RUHR2010 Teil XXVIII: Passio – Compassio / J.S. Bach und der Sufismus

Leid und Mitleid, diese beiden großen Kontrapunkte stehen im Mittelpunkt eines Konzertes, mit den Protagonisten J.S. Bach und dem Sufismus in Bochums Jahrhunderthalle am 17. September 2010 im Rahmen der Ruhrtriennale. Die scheinbare Gegensätzlichkeit erweist sich jedoch als inspiriende, bisher nie erlebte Erweiterung des Kosmos Johann Sebastian Bachs.

Jahrhunderthalle Bochum

Ausführende:
musikalische Leitung: Vladimir Ivanoff
Solisten: Fadia el-Hage / Alt (Beirut), Mustafa Dogan Dikmen / Bass (Istanbul), Adnan Schanan / Bass (Bagdad)
Ensemble Sarband – Modern String Quartett / Instrumente: Arabisches Nay (Rohrflöte), türkisches Ney und Kanun (Rohrflöte und Psalterium), Kemence (Schoßfidel), Saxophon, Bassklarinette, arabisches Quanun (?), Cembalo, Orgel, Rahmentrommel, Violine, Viola, Violoncello
Vocamina Köln (Studierende der Gesangsklasse von Christoph Pregardien)
Derwische vom Goldenen Horn

Vorraum der Jahrhunderthalle

Vorab einige Erläuterungen zum Sufismus, die mir das Eintauchen in eine fremde Welt erleichtert haben.

Der Sufismus ist eine Art religiöse Philosophie, geht aber über Religion und Philosophie hinaus; vor allem ist er eine Schulung unserer Sichtweise zu ganzheitlicher Betrachtung. Sie ist etwa die Mystik des Islam. Wer ihm folgt, ist nicht auf bestimmte Dogmen, Rituale oder spirituelle Techniken festgelegt. Sufismus bedeutet auch nicht Rückzug aus der Welt, sondern ein bewußtes Eintauchen ins Leben. Er unterstützt, unsere höchsten Ideale mit dem Alltagsleben zu verbinden.

Die Wurzeln des Sufismus reichen weit in die Vergangenheit zurück. Es gab u. a. Verbindungen zu den ägyptischen Mysterienkulten und Einflüsse der altpersischen Weisheitslehre, der griechischen Philosophie und des Buddhismus.

Ursprünglich bezog sich das Wort „Sufismus“ auf die orientalischen Mystiker, die man Sufis nannte – vielleicht wegen ihrer schlichten Kleidung aus Wolle (arabisch suf) oder ihrem Streben nach innerer Reinheit (arabisch safa). Die mittelalterlichen Sufis hatten sich insbesondere am Koran orientiert, standen aber oft im Gegensatz zur herrschenden islamischen Orthodoxie und mußten dafür nicht selten ihr Leben hingeben. Hazrat Inayat Khan war im Jahre 1910 der erste, der in Europa und Amerika einen überkonfessionellen, universalen Sufismus lehrte. Dadurch hat der Sufismus eine neue Ausprägung erhalten und ist eine einzigartige religionsverbindende „Botschaft von Liebe, Harmonie und Schönheit“ geworden, die sich an alle Menschen richtet. Und damit schliesst sich der Kreis mit Herrn Bach.

Jahrhunderthalle bei Nacht

Wie universell Johann Sebastians Musik ist, hat dieser Abend eindrucksvoll vorgeführt. Dabei klingt es keineswegs aufgesetzt oder gar gekünstelt, wenn die Altistin „Können Tränen meiner Wangen“ aus der Matthäus Passion auf Arabisch singt. Der etwas differente Gesangsstil und die näselnden Laute der orientalischen Instrumente sorgen dafür, dass -wenn man das Stück nicht kennt- es genausogut von einem Sufi-Musik-Mystiker-Meister (der absoluten Extraklasse)  stammen könnte. Bei der Gesangstechnik werden die Töne nicht legato miteinander verbundenen, sondern abgesetzt, auch die Melismen werden bewußt vom Klangbogen getrennt. Damit alles im Takt bleibt, schlägt unaufdringlich die Rahmentrommel, die immer wieder das Gleichgewicht zwischen Gefühlsausbruch und Vorwärtstrend reguliert.

