J.E. Gardiner hat die Bach-Biografie in Deutschland veröffentlicht ! „Musik für die Himmelsburg“

Eine Bach-Biografie von John Eliot Gardiner – 

Große Bereicherung

Buchkritik vom 5.10.2016

Seit mehr als 40 Jahren zählt Sir John Eliot Gardiner zu den führenden Bach-Interpreten. Mit seinem Monteverdi Choir hat er weltweit konzertiert und erregte im Bach-Jahr 2000 großes Aufsehen mit seiner „Bach-Pilgerreise“, als er sämtliche 198 Kirchenkantaten Bachs in 59 Konzerten innerhalb eines Jahres aufführte. Parallel zu dieser praktischen Beschäftigung mit Bachs Kompositionen hat sich Gardiner immer auch für den Kontext der Musik interessiert: Er studierte die Autografe, las zeitgenössische Quellen und beobachtete die neuesten Forschungsergebnisse. Seine Erkenntnisse über Johann Sebastian Bach hat Gardiner nun in einem opulenten Buch zusammengefasst. Vor drei Jahren erschien die englische Erstausgabe, nun liegt die deutsche Übersetzung vor, unter dem Titel „Musik für die Himmelsburg“.

Buch-Cover Bach

BUCHVERÖFFENTLICHUNG in Deutsch: John Eliot Gardiner BACH.

„Musik für die Himmelsburg“

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34,00 €
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Das Buch beginnt mit einer kleinen Provokation: John Eliot Gardiner schreibt über Bach, er sei zwar als Musiker unbestritten ein Genie gewesen, als Mensch aber nur sehr schwer zu fassen. Die spärlichen Dokumente, die über Bach erhalten sind, zeichnen eher das Bild einer enttäuschend durchschnittlichen Person. – Für seine Annäherung an Bach wählt Gardiner daher eine andere, viel näherliegende Quelle: die Musik selbst. Sie ist für Gardiner die Essenz, aus der sich die vielschichtigen Charakterzüge des Thomaskantors erschließen.

„Musik für die Himmelsburg“ – so hat John Eliot Gardiner sein Buch überschrieben und möchte diesen Titel doppeldeutig verstanden wissen: zum einen als realen Ort – „Himmelsburg“ nannte man die extrem hohe Weimarer Schlosskapelle, in der Bach seine ersten Kantaten-Serien aufführte. Zum anderen steht „Himmelsburg“ aber auch als Metapher für alle religiös inspirierte Musik Bachs, mit der Gardiner durch die jahrzehntelange praktische Erfahrung genauestens vertraut ist. Knapp die Hälfte des Bandes enthält denn auch Betrachtungen der geistlichen Kantaten, Motetten, Passionen und Messen von Bach.

Dem Autor gelingt hierbei eine eindrucksvolle Synthese: Er schreibt weder anstrengende wissenschaftliche Analysen noch pathetische Exegesen. Stattdessen erhält der Leser eine schlüssige Gesamtschau über das Vokalschaffen Bachs: Gardiner benennt musikalische Höhepunkte, deckt Querbezüge zwischen den Werken auf und stellt Überlegungen zu Bachs Arbeitsweise und Intentionen an. Gardiners Sprache ist hier so plastisch, dass er keine Notenbeispiele zur Unterstützung benötigt; und noch mehr: Seine Ausführungen etwa zu Bachs erstem Leipziger Kantaten-Jahrgang gleichen einer spannenden Geschichte von einem hochmotivierten Kantor, der austestet, wie seine Musik im Laufe des Kirchenjahres auf die Zuhörer wirkt, dabei aber auch unter unglaublichem Zeitdruck steht und sich mit vielen Unwägsamkeiten auseinandersetzen. – Gardiner weiß, wovon er schreibt, und fügt immer wieder geschickt eigene Interpretationserfahrungen ein.

