Mein erlebtes Bach-Festival in Leipzig vom 14.6. bis 23.6.2013

Mein Bach-Festival (14.6.-23.6.13)

Bach im Bahnhof Leipzig: BachSpiele 2013 Foto: Gert Mothes

                                       Bach im Bahnhof Leipzig: BachSpiele 2013 Foto: Gert Mothes

I. Da suchte ich nun am Freitag abend (14.6.2013) rechtzeitig zum Eröffnungskonzert vor dem Hauptportal der THOMASKIRCHE noch eine Eintrittskarte zu ergattern. War mir ganz sicher: ‚Du bekommst noch eine Karte. Jemand bietet Dir sie bestimmt an!‘ So geschah es und ich saß plötzlich im Mittelschiff!!

Das Leitmotiv des Bach-Festes sollte ja die VITA CHRISTI sein. Viele waren wohl gespannt, mit welchen Bach-Tönen jetzt gleich der Anfangspunkt zum Leben des Jesus/Christus gesetzt wird. Wo fängt die ‚vita Christi‘ an? In der Süßlichkeit von Weihnachten oder so, daß ICH SELBST zum Wach-Sein und Bereit-Sein gerufen werde. Was sangen dann die Thomaner im Eingangschor von BWV 140: ‚Macht EUCH bereit -WIR SELBST müssen ihm entgegegen gehen‘.

Wollte mir eine so treffend ausgesuchte Eröffnungs-Kantate zu solcher Bereitschaft einen SCHUB VERSETZEN? Da hatten doch die Jungfrauen/-männer ihr Lampenöl/ihre Wachsamkeit  vorschnell durch die Fixierung auf einen anvisierten Tag/Dirigenten verschleudert? Für mich umgedichtet hieß dies: ‚Verschleudere Dein Lampenöl/Deine brennende  Aufmerksamkeit nicht beim x-beliebigen Konzert/Dirigenten. BLEIBE wachsam, höre NEUE TÖNE.  Und ich fand es gut, daß so die Veranstalter mit dieser Kantate tief ansetzten und nicht nur (mir) überdrüssige HIGHLIGHTS anboten.

Eröffnungskonzert traditionell in der Thomaskirche Foto Gert Mothes

                                         Eröffnungskonzert traditionell in der Thomaskirche Foto Gert Mothes

II. Jeden Morgen gab es in verschiedenen Kirchen eine Mette mit  Bach-Kantate, dazu garniert mit geistlichen Konzerten älterer Thomaskantoren wie Schelle oder Kuhnau.  Meistens fand ich Platz in der ersten Reihe, konnte hautnah das Entstehen der Töne erleben. So hörte ich im Lauf meiner Leipziger Zeit  über 10 verschiedene Kantaten und 5 der Bach-Motetten, dargeboten von ausgezeichneten Chören und für mein Nachfragen mir zugänglichen Solisten. Zugänglich in der Weise, daß ich mir besonders eindrückliche Arien und Rezitative nochmal erklären lassen konnte. Das zweigestrichene b im Chor-Sopran-Schluß der Motette ‚Singet dem Herrn‘ (BWV 225) hatte mich schon immer fasziniert. Sodann das Pizzicato und Arpaggio (gezwickte Spielweise) in BWV86 Alt-Arie, wo ‚Dornen-stechen‘ nachgeahmt wird. Der Stimmungsumschlag von den Fischern zu den Jägern in BWV 88 Eingangsarie Bass u.a.. Schade, dss einige Kantaten zeitgleich angeboten waren. Es hätte mir Spaß und Freude gemacht, der Reihe nach und lückenlos die VITA CHRISTI in  Bach’s Kantaten-Welt zu erleben. Bach als Marathon.

III. Der Montag (17.6.) war dann als Forum-Thomanum-Tag gestaltet. Er begann mit der Mette und Kantate in der HAUSKIRCHE der Thomaner-, Lutherkirche nebenan. Den halben Tag hatte ich dann im renovierten ‚Kasten‘ verbracht, wo Führungen, kleine Konzerte im neun Probensaal und Gespräche natürlich mit Kaffee und Leipziger Schnecken verwöhnten. Plötzlich stand (- o Schreck-!)der LEBENDE Thomaskantor vor mir und auch andere Bedienstete wir Krankenschwester für die Thomaner und Hausmeister waren gesprächsbereit.

