CD-Vorstellung: Beethoven „An die ferne Geliebte“ und Schubert „Schwanengesang“ – James Gilchrist und Anna Tilbrook

Vor fast einem Jahr stellte ich Euch die beeindruckende erste CD der Schubert-Reihe von James Gilchrist und Anna Tilbrook bei dem Label ORCHID Classics mit dem Liedzyklus „Die schöne Müllerin“ von Franz Schubert vor.

Vor kurzem ist die zweite CD der beiden Künstler in dieser Reihe erschienen, diesmal mit den beiden Liedzyklen „An die ferne Geliebte“ von Ludwig van Beethoven sowie mit „Schwanengesang“ von Franz Schubert. Auch diese CD ist sehr bewegend. Alles, was ich damals geschrieben habe, wird bestätigt und sogar noch übertroffen. Die regelmäßigen Leser dieses Blogs wissen, dass es von mir keine musikwissenschaftlich fundierte und ausgewogene Rezension gibt, sondern, dass ich meine persönlichen Eindrücke schildere, die bestimmt nicht allgemeingültig zu sehen sind.

 

„An die ferne Geliebte“ von Ludwig van Beethoven wird als der erste Liederzyklus überhaupt angesehen. Orginalzitat James Gilchrist:“ … Das Werk hat etwas besonders Zierliches an sich und eine Leichtigkeit, die fast ehrfürchtig anmutet. Es ist wunderschöne gearbeitet, besitzt durch die sanften Accelerandi zwischen den Sätzen eine ruhelose, jugendliche Aufregung sowie eine besonders befriedigende Symmetrie, die sich dank des ersten und letzten Satzes – die beide in der warmen, angenehmen Tonart Es-Dur stehen – einstellt. …“ Ja, und so singt er es auch, wunderschön, voller Wärme, voller Zuneigung – sehr, sehr innig.

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Anfang April 2011 veröffentlichte ORCHID Classics ein Promotion-Video, in dem es Ausschnitte aus der CD mit ergänzenden Kommentaren von James Gilchrist zu hören und zu sehen gibt.:

 

„Schwanengesang“ (D 957) ist eine Sammlung von Liedern des Komponisten Franz Schubert (1797–1828). Die Lieder entstanden August bis Oktober 1828. Die Werkzusammenstellung beinhaltet vertonte Gedichte von Ludwig Rellstab, Heinrich Heine und eins von Johann Gabriel Seidl. Da es sich um Schuberts letzte größere Komposition handelt, erhielt die postum veröffentlichte Sammlung nachträglich den Namen Schwanengesang, traditionell die Bezeichnung für das letzte Werk eines Künstlers. Dies bedeutet jedoch nicht – wie James Gilchrist in seinem Beitrag im Booklet sehr schön ausdrückt – dass der Zyklus ein Alterswerk, sondern das Werk eines jungen Komponisten und noch jüngerer Dichter darstellt. Die einzelnen Lieder bieten eine sehr große Spannbreite an Emotionen und Intensität. Sie erzählen keine durchgehende Geschichte wie in „Die schöne Müllerin“ oder „Winterreise“. Da gibt es bei den Rellstab Liedern freundliche Lieder wie „Liebesbotschaft“, die James Gilchrist eben auch freundlich und mit sehr viel jugendlichem Enthusiasmus singt. Da gibt es „Kriegers Ahnung“, fast eine kleine Oper, die er hier voller Dramatik den Zuhörer erleben lässt. Was müsste dieser Sänger auf der richtigen Opernbühne lebendig werden lassen? Und natürlich – das von Wunschkonzerten überstrapazierte „Ständchen“: liebevoll, zärtlich, innig – aber nie kitschig. Welch ein Genuss!

Die Heine-Lieder sind stilistisch ganz anders, eine viel größere Bandbreite an Farben und eben auch an Farblosigkeit, die Sänger und Pianistin wirklich alles abverlangen. So wie die Musik wirklich an Grenzen geht, müssen das auch die Interpreten tun. „Der Atlas“: hier interpretieren sie nicht nur den Kampf, sie erleben ihn und machen ihn regelrecht fühlbar, diesen unglaublichen, unmenschlichen, zermürbenden Kampf des Atlas. Und am anderen Ende steht „Der Doppelgänger“. Mit welch fahlen Tönen machen sie die innere Qual so hörbar, dass sich beim Zuhörer unweigerlich Gänsehaut einstellt.
James Gilchrist will erzählen, will, dass man ihm zuhört, will berühren und er tut das auf eine sehr berührende, sehr persönliche Art und Weise und ganz nebenbei – mit einer nahezu perfekten Aussprache. Wie ich bei der letzten CD schon schrieb: eine Deutlichkeit, von der sich so mancher muttersprachliche Sänger eine Scheibe abschneiden kann. Ganz im Gegenteil, es gibt durchaus sehr bekannte deutsche Liedsänger, die immer wieder als Maßstab herangezogen werden, bei denen ich ständig zusammenzucke. Hier sind es mal ein oder zwei Stellen, wo ein wenig Akzent durchschimmert, wie unwichtig in diesem Kontext. Wie gut, dass die CD mit der „Taubenpost“ schließt, das letzte von Franz Schubert komponierte Lied vor seinem plötzlichen Tod mit einem sehr naiven Text, aber mit so wunderschöner Musik und so wunderbar gesungen. Keiner muss am Ende verzweifeln, mit einem Lächeln geht das Leben weiter.