Wunderbar homogen auch der Einsatz des Doppelquartetts bei „Wie soll ich Dich empfangen“, zuerst à cappella, dann von Fadia el-Hage auf Türkisch gesungen. Es folgen syrisch orthodoxe Gesänge auf aramäisch, die an alttestamentarische Texte und Riten erinnern, anders als im Abendland, wo die Melodie von der Gesangsstimme getragen wird, ist das wiederkehrende melodiöse in den Instrumentalstimmen zu finden. Der Gesangsstimme bleibt nun der kunstvolle, anspruchsvolle Teil, der sich nun hingebungsvoll den musikalischen Elementen der Meditation widmen kann. Immer wieder treten auch verschiedene Instrumente solistisch in Erscheinung, nur nicht in obligater Form, wie wir es vielfach von Bach kennen.

Die Stimme von Mustafa Dogan Dikmen bewegt sich über wenige Klangstufen, wobei dies nicht an seinem Stimmumfang liegt, sondern in der Interpretationshistorie der Stücke liegen muss. Es erinnert an die Lieder, die die Kreuzfahrer aus dem Morgenland mitgebracht haben, die sich auch durch eine geringe Stimmmodulation auszeichnen.

Am erstaunlichsten sind die Stücke „Von den Stricken meiner Sünden“ aus der Johannespassion (arabisch) und die instrumentale Metamorphose von „Es ist vollbracht“, von der Melodik und Harmonik schon kühn genug, vertragen Sie sich ebenso mit der orientalischen Harmonik, wie auch ihrer existenziellen Aussage, die das Gefühl aller menschlichen Kulturen reflektiert. Ich vermute, dass die orientalische Harmonielehre auch 1/4 Ton-, vielleicht sogar  1/8 Tonschritte beinhaltet, immer ist es so, als habe Bach sogar dies eingeplant, um Spielraum für eine überirdische Universalität zu lassen.

Interessant fand ich, dass die Musik des Orients in mir immer wieder Bilder des Sonnenaufgangs erzeugte, es war, als kitzelten die Instrumente die Sonne, um sie endlich aus ihrer Nachtruhe zu vertreiben, getragen von den Gesängen und dem Tanz der Derwische, wo einem schon beim Zusehen schwindelig wird. Die Musik der Sufis verfügt nicht über exzessive Gefühlsausbrüche, stets wird der meditative, aber lebenszugewandte Charakter bewahrt, ganz im Sinne des großen Mystikers Mevlana Dschalal Al-Din Rumi (1207-1273): „Wenn ich dir meine Liebe schenke, aus diesem Leben ich auferstehe.“ Auch der Tanz der Derwische stellt einen weiteren Höhepunkt des Konzerts dar, gewährt er doch Einblicke in unbekannte Praktiken, um mit transzendenten Medien in Kontakt zu geraten (Untenstehend eine Erläuterung zum Tanz der Derwische).

Das Konzert endet mit „Erbarme Dich“ auf Arabisch, das mich aber nicht so sehr gefesselt hat, wie die vormals erwähnten Stücke. Insgesamt ist Ivanoff die „imaginäre Brücke“ (Übersetzung des Namens „Sarband“) zwischen den Kulturen, Kontinenten und Herzen gelungen, nicht zuletzt durch Johann Sebastian Bach. Vielleicht wäre die Welt eine bessere, die Unterschiede bereichernder und die Herzen weniger Hass erfüllt, wenn man sich auf der Ebene der Musik treffen würde.