Alumnat Thomaner Hiller Str. und Sebastian Bach Str.  in Leipzig Foto: W. Adam

                         Alumnat Thomaner Hillerstr. und Sebastian-Bach-Str. in Leipzig Foto: W. Adam

IV. Ja-, und dann kam der Donnerstagabend (20.6.). Sir Gardiner’s Interpretation der Johannes-Passion sollte für mich eigentlich der Höhepunkt werden. Doch wegen des fast  lebensgefährlichen Unwetters mit umgestürzten Bäumen und Wasserstraßen blieb ich in der Tram Nr.3 stecken und erlebte hautnah und tropfnass einen ANDEREN CHORUS, diesmal aus der Matthäus-Passsion: ‚Sind BLITZE und DONNER  in WOLKEN versunken!‘

Ich war heilfroh, dass ich im Unwetter über Leipzig nicht in den ‚Blitz-feurigen Abgrund‘ reingerutscht war und genehmigte mir stattdessen im schützenden Hauptbahnhof 2 Gläser französischen Rotweins. Meine Eintrittskarte musste so verfallen.

BachFest 2013 Leipzig  J.E. Gardiner - Thomaskirche BWV 245 Johannes Passion Foto: Gert Mothes

            BachFest 2013 Leipzig J.E. Gardiner – Thomaskirche BWV 245 Johannes Passion Foto: Gert Mothes

V. Zum Abschluss des Bach-Festes hatte ich mir bewußt die Kantate zum Erntedankfest ‚Es wartet alles auf Dich‘ (BWV 187) genehmigt. Meine Bach-Ernte war nämlich trotz Verkehr und Unwetter reichlich in meinen Scheunen eingefahren und ich konnte nur noch dankbar sein. Dankbar meiner ‚Hausmutter‘ Simone, dass sie mich 10 Tage ertragen hatte, dankbar den Musikern und auch den Leipziger Garten-Parks, die mich immer mit Frische gekühlt hatten. So erlebte ich nochmals die Thomas-Kirche in ihrer eigensten Funktion als Gottesdienstraum und konnte mich von vielen Bekanntschaften verabschieden. So war vom Werkstattwochenende in Höxter ein immer gutmütiger Bass da, meine kanadischen Bekanntschaften wollten auch Abschied nehmen.

Bachfest 2013 Fahrräder mit Bachfest-Logo Foto: W. Adam

                                    Bachfest 2013 Fahrräder mit Bachfest-Logo Foto: W. Adam

Mein Fahrrad musste zwar einmal in eine Fahrradwerkstatt und erfüllte aber ansonsten treu seinen Dienst, mich immer rechtzeitig zu den verschiedenen Leipziger Kirchen zu bringen.

Leih-Fahrräder mit dem Logo BachFest 2013 Foto: Gert Mothes

Leih-Fahrräder mit dem Logo BachFest 2013 Foto: Gert Mothes

I.      VI. Als ich dann am Sonntagabend wieder zuhause war, hörte ich per livestream im Internet die H-Moll-Messe aus der Thomaskirche. Das Abschlußkonzert war also wieder WEIT WEG von mir, da-, wo ich DOCH SO NAHE dran war.

VII.  Leider muß ich sagen, daß mir die Thomaner der H-Moll-Messe trotz ganz guter digitaler Tonqualität nicht zugesagt haben. Warum? Da war keine Spannung und Dynamik in  diesen herrlichen Stimmen (GOLDKEHLCHEN nennen die Leipziger ihre Thomaner. Und hier muß ich dann doch noch ein Kompliment an Sir Gardiner’s Interpretation der beiden anderen Bach-Oratorien (Ostern+Pfingsten) vom 22.6. loswerden. Diese Dynamik und das Aufrechthalten des Spannungsbogens innerhalb der Werke war schon unübertroffen. Diese Trompeten. Auch die Solisten, wie sie aus dem Chorraum der Nikolaikirche zu ihrem Vortrag gerafft und konzentriert neben den Dirigenten traten, ließen unerhörten Ernst spüren. Im Chor selbst fand ich, wie schon öfters festgestellt, eine unmögliche Dominanz OPERNHAFTER und dazu noch ‚knödelnder‘ Männerstimmen (so auch Rezenzion in der LVZ), die mich daran denken ließ, daß Bach doch keine Opern aufführen wollte. Meiner Meinung sollten auch heute sich Interpreten an diese Sicht halten.