Abseits der Werkbetrachtungen widmet sich Gardiner dem Kontext der Musik. Gleich zu Beginn schildert er seine ganz persönliche Beziehung zu Bach, die schon in frühester Kindheit mit dem Singen von Chorälen begann und über die Gründung des Monteverdi Choir bis hin zur Aufführung sämtlicher Kirchenkantaten führte. Weiterhin zeichnet Gardiner ein faktenreiches Bild von Bachs Lebensumständen in der mitteldeutschen Region an der Schwelle zur Aufklärung und wirft einen Blick auf Bachs komponierende Vorfahren. Ebenfalls sehr originell ist Gardiners Idee, den Werdegang Bachs mit fünf nahezu gleichaltrigen Komponisten zu vergleichen. Händel, Mattheson, Rameau, Telemann und Domenico Scarlatti sind die Auserwählten, deren jeweilige Stärken der Autor treffend hervorhebt. Schließlich nimmt Gardiner auch noch den Starrkopf Bach unter die Lupe, der sich häufig mit Vorgesetzten anlegte und danach beim Musizieren mit seinem Collegium musicum im Café Zimmermann entspannte.

John Eliot Gardiners Buch „Musik für die Himmelsburg“ ist in der Fülle der Bach-Literatur eine große Bereicherung. Der Fokus liegt hier nicht auf einer vollständigen Chronologie oder Werkdarstellung. So finden sich kaum Hinweise etwa auf Bachs Köthener Zeit, auf seine Claviermusik oder seine Orgelwerke. Umso stärker aber werden die Vokalkompositionen beleuchtet und als Kronzeugen für eine Darstellung des Menschen Bach verwendet. Der erscheint beim Lesen immer deutlicher als tief religiös und verwurzelt im mitteldeutschen Luthertum, voller musikalischer Ideen und Eingebungen, aber auch als ehrgeizig und unnachgiebig, kurz: als musikalisch vollkommen und menschlich sympathisch unvollkommen.

Die knapp 700 Seiten sind stets profund, aber doch angenehm leichtfüßig geschrieben. Immer wieder finden Gardiner und sein Übersetzer Richard Barth passende Metaphern, wenn etwa Bachs Arbeitsweise mit der Weitsichtigkeit eines Schachgroßmeisters oder die Betriebsamkeit der ersten Leipziger Jahre mit der hektischen Arbeit an einem Filmset verglichen werden. – Dank Gardiners Bach-Buch kann man dem oft rätselhaften Johann Sebastian Bach wieder ein Stückchen näher kommen.

Buchkritik vom 5.10.2016 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

Zum Nachhören:

Bach-Biografie von John Eliot Gardiner

Große Bereicherung

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5.10. | 15.05 Uhr | SWR2

14 Gedanken zu „J.E. Gardiner hat die Bach-Biografie in Deutschland veröffentlicht ! „Musik für die Himmelsburg“

  1. wallschu

    Danke lieber Volker,

    das ist endlich eine gute Nachricht, dass wir von Gardiner sein Bach-Buch nun auch in Deutschland bekommen können.
    Das ist ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für alle Bach-Kenner und Freunde..!!

    Lieben Gruß
    waallschu

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  2. kwest

    Großartige Neuigkeit, endlich von Gardiner seine Bach-Lektüre in Deutschland bekommen zu können. Seit 3 Jahren gibt es diese Veröffentlichung und wurde bereits in vielen Ländern von Europa publiziert. „Was lange währt, wird endlich gut?“

    Im SWF wurde das Buch als eine großartige Neuerscheinung gelobt. Auf weitere Renzensionen darüber bin ich gespannt. Als ein Bach-Freund wird dieses Buch bei mir am Jahresende auf meinem Schreibtisch zum Lesen liegen.

    Grüße
    kwest

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  3. sommerk

    Ich schließe mich den allgemeinen Kommentaren an und bin stark daran interessiert, dieses Buch von Gardiner über Bach zu erwerben.

    Ein Kauf wird für mich bei meinem Buchhändler sein, den ich durch meine Bücherkäufe unterstützen möchte.

    Herzlichst
    sommerk

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  4. Johann Bernhard

    „J. E. Gardiner hat die Bach-Biografie für Deutschland veröffentlicht!“ – Wie bitte? Dürfen wir in Österreich und die Schweizer das Buch nicht auch lesen? – Also, so viel Bildung sollte schon sein, dass ein Deutscher weiß, dass man nicht nur in Deutschland Deutsch spricht. „… auf Deutsch veröffentlicht!“ muss es heißen!