Dies ist für mich ganz persönlich meine CD des Jahres. Normalerweise scheue ich solch eine Aussage, weil ich mich nie entscheiden kann, was wirklich das Beste ist und Oratorien, Instrumentalkonzerte und Lieder wirklich nicht miteinander vergleichbar sind. Hier liegt ein Stapel verschiedenster neuer CDs mit ganz großartiger Musik. Aber diese Cd liegt bei mir ganz oben, wegen ihrer unglaublichen Intensität, dieser starken persönlichen Ansprache, ja ganz einfach, weil sie ganz tief berührt. Mich jedenfalls.

Hier die Links zum Bestellen:
über Volkers Partnershop
über JPC

Es gibt die CD auch als Downloadversion, aber zumindest bei JPC ist nicht das Booklet dabei. Dabei ist dies, da alle erklärenden Texte auch in Deutsch enthalten sind, sehr lesenswert.

Wenn ich schon dabei bin, stelle ich Euch gleich noch eine zweite CD von James Gilchrist und Anna Tilbrook vor, die nahezu zeitgleich mit einem Kontrastprogramm bei Linn Records erschienen ist. Hier sind Werke von Kenneth Leighton (1929-1988) und Benjamin Britten (1913-1976) zu hören. Für unsere Bach-geschulten Ohren ist es etwas schwierige Musik. Aber es lohnt sich, einmal über seinen Horizont herauszuschauen und ein wenig Mühe und Zeit zu investieren. Winter Words von Benjamin Britten ist ein sehr bekannter Zyklus, den Britten für seinen Lebensgefährten Peter Pears geschrieben hat. Sehr interessante Musik, die mich zwar nicht wirklich anspricht, vielleicht, weil ich nicht auf Anhieb den Sinn der Texte verstehe oder da, wo ich verstehe (Choirmasters Burial), ich zutiefst betroffen bin, aber so, WIE sie gesungen wird von Gilchrist, ist sie sehr beeindruckend. Kenneth Leightons „Earth, sweet earth“ dagegen hat mich beim ersten Hören, obwohl auch dies für mich sehr ungewohnte Musik ist, regelrecht in Trance fallen lassen. Es geht, wenn ich es richtig verstanden habe, um die Bewahrung der Schöpfung vor Zerstörung, ein mehr als aktuelles Thema. Sehr bewegende Musik – und sehr bewegend, zu Herzen gehend gesungen.

Auch hier die Links zum Bestellen:
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Ein ganz persönlicher Eindruck von zwei ganz unterschiedlichen CDs – aber beiden gemeinsam ist die unglaublich Intensität, mit der James Gilchrist und Anna Tilbrook Musik lebendig werden lassen. Auf die Winterreise, die sicher folgen wird, bin ich jetzt schon gespannt.
Barbara

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10 Gedanken zu „CD-Vorstellung: Beethoven „An die ferne Geliebte“ und Schubert „Schwanengesang“ – James Gilchrist und Anna Tilbrook

  1. barbara57 Autor

    Weihnachten steht doch vor der Tür!
    Obwohl – das sagt die Richtige. Ich wollte mir die CD eigentlich zu Weihnachten wünschen, mochte aber nicht warten… Und es war richtig so. Jedenfalls für mich.
    Du wirst sie richtig genießen, Alex, da bin ich mir sicher!
    Gruß nach Leipzig
    Barbara

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  2. Volker

    Liebe Barbara,

    Du überrascht uns immer wieder mit Neuigkeiten von der Truppe SDG. Auf Anraten von dir hatte ich mir die Schubert-Lieder-CD von James Gilchrist von dir besorgen lassen und ist für mich ein Juwel geworden, diese Gesangs-Kultur genieße ich immer, wenn ich einmal von Bach mich losgesagt habe und andere Musik im Kopfhörer haben möchte. Nun bin ich gespannt auf die von dir vorgestellt Veröffentlichung und werde sie mir umgehend besorgen. Trotz meiner Schwächen für dieses Genere der Klassik finde ich einfach diesen Gesang umwerfend und fasziniert mich.

    Ich möchte hoffen, dass durch deinen Beitrag hier im Blog die Kunst-Kenner für einen filigranen Gesang aufgerüttelt werden und sich diese CDs besorgen, ein Link ist ja gesetzt, also klicken und kaufen, es ist eine pure Lust, diesen beiden Künstlern: James Gilchrist und Anna Tilbrook am Flügel zuzuhören.