Abschlusskonzert mit dem Thomanerchor Foto: Gert Mothes

                             Abschlusskonzert mit dem Thomanerchor Foto: Gert Mothes

Einige Blog-Mitglieder konnten sich vor und nach der Nikolaikirche noch mitreinander austauschen. Allen EUCH einen HERZLICHEN Gruß. Jetzt schauen wir uns leider nur noch ‚digital‘ an. Aber vielleicht kommen wir mal wieder zusammen.

P.S. Wie alle bestimmt wissen, traten 2 Thomaner nach den Begrüßungsreden der Eröffnung vor den Leipziger OB und hielten eine wohlgesetzte Dankesrede, die aber dann in PROTEST umschlug:   ‚Wir haben gelernt, daß Politiker ihr Wort nicht zu halten brauchen‘. Als der OB zum ‚Schulstreit‘ nochmal Stellung nahm, gab es Buhrufe und Pfiffe in der Thomaskirche. Ich hielt den Atem an!

Ich kann nur hoffen, dass alle Beteiligten (Stadtrat, OB, Schulträger, Pfarrer, Schüler) zusammen einen für die Thomas-Grundschule guten Weg finden.

Mit herzlichem Gruß 

Wolfgang

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Video – Link:  

Die Aufzeichnung des Abschlusskonzertes können Sie hier noch einmal ansehen.

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7 Gedanken zu „Mein erlebtes Bach-Festival in Leipzig vom 14.6. bis 23.6.2013

  1. Martin B runnemann

    Danke für den spannenden Bericht. Er gibt mir wirklich etwas, auch wenn „Blitze und Donner“ nicht in den Wolken versinken sondern verschwinden müssten. Sehr schön!

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  2. werner12

    Hallo Wolli,
    danke auch von mir für den farbigen Bericht über das Bach-Festival, an dem ich — obwohl bereits seit einer halben Ewigkeit mit einer Konzertkarte für das Gardiner-Konzert ausgestattet — wegen fehlender Alternativen bei der Urlaubsplanung nur durch einige Berichte hier im Forum teilnehmen konnte. Manchmal geht es halt nicht anders.
    So haben wir BEIDE trotz Eintrittskarte die Johannes-Passion verpasst — im Unterschied zu Dir konnte ich dann aber wohl noch einen Konzertbesucher ohne Karte glücklich machen, der vor dem Konzert vor der Thomaskirche auf genau meine Karte wartete und der statt meiner ein herrliches Konzert gehört hat.
    (Dank an Claudia für die Übernahme des kaufmännischen Teils bei dieser Aktion!)
    Liebe Grüße,
    Werner

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  3. wolfgang

    Noch ’ne Verbesserung:

    Sir Gardiner spielte in der Nikolai-Kirche nicht eine Pfingstkantate, sondern neben dem Oster-Oratorium natürlich das Himmelfahrts-Oratorium. Besonders wirkungsvoll war dabei Choral Nr.6, den er im äußersten Pianissimo anschwellen ließ und dabei zwei Flöten den Choral begleiten ließ. Die Flöten waren noch vor dem Dirigenten postieret, zuerst stimmte nur eine eine, in der zweiten Zeile die zweite. War sehr wirkungsvoll, steht aber so nicht in den Noten.

    Danke an Martin und Werner für Eure wohlwollenden Kommentare.

    Wolfgang

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  4. Volker

    Lieber Wolfgang,

    danke für deinen ausführlichen und persönlichen Bericht von deinen Tagen zum BachFest 2013 in Leipzig. Schön, das wir alle wieder die Möglichkeit hatten uns zu treffen. Die Sichtweise auf deine angesprochenen Arie Nr. 6 aus dem Himmelfahrts- Oratorium BWV 11.. Gardiner ließ im äußersten Pianissimo anschwellen und dabei zwei Flöten den Choral begleiten… das steht aber so nicht in den Noten… ist doch die Genialität eines Bach-Interpreten. Das war so wirkungsvoll gemacht, da verliert man schnell die Fassung. Mit hat das hervorragend gefallen.