Sarband unter der Leitung von Vladimir Ivanoff

Hier einmal eine Erläuterung zu „Die Derwische vom Goldenen Horn“:

Die Anhänger des Mevlevi-Ordens werden auch die drehenden Derwische genannt, durch kreisende Bewegungen wollen sie in Ekstase zu geraten. Für die Mevlevis handelt es sich aber dabei um eine Form des Gebets, in der man die Möglichkeit hat Gott näher zu kommen. Die Tänzer tragen einen schwarzen Umhang über dem weißen Gewand. Der Umhang symbolisiert das Grab und der Hut den Grabstein.

Drehende Derwische

Nach der Segnung durch den Sheikh und somit der Auferstehung aus dem Grab legen sie das Grabtuch ab und beginnen zum Klang der Ney sich zu drehen. Die rechte Handfläche zeigt nach oben, um den Segen Gottes zu empfangen, die linke Handfläche zeigt nach unten, um den Segen in dieser Welt zu verteilen. Das Ritual wurde im Jahr 2005 in die UNESCO-Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit aufgenommen.

Standing Ovations

Wie ich gesehen habe, tritt das Ensemble auf dem Arnstädter Bachfest 2011 beim Abschlusskonzert mit der „Arabischen Passion“ auf. Wer die Chance hat, das Konzert zu besuchen, wird bestimmt nicht enttäuscht werden…

Schönen Wochenanfang, Claudia

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4 Gedanken zu „RUHR2010 Teil XXVIII: Passio – Compassio / J.S. Bach und der Sufismus

  1. Volker

    Liebe Claudia,

    ich habe einmal mit einem Kommentar zu deinem Beitrag gewartet und wollte nicht immer den Vorreiter spielen, aber von der Blog-Kominitee hört man dazu rein gar nichts, das ist jammerschade, es ist ein zeitliches Thema, das uns doch alle ansprechen sollte. Die Tage hatte ich einen Artikel gelesen, dass in der West-Türkei neue Konzerthallen gebaut werden und neue Symphonieorchester unter deutsche Beteiligung gegründet und geleitet werden. Vor allem die gebildete Jugend ist an westlicher Musik sehr interessiert.

    Dazu passt dein gehörtes Konzert aus der Jahrhunderthalle zu meinen getätigten Aussagen sehr gut.

    „J.S. Bach und der Sufismus“ – die Verbindung zwischen den Weltreligionen Christentum und Islam, die Themen Leid und Mitleid, Liebe und Leidenschaft als überkonventionelle Basis – wurde in deinem Beitrag treffend auf den Punkt gebracht. So wollte sich Bach immer verstanden wissen, seine Musik als Völkerverbindend-überkonfessionell – eben für das ganze Universum sollen sie bestimmt sein, was er mit der h-moll Messe so großartig umgesetzt hat. Wenn seine Werke im Orient und Okzident eine völkerverbindende Wirkung erreichen, sollten wir uns alle darüber freuen.
    Gruß Volker

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  2. Claudia

    Hallo Volker und danke, es ist ja wirklich derzeit brandaktuell. Empirisch gesehen muss ich anmerken, dass die Musik mir immer mehr gibt, als jedes Gespräch. Für mich war (und ist) der Islam alles andere als friedlich und liberal, der überkonfessionelle Sufismus war mir unbekannt aber dass sich Westen und Osten auf dieser Ebene ergänzen, erweitern, hätte ich nicht erwartet. Du musst mal diesen Rumi googeln, das muss wirklich ein interessanter Mann gewesen sein.
    Ich habe euch dieses Mal mit Infos überhäuft, weil ich einfach denke, das mehr Wissen einfach Türen öffnet udn auch oft Erstaunen und Interesse auslöst (war bei mir so).
    Wer sich jetzt gar nichts darunter vorstellen kann, kann auch mal Sarband googeln, da ist ein MP3 File mit „Erbarme Dich“ auf Arabisch.
    Ich werde morgen von einem weiteren Konzert berichten, Ihr dürft gespannt sein…