    Grüße
    Volker

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  3. Claudia

    Hallo Barbara,
    ich mag im übrigen Deinen Rezensionsstil, gerade weil du an das Gefühl appellierst. Ich spüre dabei auch immer den sehnsüchtigen Blick, den man draufhat, wenn das Herz berührt wird. Fast noch interessanter als die erste CD finde ich die eher unbekannte Literatur der 2. CD. Wenn man an zeitgenössische Klassik denkt, sträuben sich einem oft die Haare, aber das trifft´s nicht, es gibt wirklich bewegende fesselnde Stücke und sie verfügen über die Fähigkeit, aktuelle Themen, die uns bewegen und beunruhigen, zu verknüpfen.

    Danke, dass Du auch immer wieder Gedankenanstöße und Musiktipps zur Bachseinserweiterung gibst und das auch noch mit Stimmen, die uns ganz vertraut sind!
    Gruß in den Norden, Claudia

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  4. Martin

    Hallo Barbara,

    ich kann mich Claudia nur anschliessen – ich bevorzuge ganz klar, wenn jemand an seinen persönlichen Eindrücken teilhaben lässt. Geschliffene kritische (pseudo-)wissenschaftliche Werkbetrachtungen gibt es zuhauf. Geschmack auf den Kauf einer CD haben sie bei mir noch nie ausgelöst. Ganz anders Deine Art der Beschreibung des Gehörten.

    Zu James Gilchrist selbst braucht man nicht viel zu sagen. Man kann einfach nur, wem auch immer, danken, dass er von seinem ursprünglich Beruf (Arzt) zu seiner Berufung (Gesang) gefunden hat.

    Ich freue mich viele weitere solcher Rezensionen!

    Schöne Grüsse und einen schönen Abend,
    Martin

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  5. barbara57 Autor

    Hallo zusammen,
    es freut mich, wenn ich Euch ein paar Anstöße geben konnte. Ich finde spannend, was Du Claudia, zu der CD mit mehr oder weniger zeitgenössischer Musik schreibst. Da könnte ich Dir noch 2 oder 3 andere CDs nennen, die weit weg vom Mainstream, bzw. von dem von uns gehörten gängigen Repertoire, sind und ganz, ganz wunderbare Musik hören lassen. Ungewohnt, aber wirklich spannend. Ich habe zum Teil richtig darum gekämpft, bis ich diese Musik ohne Knoten im Magen hören konnte, weil ich spürte, da ist etwas was es wert ist.Aber heute liebe ich sie und vor allem kann ich mich heute von ganz alter Musik, die ich immer sehr langweilig fand, tief anrühren lassen.
    Einen schönen Abend
    Barbara

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  6. Iris Budde

    Liebe Barbara,
    selten habe ich eine Cd so oft hintereinander gehört, wie diese. Sie ist wirklich ein Geschenk! Da steckt einfach das ganze bunte, prallgefüllte Leben drin: Hoffnung; Irrtum, Reichtum, Vergänglichkeit, Liebe, Trauer, Zukunft. Du hast alles so einfühlsam beschrieben, dass die beiden Künstler für mich die reinsten Hexenmeister sind. Mich haben sie verzaubert und richtig froh gemacht. Barbara, ich mach`s jetzt so wie Du: diese CD liegt bei mir ganz oben!
    Lieben Gruss
    Iris

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  7. Claudia

    Beste Barbara,
    da bekomme ich jetzt aber Appetit! Nenn mir doch mal die Platten! Das ist spannend! Im Chor haben wir mal das Pater Noster von Strawinsky gesungen, oder das Requiem von Mauersberger, so nachhaltig bewegt hat mich nur der große Meister. Dadurch war der Bann für neuere Musik gebrochen.
    Aber ich bin trotzdem gespannt wenn dann die „Winterreise“ kommt (auch so ein großes Wunder der Musikgeschichte…)

    mit warmen Gedanken aus dem kalten Langenberg
    Claudia

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  8. barbara57 Autor

    Anfang April 2011 veröffentlichte ORCHID Classics ein Promotion-Video, in dem es Ausschnitte aus der CD mit ergänzenden Kommentaren von James Gilchrist zu hören und zu sehen gibt. Vielen Dank an Volker, der das Video in den Hauptbeitrag eingefügt hat.
    Barbara

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  9. Volker

    Liebe Barbara,

    es war mir ein Vergnügen, dieses herrliche Video reinzustellen. OrchidClassics habe ich auf YouTube gleich abonniert um in Zukunft gerüstet zu sein, wenn es wieder Neuigkeiten zu bestaunen gibt. Hier erhält man auch eine visuelle Sichtweise und finde das immer sehr angebracht, den Künstler mit seiner Aussage zu sehen und hören zu können. Dafür herzlichen Dank @Barbara..!!

    Gruß Volker

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