Biodiversität audio-visuell – 23.10.2010 Missa Gaia in Velbert-Langenberg

Es ist kalt und ungemütlich, regnerisch, richtiges Herbstwetter. Ich will mir heute die Missa Gaia (Gaia griechisch: Erde) in der „alten Kirche“ in Langenberg anhören – oder sollte ich besser sagen, auch ansehen?

Inneres der alten Kirche

Der Komponist Paul Winter (*1939) wurde zu diesem Werk durch eine Trauerfeier für Duke Ellington inspiriert. Er liess sich von liturgischen Werken von Palestrina, Bach, Stravinsky und Britten leiten. Einige Melodien, die die Natur anbietet, werden direkt aus ihr entnommen und in das Geschehen mit eingewoben, so das Kyrie, das dem Ruf einer Polarwölfin entlehnt ist oder das Sanctus, wo ein Buckelwal solistisch-musikalisch in Aktion zu erleben ist. Mehrfach finden sich auch Aspekte aus Franz von Assisis „Sonnengesang“. Nach Wunsch des Komponisten soll sie kein unveränderliches Werk sein, sondern sie bietet auch Freiraum für thematisch verwandte Stücke. Sie ist das ökologische Glaubensbekenntnis einer Erkenntnis, die so komplex und doch so einfach ist:
Alles ist eins.
Christine Heßeler: Sopran; Rüdiger Scheipner: Saxophon; Klaus Georg Hanf: Oboe und Orgel; Tobias Sykora: Violoncello; Yasmin Aevermann: Gitarre
Gospelchor „Colours of Joy“ Velbert, Seniorensingkreis und Kirchenchor der ev. Gemeinde Langenberg
Technik: Margrit Finner, Maik Balnak
Bildpräsentation: Yasmin Aevermann
Leitung, Keyboard, Orgel: Peter Nowitzki
Dirigat: Sigrid Wagner-Schluckebier
Der Eingangschor „Canticle of Brother Sun“ ist fetzig, melodisch eingängig und erinnert an einige Sacro-Pop Songs, der Chor ist noch etwas unsicher, wer darüber hinweg hören möchte, schaut sich einfach die wunderschönen Bilder, die passend zum Text auf die Videoleinwand projeziert werden an und unsere Schöpfung in vielfältiger Weise präsentiert.
Das Kyrie scheint doch einige rythmische Stolperfallen zu beinhalten, dem Ruf des Polarwolfes intervallisch zu folgen bringt die Ausführenden in Zugzwang und so bekommt „Herr, Erbarme Dich“   einen neuen Zugang. Insgesamt wirkte der Chor etwas gehetzt, um „mit den Wölfen zu heulen“
Die Bergpredigt wird nun vertont von der Sopranistin Christine Heßeler gesungen, die ein echtes, junges Talent ist. Stimmtechnisch von der Natur mit solider Begabung für den Musicalbereich ausgestattet, bringt sie diesen Part sicher und ergreifend, dass das Publikum spontan applaudiert.
Interessant auch das nächste Stück, eine Zwiesprache der Vögel und des Cellos vor Sonnenaufgang. Es vermittelt zwischen den Instrumenten und der Natur, die in ihrer Intention und Klang nicht sehr weit entfernt voneinander sind.
Bei dem Stück, „die Erde ist schön“ tritt der Seniorenchor Langenberg unisono auf (der Text stammt übrigens von einem Langenberger). Ok, ich darf das jetzt nicht mit Gardiners Chor vergleichen, aber die betagten Damen und Herren animieren viele der Zuhörer spontan zum Mitsingen und so entwickelt dieses Konzert eine Dynamik, die das Publikum nicht als außenstehende Betrachter passiv beläßt, sondern sie aktiv in das Geschehen verquickt. Als weitere Einlage folgt das „Laudato si“.
Beeindruckend auch das Improvisationsstück für Orgel, Saxophon und Haubentaucher „Return to Gaia“-Rückkehr des Raumschiffes zur Erde. Peter Nowitzky und die Orgel versetzen uns in den Weltraum mit Harmonien, die wirklich außerspärisch klingen, untermalt von phantastischen Bildern ferner Galaxien. Von dem atonalen, scheinbar lebensfeindlichen Weltraum, tauchen wir audio-visuell in die vertraute, harmonische Atmosphäre der Erde ein, bis das Saxophon und die Orgel in Sam Cooks „Wonderful World“ einstimmen. Irre!
Ein weiterer Höhepunkt der Missa ist das Agnus Dei; um den Eskimos das Sinnbild des „Lamm Gottes“ näher zubringen, wurde das Lamm zur Kegelrobbe mit ihrem weissen Fell und ihrer sanften und hilflosen Natur umfunktioniert. Die Musik hierzu und die wundervollen Bilder (man hatte auf echte Grausamkeiten verzichtet) mit kleinen Robben und Kindern trieb mir die Tränen in die Augen.
Ein nachhaltiges Erlebnis, ein Plädoyer für die Schöpfung, ein außergewöhnliches Konzert.
“ Wie Samen, die unter der Schneedecke träumen, träumen eure Herzen vom Frühling. Vertraut diesen Träumen, denn in ihnen verbirgt sich das Tor zur Unendlichkeit“    Khalil Gibran
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6 Gedanken zu „Biodiversität audio-visuell – 23.10.2010 Missa Gaia in Velbert-Langenberg

  1. adamo

    Liebe Claudia!

