Thomas Hengelbrock und das Balthasar-Neumann-Ensemble mit 2 Bach-Kantaten in der Philharmonie Essen

20.03.2011

Das Jahr 2010 war anstrengend, kulturell gesehen. Ich glaube, ich habe erst einmal eine kleine Kultur-Zäsur gebraucht. Nächste Woche werden die Uhren umgestellt, heute scheint die Sonne mit wohltuendem Licht und Wärme, morgen ist Frühlingsanfang und – der Geburtstag des großen Meisters.

Also der richtige Tag für ein Konzert mit zwei großartigen Kantaten, die thematisch gar nicht schlecht gewählt sind für einen Frühlingsanfang-Vorabend, BWV 21 „Ich hatte viel Bekümmernis“ läßt wie der überstandene Winter die allegorische Dunkelheit hinter sich und öffnet den Weg für das Licht. Diese Kantate nimmt in Bachs Schaffen eine Sonderstellung ein, der heutigen Fassung, die 1723 in Leipzig aufgeführt wurde, gingen wohl frühere Fassungen voraus, davon eine, die schon 1714 in Weimar zu hören war, ebenso war sie im Gepäck für die Bewerbung in Hamburg, die ja an Bachs fehlendem „Schmiergeld“ für die Stelle gescheitert ist. BWV 19 „Es erhub sich ein Streit“ , der Streit der Erzengel Michael und Luzifer steht heute für mich für die nun allgegenwärtige Macht des Frühlings über den Winter, im Kirchenjahr liturgisch für das Michaelisfest für den 29. September 1726 komponiert.

 
 
 
 
 

Intendant Johannes Bultmann mit Thomas Hengelbrock

 

Programm:

BWV 21: Ich hatte viel Bekümmernis

BWV 230: Lobet den Herrn, alle Heiden

BWV 19: Es erhub sich ein Streit

Ausführende:

Sopran: Gunta Davidcuka, Sidonie Otto, Katja Stuber

Tenor: Virgil Hartinger, Jakob Pilgram

Bass: Stefan Geyer, Raimonds Spogis 

Balthasar-Neumann-Chor und Ensemble

Thomas Hengelbrock, Leitung

Die Aufstellung des Chores ist unkonventionell, alle Stimmen stehen im Halbkreis angeordnet. Der Chor erhält dadurch eine außergewöhnliche Transparenz, jedes Wort ist auch im größten Melismen-Dschungel zu verstehen, ebenso ist auch jede Stimmgruppe für sich mit jedem Ton aus dem Klang zu selektieren. Einige Fortestellen waren dadurch zwar geringfügig weniger wuchtig, d.h. die Töne konnten sich nun nicht so geballt auf das Auditorium übertragen, aber das gehört warscheinlich zu seiner Klangvorstellung dazu.

Blick von der Philharmonie auf das Aalto Theater und den RWE Tower

BWV 21 ist eine besondere Kantate, weil sie Nummern enthält, die von ähnlichem Kaliber sind, wie vergleichsweise  aus der Matthäus-Passion. Auch sie beschäftigt sich mit der geistigen Aufrichtung, wie die Dunkelheit überwunden werden kann. Der erste Teil verweilt auf der „dunklen Seite“, und erfühlt sie in allen Tiefen („Bäche von gesalznen Zähren“) jedoch nie ohne den Zuhörern einen kleinen Hoffnungsschimmer auf Erlösung mitzugeben. Im zweiten Teil begegnen wir einem Dialog zwischen der Seele, die noch nicht erkennen will, dass ihr Heil schon nahe ist. Bemerkenswert, wie Hengelbrock „Sei nun wieder zufrieden“ gestaltet. Die Solisten treten für den bedeutungsschweren Choral von Georg Neumark in den Hintergrund und lassen Raum für die Melodie „Wer nur den lieben Gott läßt walten“ die Bach mit sehr pragmatischen Textzeilen aus diesem Choral belegt („wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit“). Der Tenor Virgil Hartinger, dem in BWV 21 eine der größten Partien zufällt, trägt mir eine Spur zu dick auf, die Stimme ist kräftig, breit, könnte vom Sitz her etwas mehr vorn sein, so geht doch etwas von der für Bach´sche Stücke erforderlichen Beweglichkeit verloren, so dass er sich stellenweise selbst abbremst und dem Tempo hinterher hechtet. 

