! Und diese Ruhe geht auf den Hörer/in über. Mit dem Bass-Rezitativ und der nachfolgenden Bass-Arie (Nr.64+65) wird ein abendlicher, von Leid und Schmerz befreiter Blick in eine weite, grünende EBENE geöffnet. Ein ‚Friedensschluss‘ ist eingekehrt, In langen, sich wiegenden Noten wird er in der wunderbaren Bass-Arie besungen. Und stehend, wie auf einem ‚Himmelsbalkon‘ treten jetzt die VIER HEROLDE auf, die als Sopran, Alt, Tenor und Bass (Nr.67) in den uns zur Verfügung stehenden VIER Stimmlagen DEN LOHN DER MÜHSAMEN BERGWANDERUNG ausrufen. ‚Die Müh’ist aus!

Der Schlußchor (Nr.68) kann dann nur noch bestätigen, daß die WANDERNDEN sich endlich setzten können und die ‚ängstlichen Gewissensbisse‘ Ruhe finden.

Damit schließt sich mein Bild von der BERGWANDERUNG.

Blumen für die Dirigentin Annette Köhler, Bildmitte.

Blumen für die Dirigentin Annette Kohler, Bildmitte.

Liebe Bachfreunde/Innen!

Zugegeben-, meine Deutung der Matthäus-Passion ist etwas elegisch und symbolhaft, doch ich möchte nach vielen gehörten Bach-Passionen auch mal den Standpunkt einer ‚dürren, laienhaften Musikkritik‘ verlassen und eher die den Menschen aufbauenden und stärkenden Motive beschreiben. Bach verbindet als ‚transatlantischer‘ Brückenbauer und richtet den hörenden Menschen auf. Das reicht mir, um Ostern zu feiern.

Mit vielen Ostergrüßen

Ihr und Euer ADAMO

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Das komplette Konzert vom 18.03.2016 aus dem „Konzertsaal der Hochschule für Musik Detmold“ ist zum Nachhören von der HfM Detmold freigeschaltet worden.

Video: Hochschule für Musik Detmold J.S. Bach - BWV 244 "Matthäus Passion."

        Video: Hochschule für Musik Detmold J.S. Bach – BWV 244 „Matthäus Passion.“

Zum Anhören in das Foto klicken, oder in diesen Text..!!

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Live übertragen am 18.03.2016
Solisten:

Florian Cramer, Evangelist
Jeffrey Martin, Jesus
Carine Tinney, Sopran
Julia Maria Spies, Alt
Maximilian Vogler, Tenor
Mathis Koch, Fabian Kuhnen, Bass
Barockakademie und Orchester der Hochschule für Musik Detmold
Chor und Kammerorchester der University of Minnesota School of Music
Aufbauchor der Mädchenkantorei Paderborn
Leitung: Mark Russell Smith
Eine Veranstaltung der Reihe MUSICA SACRA 2016

Tonmeister: Stefan Antonin, Benjamin Reichert

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