    Ein Kompliment an Eure Kirchengemeinde, dass die, wie Du schreibst ‚betagten Sängerinnen und Sänger‘ ein solch richtungweisendes Werk, ein Plädoyer für die Schöpfung, ein außergewöhnliches Konzert Euren Bürgern geboten haben. Sacro-Pop,Improvisation, musikalische Zitate aus Barock und Klassik, fesselnde Dia-Schau, Weltraum mit Harmonien-, vieles scheint drin gewesen.

    Da wäre ich auch hingegangen!

    Als ich im Frühjahr bei meinem Besuch des Büchermarktes auch den Gottesdienst besuchte, hätte ich nicht gedacht, das hier auch Raum für solch Außergewöhliches ist. Mir gefiel die in den Raum mit Hilfe ihrer barocken Holzkonstruktion vorgeschobene Kanzel, die in Deinen Bildern zwar nicht so gut zu sehen ist-, natürlich auch der jugendliche Pfarrer und seine Worte.

    Langenberg ist also wirkliche eine Reise wert! Außerdem wohnt ‚in der Höhe des Ortes‘ auch eine bemerkenswerte Bach-Liebhaberin, die uns die Ruhr-Kultur immer erfrischend rübergebracht hat.

    Bis zum 21.11.

    Gruß Wolfgang

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  2. Volker

    Hallo Claudia,

    ich bewundere deinen Mut, etwas Neuem bist Du nicht abgeneigt und besuchst das Gospel-Konzert in deiner Heimatgemeinde – oder ist sie es nicht?
    Mit Gospelmusik habe ich echt Probleme, als ein eingefleischter Barock-Fan, ist das für mich immer sehr gewöhnungsbedürftig, ob ich da auch hingegangen wäre, vermag ich nicht zu sagen. Du beschreibst die Veranstaltung sehr anschaulich und hat dir gut gefallen. Loben möchte ich den Mut der Gemeinde Langenberg, wenn der Chor überwiegend aus Senioren besteht, das anzupacken und öffentlich aufzutreten, toll und zur Nachahmung empfohlen..!!

    Liebe Grüße Volker

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  3. Claudia

    Guten Abend (Italo-)Wolle und Volker,

    Danke für euer Feedback! Dieses Konzert hat eine (für außenstehende nicht erkennbare) Geschichte. Vor meinem Choraustritt stand sie eigentlich auf dem Programm für das 100-jährige Chorjubiläum, aber unser Chorleiter (wie auch alle anderen die ich kenne) hat´s nicht so mit der Organisation, und die Messe wurde aufgeschoben. So stand jetzt die Messe für 30 Jahre 3. Welt Laden in Longhill. Ehrlich gesagt, habe ich mir davon nichts versprochen, ich hatte mich sogar innerlich auf einen journalistischen Vollverriß eingestellt, um so erfreulicher, dass das Konzert eine total positive Überraschung war, außerdem war es schön, meine früheren Gesangskollegen wieder zutreffen.
    Das das nicht falschverstanden wird, das Ensemble bestand aus 3 Chören, wovon der Seniorensingkreis einer war, die anderen beiden Chöre sind altersmäßig gemischt.

    Wolfgang, der Klimpertünnes war gestern in der Kantate in Velbert!(Ich melde mich heute noch mal bei allen Ruhrpott-Fahrern per Mail)

    Gruß, Claudia

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  4. Robert Dusemund

    Hallo Claudia,
    ich habe die Missa Gaia mit unserem „Gospelchor Saarbrücken“ an die 20 mal gesungen (Beatitudes) und gespielt (Gitarre) und war jedesmal so ergriffen, dass ich Probleme hatte meine Töne zu finden. Vor allem, seit wir in New York die Missa zusammen mit Paul Winter gemacht haben… das war unvergesslich.

    Ich würde gern mal was aus eurer Fassung hören. Gibts da was im Netz?

    Gruß

    Robert Dusemund

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  5. Claudia

    Hallo Robert, leider gibt´s keine Aufnahme. Ich bin in diesem Chor nicht mehr aktiv und war lediglich Zuhörer. Es gibt halt Aufführungen, die man niemals vergisst, eine Aufführung mit dem Komponisten selbst ist natürlich etwas ganz besonderes.
    Gruß Claudia

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