Der Abschlusschoral, der ja schon in anderen Sphären spielt, ist so packend und ergreifend, dass man sich wünscht, es würde niemals enden. Irgendwie kommt mir die vorletzte Nummer aus dem Brahms-Requiem (Denn wir haben hier keine bleibende Statt) in den Sinn. Von den Klangfiguren her besteht eine gewisse Ähnlichkeit…

Erstaunlich ist, dass Hengelbrock für Überraschungsmomente sorgt, so stellt er dem Zuhörer immer wieder neue, gedankliche Interpretationskonzepte vor, die dann auch im Detail in aller Konsequenz zu Ende gedacht werden. Besonders prägnant ist mir die Arie „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir“ in Erinnerung, nicht wie in anderen Interpretationen, die das Verweilen mit den sphärischen Wesen in einem schier zeitlosen, schwebenden Zustand besingen, ist diese Szenerie von Ruhe und Unruhe zugleich getragen. Während der Tenor Jakob Pilgram (phantastisch) eher in der Ruheposition verweilt, scheint das Orchester mit angezogenem Tempo die Engel am Aufbruch zu hindern. Ob Thomas Hengelbrock sich das dabei so gedacht hat, weiss ich nicht, ich hab´s zumindest so verstanden.

Das war nun wieder ein Konzert der Extra-Klasse mit herausragenden Solisten, die auch aus dem Chor requiriert wurden (Aufnahmebedingung ist warscheinlich ein ungewöhnlicher Vorname), Hengelbrock reiht sich mit seinem exzellenten Chor mühelos in die hochrangige Garde derer ein, die sich nachhaltig um die Musik dieses Ausnahmekomponisten verdient gemacht haben.

Bei der Einführung hat er gesagt, „ich empfinde es als eines der großartigsten Geschenke, dass ich diese Musik aufführen kann“, als meine Schwiegereltern (die nicht so Bach-verstrahlt sind wie ich) nach der Pause zu mir sagen, sie hätten beim Schluss von BWV21 weinen müssen, finde ich es noch großartiger, dass man dieses Geschenk auch teilen kann. Nach einem grandiosen „Sanctus“ aus der H-Moll-Messe und „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ aus dem Elias läßt er uns nach Hause schweben.

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6 Gedanken zu „Thomas Hengelbrock und das Balthasar-Neumann-Ensemble mit 2 Bach-Kantaten in der Philharmonie Essen

  1. adamo

    Liebe Claudia!

    ‚Der alte Winter in seiner Schwäche, zog sich in weite Berge zurück‘-, meint Goethe in seinem Osterspaziergang und Du hast das Weichen des Winters und Kommen des Frühlings wunderbar mit diesen herrlichen Bach-Kantaten verbunden.

    Dieses sich aus der vorsichtigen Traurigkeit entwickelnde Vorspiel in BWV 21-, dann im Gegensatz dazu der kämpferische Streit in BWV 19 und die jubelnde Dankbarkeit in BWV 230 waren für Dich und Deine Schwiegereltern gewiss ein würdiges Entree in die ‚Klamottenbefreite Zeit‘, die jetzt endlich losgeht.

    Und was ich schon immer mal sagen wollte-, zur Bitte, dass die Engel bleiben sollen (BWV 19 Tenor-Arie):

    Diese Bitte um den Beistand der Engel hebt sich wohltuend von dem kitschigen Engel-boom der Esoteriker ab. Das ist doch was Echtes und Tiefergehendes und meint nicht die Kitsch-Engel von Raffael !!

    Beachtenswert und zum Heulen schön finde ich auch das Tenor-Rezitativ davor.

    Ich beneide Dich richtig, dass Du mit diesem wunderbaren Querschnitt aus den Bach-Kantaten seinen Geburtstag feiern konntest.

    Bis auf Weiteres

    Wolfgang

    Beachtenswert und zum Heulen schön finde ich auch das Tenor-Rezitativ davor.

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  2. Claudia

    Hallo Wolli,

    ja, das war ein besonderes Erlebnis mit Thomas Hengelbrock, die Vitalität und das inhaltlich total durchgeplante Konzert haben mich schwer beeindruckt. Wer die Gelegenheit mal hat, ihn live zu erleben, sollte das auf keinen Fall verpassen. Eine absolute Bereicherung zu JEG. Man kann nicht zum Bach-Fan werden mit schlechten Aufnahmen oder in mäßigen Konzerten.
    Dieser ganze Engelkitsch nimmt zu, das stimmt, sie sind nicht erst seit Anselm Grün zum festen kommerziellen Bestandteil geworden. Bach ist ja gottlob nie kitschig, das Tenorrezitativ finde ich im übrigen auch sehr bewegend.
    Gruß und bis bald in OWL
    Claudia