    Claudia

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  3. Volker

    Hallo Claudia,

    „Du musst mal diesen Rumi googeln, das muss wirklich ein interessanter Mann gewesen sein.“

    Das hatte ich nach deiner Veröffentlichung schon getan und wurde sofort bei Wikipedia fündig.
    Buchveröffentlichungen darüber gibt es sogar bei amazon:
    http://www.amazon.de/Die-Lehren-Rumi-Weisheiten-Sufi-Meisters/dp/3423362359

    Kurzbeschreibung des Buches:
    Man sagt, in ihm verbanden sich der Intellekt eines Platon mit der visionären Kraft eines Buddha und der Wortgewalt eines Shakespeare: Jalal od-Din Rumi hat der Nachwelt ein faszinierendes mystisch-poetisches Werk hinterlassen, das einzigartig ist in der spirituellen Weltliteratur.

    In seinen Schriften spricht Rumi von der inneren Einheit aller Wesen und ermutigt dazu, jenseits aller konfessionellen und dogmatischen Zwänge einen direkten Zugang zum Göttlichen zu finden.

    Dieses Buch enthält eine Auswahl seiner inspirierendsten Lehrtexte, die den Leser durch die verschiedenen Stufen des mystischen Wegs führen. Die Authentizität und Klarheit der Worte Rumis, die von seiner eigenen leidenschaftlichen und kompromißlosen Suche nach der Wahrheit zeugen, ermöglichen es jedem, den »Pfad der Liebe«, wie Rumi ihn lehrte und lebte, selbst zu gehen.

    Über den Autor
    Jalal od-Din Rumi (1207-1273) war einer der bedeutendsten Meister des Sufismus, der mystischen Lehre des Islam, und einer der größten persischen Dichter. Er wurde in Afghanistan geboren, lebte und wirkte jedoch größtenteils in Konya, Anatolien, wo er den heute noch aktiven Mevlevi-Orden der tanzenden Derwische begründete. Seine Werke zählen zur Weltliteratur und wurden in nahezu alle Sprachen übersetzt.
    Andrew Harvey ist Spezialist für mystische Literatur und hat bereits mehrere Bücher über Rumi publiziert. Auf Deutsch ist von ihm erschienen: ›Der Pfad ins Herz. Eine spirituelle Reise‹ (Rowohlt).

    Ich stimme dir zu, das die authentische Musik – (z.B. Bach mit arabisch/türkischen Instrumenten gespielt und der Text in türkisch/arabisch) – im ersten Moment sehr gewöhnungsbedürftig und befremdend erscheint.
    Nach deinen Schilderungen sind verschiedene Instrumente solistisch in Erscheinung getreten nur nicht in obligater Form, wie wir es vielfach von Bach kennen.

    Damit muss man erst einmal klar kommen und sich zurecht finden. Aber, man soll sich den zeitgenössischen und internationalen Interpretation nicht verschließen, da ist ein Konzertbesuch wirklich das angebrachteste um sich mit dem fremdartigen auseinandersetzen zu können.

    Als ich das Programm von der Bachwoche Arnstadt 2011 veröffentlichte, fand ich auch den Hinweis auf das von dir angeführte Konzert und habe es mir einmal mit näheren Informationen dazu herausgesucht..!!

    Gruß Volker

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  4. Claudia

    Hallo Volker, Du hast Dir ja einiges angesehen! Die Globalisierung hat ja nicht nur schlechtes. Witzig fand ich auch, dass Rumi Wein, Weib, Tanz und Gesang zugetan war, er meinte damit auch dem Göttlichen näher zu kommen. Also ein richtiger Lebemann.
    Wer scheut sich an orientalische Musik in Reinform ranzutasten dem sei vllt noch die Künstlerin Loreena McKennitt empfohlen, die die Musik der Kelten und die des Orients phantastisch zusammenbringt.

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