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    1. kwest

      Lieber Johann Bernhard,

      deine Kritik in allen Ehren. Mir ist nicht bekannt, dass es in der Schweiz oder in Österreich die Veröffentlichung von Gardiner zu bekommen ist. Wenn es der Fall sein sollte, ist deine Kritik berechtigt. Kläre uns als erstes drüber auf, dann werden wir den Artikel entsprechend abändern. Gardiner ist Präsident vom BachArchiv in Leipzig und gehen davon aus, dass sein Buch über J.S. Bach als erstes von ihm so gewollt in dem Land, wo Bach gelebt und gewirkt hat, entsprechend veröffentlicht wurde.

      Herzliche Bach-Grüße aus Deutschland nach Österreich und in die Schweiz

      kwest

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      1. Johann Bernhard

        Lieber kwest,
        deine erstaunliche Antwort in allen Ehren. Ja, Gardiner ist Präsident des Bach-Archivs Leipzig. Und ich unterstütze dieses mit meinen jährlichen Beiträgen als Mitglied der Vereinigung der Freunde des Bach-Archivs und habe seit Jahren als „Friend of the Monteverdi“ auch Gardiners Ensembles mit meinen Beiträgen unterstützt. Es war nie ein Problem für meine Überweisungen, über Ländergrenzen hinweg an ihr Ziel in Leipzig und in London zu gelangen: Warum sollte also Gardiners Buch in Österreich und in der Schweiz nicht zu bekommen sein? Und warum sollte Gardiner so kleinlich sein, die Übersetzung seines Buch über den universellsten aller Komponisten nur für ein bestimmtes Land „als erstes von ihm so gewollt“ veröffentlicht wissen zu wollen? Nur weil Bach in Deutschland gelebt und gewirkt hat? Zu einer Zeit, zu der es noch gar kein Deutschland im heutigen Sinne gegeben hat, weil es erst im späten 19. Jahrhundert zu einem Nationalstaat geworden ist? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Gardiner nur im Entferntesten der Meinung sein könnte, der universellste aller Komponisten „gehöre“ nur den Deutschen und sie hätten ein besonders Vorrecht auf sein Buch. – Behaltet den Titel meinetwegen ruhig bei, wenn ihr das unbedingt für angebracht findet. Ich für meinen Teil habe keinen Zweifel, dass dies keinesfalls Im Sinne zweier so großer Grenzenloser wie Bach und Gardiner ist.
        Ich freue mich jedenfalls darauf, das Buch zu lesen, egal wo ich dann gerade sein werde – irgendwo auf der Welt. Denn Bach und seine Musik wirkten und wirken über alle Ländergrenzen hinweg.
        Herzliche Bach-Grüße zurück nach Deutschland
        Johann Bernhard

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        1. Johann Bernhard

          Lieber kwest,
          noch zwei nicht ganz unbedeutende Ergänzungen:
          – Das Buch ist natürlich zum Beispiel auch im Musikhaus Doblinger zu bekommen (https://www.doblinger.at/de/Artikel/Bach-281580.htm). Doblinger hat seinen Sitz in Wien. Wien liegt in Österreich.
          – Auf der SRW2-Website, von welcher der Artikel übernommen worden ist, lautet die Überschrift einfach nur „Bach-Biografie von John Eliot Gardiner – Große Bereicherung“. Keine Rede von „J. E. Gardiner hat die Bach-Biografie für Deutschland veröffentlich!“, weder in der Überschrift, noch in einer Zwischenüberschrift, noch im Artikel selbst (http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/cluster/gardiner-bach-musik-fuer-die-himmelsburg/-/id=10748564/did=18224486/nid=10748564/17616ow/index.html).
          Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und noch einmal herzliche Bach-Grüße nach Deutschland
          Johann Bernhard

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  5. kwest

    Lieber Johann Bernhard,

    Danke für deine Rückantwort. Durch deine Angaben ist besiegelt worden, dass das Bach-Buch von Gardiner zum gleichen Zeitpunkt in Österreich und der Schweiz veröffentlicht wurde. Somit profitieren wir alle davon und keiner fühlt sich ausgeschlossen.

    Für eine fruchtbare Kritik sind wir alle sehr dankbar.

    Herzliche Grüße nach Österreich

    kwest

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  6. sommerk

    Guten Morgen!
    Es sind bereits viele Kommentare zu der Buchveröffentlichung veröffentlicht worden.

    Aber eine persönliche Frage möchte ich beantwortet wissen, warum wir so lange auf diese Bach-Veröffentlichung in Deutsch warten mussten?