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  3. Volker

    Liebe Claudia,

    hier verspürt der Leser deines Beitrages sofort deine Emotionen für Bach’s Musik die Du uns wiederum so eindrücklich zu Schildern weißt. Man ist geneigt festzustellen, hier bist du persönlich im Konzert anwesend gewesen aufgrund deiner Schilderung, die einen sofort packt. Ist es nicht wunderbar, dass es auch andere Bach-Interpreten gibt, die mit Freude und Enthusiasmus die Werke von Bach so großartig zu zelebrieren wissen. Thomas Hengelbrock und sein Balthasar Neumann-Chor ist schon eine feste Größe und bereichert die „Alte Musik“ aufs Feinste. Bei meiner wöchentlichen Durchsicht von Konzert-Terminen ist mir das Konzert in der Philharmonie Essen sofort ins Auge gefallen und spontan kam mir der Gedanke, ob Claudia das besuchen wird? Du hast es dir nicht entgehen lassen und wir profitieren ebenfalls davon, dafür herzlichen Dank.

    Ja, das BWV 19 „Es erhub sich ein Streit“ mit der wunderbaren Engel-Arie im 5. Satz für Tenor: „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir“ gehört mit zu den innigsten Bach- Arien. Sobald ich diese Arie höre, habe ich ein jedes Mal den Tenor: James Gilchrist vor Augen, wie er stehend auf der Kanzel in der Nikolaikirche in Leipzig beim Bachfest 2007, so anrührend und innig das mit seinem Gesang verwirklicht hat, das ist schon großartig und von einer bemerkenswerten Lieblichkeit, was man zeitlebens nie vergessen wird.

    Ich hoffe, dass das Konzert gut besucht war, denn das hat das Ensemble mit dem Balthasar Neumann Chor und Co um Thomas Hengelbrock mehr als verdient, die in 2011 ihren 2o-jährigen Jubiläumsauftrit in der Philharmonie Essen begonnen haben. Weitere Staionen ihrer Jubiläums-Tour sind anschließend die Städte: Freiburg, Frankfurt, Metz, Dortmund, Ludwigsburg und Baden-Baden.

    Grüße Volker

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  4. Claudia

    Hallo Volker, ja das Konzert war sehr gut besucht, wenn auch nicht ausverkauft, bzw. man sah, dass einige doch lieber die Sonne genutzt hatten. Leider habe ich auch keine andere Kritik als die meinige gesehen.
    Tja, der Sir und seine Mannen in der Nicolaikirche ist natürlich auch ein Erlebnis, das von besonderem Geist für alle Ausführenden inspiriert worden ist, gegen diesen sakralen Raum kann ein Konzertsaal nur bedingt mithalten. Meinen Freunden in Stuttgart habe ich schon das Ludwigsburger Konzert ans Herz gelegt.

    Gruß, Claudia

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  5. Ruth Prengel

    Hallo Volker, ich habe gerade erst eure Kommentare gelesen und gedacht, da kann ich jetzt auch was zu beitragen.Die Tenorarie aus BWV 19 ist nämlich meine absolute Lieblingsarie.Wir haben sie 2007 im Braunschweiger Dom erlebt und ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut wenn ich daran denke.Und das dann auch noch der gleiche Solist wie auf der CD, nämlich James Gilchrist sie gesungen hat, das war schon fantastisch.So ganz vertraut,weil schon so oft gehört.Bach`s Musik ist so überirdisch schön aber diese Arie ganz besonders.Ich fühle mich dann so geborgen und beschützt und zuversichtlich.Musik im Allgemeinen kann ja große Emotionen auslösen.Aber die Musik von Bach, die geht ganz tief ins Herz und stimmt einen so dankbar und freudig.
    Einen schönen Sonntag wünscht Ruth

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  6. Volker

    Liebe Ruth!

    Erst einmal herzlich Willkommen im Blog und mit deiner wunderbaren Ausführung über die Tenorarie aus dem BWV 19 („Es erhub sich ein Streit“) mit der wunderbaren Engel-Arie im 5. Satz: „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir.“ Du hattest ebenfalls das Vergnügen live im Braunschweiger Dom die Michaelis-Kantaten zu hören und bist ebenfalls von Sir Gardiner seiner Aufführungsform begeistert. Da wirst Du dich hier im Blog mit den gleichen Interessierten wohl fühlen und austauschen können.
    Ich wünsche dir und allen einen schönen Sonntag!

    LG Volker

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