    Liebe Grüße an alle
    Volker

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  5. wolfgang

    Lieber Volker!

    Danke für Deine Ausführung zum CANTUS FIRMUS in ‚Lobet Gott in seinen Reichen‘.

    Auch ich war sehr berührt von dem Einsatz der beiden Flötistinnen, die den CANTUS FIRMUS, der ja im Chorsopran lag, so weich und einfühlend begleitet haben. Die zweite Flöte setzte ja immer erst in der zweiten Zeile ein. Man müßte mal auf den Text schauen, was Gardiner da herausheben wollte. Ob da überhaupt ein neuer Gedanke war, oder ob es nur auf den Effekt der Verstärkung ankam. Berührend war, das genau dieser Choral auch als 2.Zugabe gegeben wurde.

    Sir Gardiner hat in dieser Weise den CANTUS FIRMUS auch schon öfters in Kantaten herausgestrichen. Einmal sagte er dazu in seinem Tagebuch:‘ Den CANTUS FIRMUS hört ja sonst keiner!‘ (oder so ähnlich)
    Im BWV 11 Himmelfahrts-Oratorium Nr.6 war der CANTUS FIRMUS im Chorsopran aber gut untergebracht und Sir Gardiner hätte in seinem bewundernswerten pianissimo ja auch (mit dem Komponisten) nur den Chor-Sopran eine Idee lauter singen lassen können. Wie wäre das denn gewesen?
    Aber was hätten dazu die überdimensionierten Bass-Stimmen gesagt?

    Ich ‚hacke‘ deswegen auf dieser ‚musikalischen Petitesse‘ so herum, weil unsere (alltäglichen) Kantoren sich oft viel Mühe geben, solche ‚Spitzfindigkeiten‘ da singen zu lassen, wo sie auch hingehören-, nämlich in den Chor.

    Bis zur Kantate am Sonntag

    Gruß

    Wolfgang

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  6. Iris B.

    Liebe Bachfest Bäche,
    ma chute sur la terre war heftig. Ganz auf der Erde angekommen bin ich immer noch nicht. Eine so quirlige, überschäumende, lebensfrohe und vor allem Musik begeisterte Stadt findet man nicht alle Tage. An allen Ecken und Kanten wurde musiziert, geflötkert, gedrumpt. Ob morgens, mittags, abends oder nachts, wir konnten uns zu jeder Tageszeit entführen lassen.
    Wolfgang, ich habe keine knödelnden Bässe bei Gardiner gehört, zu dominierend waren sie auch nicht. Für mich war die Rezension der Leipziger Volkszeitung überzogen, sie entsprach nicht der Interpretation Gardiners, bzw. des Chores oder der EBS. Ich danke Gardiner für diese großartigen Aufführungen – ich wüßte niemanden, der ihm das Wasser reichen könnte.
    Herzl. Gruss
    Iris

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  7. Claudia

    Hallo Ihr Bachianer,
    Iris, pflichte Dir bei. Der Aufprall in den Alltag war sehr hart. Gardiner war großartig, die Solisten haben mir diesmal ausnehmend gut gefallen. Mein Favorit waren eindeutig das Konzert Samstag, Himmelfahrt und Osteroratorium. Ich fand die Bässe total stark, dadurch hat alles mehr Struktur bekommen.
    Werner, ich muss Dich leider enttäuschen, dadurch, dass es ja vor der Johannespassion so geschüttet hat, konnte ich Deine Karte leider nicht weiter verkaufen. Alle, die noch was übrig hatten, haben sich am Nordportal postiert, wir haben bis zum letzten Moment ausgeharrt, aber wir sind sie nicht losgeworden. Nehme an, aufgrund des Wetters gab es keine Kurzentschlossenen. Melde mich aber noch mal bei Dir.
    Ansonsten war es wieder nett, dass wir ein wenig quatschen konnten. Wir sehen uns ja nicht so oft. Leider hatte Wolli sich ja in einer Pension eingebucht, wo um 11 Uhr die Türen abgeschlossen wurden, hoffentlich hast Du demnächst noch Zeit für´n Bier.
    Ansonsten gefällt mir Dein Bericht sehr gut.
    Bach-total.

    Grüßle, Claudia

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