    In England ist bereits vor 3 Jahren die Erstausgabe erschienen..!! Ist es so schwierig, eine englische Lektüre in Deutsch zu übersetzen??? In anderen Sprachen von Europa gibt es das Bach-Buch von Gardiner schon seit einer geraumen Zeit.

    Ich würde mich freuen, wenn mir jemand darüber Auskunft geben könnte, woran es gelegen hat, dass die Bach-Übersetzung mehr als drei Jahre gedauert hat.

    Herzliche Grüße ans Forum

    sommerk

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  7. schulzdieter

    Hallo Bachfreunde, zwei wunderbare Tipps:

    Es wurden so eben zwei Termine für Leipzig und München bekannt gegeben.

    Sir J.E. Gardiner stellt sein Buch über J.S. Bach persönlich vor und wird von einem Moderator unterstützt.

    1. Termin in Leipzig:

    BUCHPRÄSENTATION mit John Eliot Gardiner
    4. November 2016, 20 Uhr
    Altes Rathaus/Festsaal, Markt 1, 04109 Leipzig
    Sir John Eliot Gardiner präsentiert sein Buch „Bach. Musik für die Himmelsburg“ im Gespräch mit Prof. Dr. Peter Wollny (Bach-Archiv Leipzig). Die Veranstaltung findet in deutscher Sprache statt.

    Tickets Online unter:

    http://www.eventim.de

    und an allen bekannten Vorverkaufsstellen sowie an der Abendkasse.
    Veranstalter: Bach-Archiv Leipzig, Leipziger Buchmesse/Leipzig liest, Hanser Literaturverlage

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    2. Termin in München

    Buchpräsentation: Sir John Eliot Gardiner: „Bach. Musik für die Himmelsburg“ Moderation: Reinhard Brembeck (Süddeutsche Zeitung). Die Veranstaltung findet in deutscher Sprache statt.

    Termin
    Samstag, 05.11.2016 um 20:00 Uhr
    Ort Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 80333 München

    Veranstalter: Stiftung Literaturhaus
    Eintritt: Euro 12.- / 8.-

    Zur Veranstaltungs-Website:

    http://www.literaturhaus-muenchen.de/veranstaltung/items/3483.html

    Ticket-Online
    Link:
    https://shop.reservix.de/off/login_check.php?vID=4170&id=6bda419ed9ff66354a6d4fbb374ef0f031c173746f18843921997bc3cf7fbc4d7d2debf0cf88c632b1a28cd5568bd511&eventGrpID=211875&eventID=906340

    ——————————————————————

    Allen Teilnehmern wünsche ich viel Vergnügen !

    Grüße
    schulzdieter

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    Antwort
  8. Volker Autor

    Liebe Bachfreunde/innen!

    Ich bedanke mich sehr herzlich für die vielen Kommentare, die zu Gardiners Bach-Buch abgegeben wurden. Es ist großartig, dass sich wieder neue Mitglieder zu meinem Blog angemeldet haben. Wir profitieren alle davon, wenn viele Meinungen und Beiträge im Blog veröffentlicht werden.

    Liebe sommerk, du hattest folgende Frage gestellt:

    „Aber eine persönliche Frage möchte ich beantwortet wissen, warum wir so lange auf diese Bach-Veröffentlichung in Deutsch warten mussten?“

    Ich hatte damit gerechnet, dass unser Blog-Mitglied Adamo darauf geantwortet hätte. Wie ich seiner Facebook-Seite entnehmen konnte, befindet er sich wohl im Moment auf der Frankfurter Buchmesse und konnte an dem Stand des Verlages Hanser – (Ersteller des Bach-Buches in Deutsch) – aus München folgende Information erhalten:

    …..Warum hat es im Lande Bach’s so lange gedauert, bis das Orginal in der Sprache Luther’s und Bach’s frisch übersetzt vorlag? Ein Mitarbeiter des Hanser-Verlags: Der Sir war mit der ersten Übersetzung nicht zufrieden. Musste so vieles treffender übersetzt werden !! …..

    Somit wird die Frage für dich beantwortet sein.

    Ich wünsche allen ein wunderbares Wochenende und wir werden uns zu meinen Sonntags-Kantaten für den 22. Sonntag nach Trinitatis wieder im Blog einfinden.

    Herzliche Grüße
    Volker

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    Antwort

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