Beeindruckend – Stiller Schluss-Applaus nach einem Oratorium-Vokalwerk?

Hallo,

ich komme noch einmal auf das bereits abgehandelte Thema „Sinn oder Unsinn der Beifallskundgebung in Kantaten-Konzerten“ zurück. Ich habe mir das Oratorium von Joseph Haydn „Die Schöpfung“ unter der Leitung von Leonard Bernstein in der Basilika Ottobeuren von 1986 angesehen. Was dort zum Schluss ablief, hat mich sehr nachdenklich gemacht. Nach dem Schluss-Satz des „Amen“ war absolute Stille in der Basilika, der Dirigent und die Besucher verharrten ganz still, kein Applaus, nur die Glocken der Basilika waren zu hören. Danach verließen die Besucher die Kirche und ich war davon tief beeindruckt.

Was mag im Vorfeld abgesprochen sein, dass eine Beifallsbekundung unterblieb? Ich fand diese Art sehr sehr angemessen, es blieb genügend Zeit, alles während der Glockenschläge verinnerlichen zu können, diese Ruhe und Stille war beeindruckend und finde es nachahmenswert…!! Wahrscheinlich stehe ich mit dieser persönlichen Meinung allein auf weitem Feld und Flur…!! Einen Video-Ausschnitt von dem Konzert in der Basilika Ottobeuren von 1986 füge ich bei, hier geht es nur um den angesprochenen Schlussteil des Oratoriums von Joseph Haydn „Die Schöpfung“.

Lasst die Szenen einmal auf euch wirken und sagt mir dann einmal die persönliche Meinung dazu.

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Als Konteks dazu Sir John Eliot Gardiner aus seinem Reisetagebuch von SDG 156 Vol. 4 – CD eins

von der Pilgrimage 2000 -Tour aus der Kirche St Gumbertus, Ansbach wie folgt:

Foto: Frentischer Schluss-Applaus für den Sir in der Nikolaikirche Leipzig beim Bachfest 2007

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Das letzte Mal waren wir 1981 hier in Ansbach, als man uns eingeladen hatte, fünf verschiedene Programme mit Bachs Musik aufzuführen. Der Chor übertraf sich damals selbst, und dies zu einer Zeit, als wir als English Baroque Soloists immer noch damit beschäftigt waren, unseren Weg als ein Ensemble zu finden, das sich der historischen Aufführungspraxis verschrieben hatte.

Neunzehn Jahrespäter wurde das erste Stück in unserem Programm, die Motette ‚Lobet den Herrn’, die mit einem überwältigenden ‚Hallelujah!’ endet, mit völliger Stille quittiert. Plötzlich fiel mir wieder ein, wie bestürzt ich damals war, als der zaghaft einsetzende Beifall mit lauten Pst!-Rufen erstickt wurde, 1981 und auch am Ende unseres ersten Auftritts 1979 hier.

Irgendwie wirkte es so, als würde der ganzen Sache der Reiz genommen – der Ehre, die man vermeintlich uns, den Ausländern, erwiesen hatte, als man uns auserwählte und einlud, an diesem führenden Bach-Fest teilzunehmen, fast einem Mekka (oder Bayreuth) der Bach-Feiern. Einige von uns hatten Mühe, nicht aufgebracht zu reagieren, nicht was die fehlende hörbare Zustimmung betraf, sondern die Einstellung, die hinter diesem kapriziösen Verzicht auf Applaus lag.

Der Grund dafür war nicht so sehr die (mangelnde) Qualität der Aufführung, jedoch vielmehr der pseudo-religiöse Respekt, den ein Publikum, das sich als wahrer Wächter der heiligen Bach-Flamme verstand, dieser Musik entgegenbrachte. Historisch nicht ganz stimmig an dieser exzessiven Bach-Huldigung ist, dass die Musik als ein statischer Gegenstand oder eine heilige Reliquie gesehen wird, während Bach eindeutig sehr großen Wert darauf legte, dass seine Musik aufgeführt wird, wie es uns im Laufe des Jahres immer wieder bestätigt worden war.

In gewisser Weise wird ihre Komposition erst während der Aufführung ‚vollendet’, und das ist der Grund, warum wir als Musiker so achtsam jeder Spur folgen, die uns in der Notation der Kantaten Hinweise auf Bachs eigene Aufführungspraxis gibt.

Wir sind auch bestrebt, ein produktives und dynamisches Dreiecksverhältnis zu schaffen, zwischen dem Komponisten Bach, der sein Werk selbst aufgeführt hat, uns als Musikern, die es neu erschaffen, und schließlich dem Publikum, das an diesem Prozess teilhat. So war es in allen ostdeutschen Städten gewesen, wo wir in diesem Jahr aufgetreten waren.

Doch wenn die Zuhörer als begeisterte Bach-Anhänger zu dem Schluss gelangt sind, das Gelände verteidigen zu müssen, kann diese lebenswichtige chemische Reaktion zwischen ihnen und uns nicht mehr stattfinden, und damit entfällt auch der ‚Auftrieb’, den ein reaktionswilliges Publikum einem auftretenden Ensemble geben könnte.

Diese Überlegungen traten in ein anderes Licht, als eine ältere Dame nach dem Konzert am Morgen nach vorn kam und mir ein Sträußchen mit Blumen aus ihrem Garten überreichte. Die letzte Spur Groll verschwand, als sie am Abend mit einem noch größeren Strauß wiederkam, diesmal aus wilden Wiesenblumen.

– Zitat – Ende –

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In einem Interview mit der NW vom 20.10.2009 nahm der englische Star-Violonist Daniel Hope zu dem Thema Applaus wie folgt Stellung:

Frage:

Herr Hope, ich habe in einem Benimmbuch aus den 50er Jahren gelesen, dass man den Künstler nach einem Konzert nicht mit allzu langem Beifall bedenken sollte, weil er vom Musizieren müde sei. Sagen Sie mir bitte, dass das nicht wahr ist.

DANIEL HOPE:

(lacht) Ich würde sehr traurig sein, wenn das wahr wäre. Natürlich kann man sehr müde sein nach einem Konzert, aber für mich persönlich ist Applaus das schönste Geräusch nach der Musik. Es ist das Signal des Publikums an den Künstler, dass die Botschaft angekommen ist.

Frage:
Sie sind gerade in Aix-en-Provence gemeinsam mit Anne-Sophie von Otter aufgetreten mit Liedern aus dem KZ Theresienstadt.
Wenn man um den Hintergrund dieser Musik weiß, kann da Applaus nicht auch fehl am Platze wirken?

HOPE:

Ja, das kann es. Wir haben gerade mit diesem Programm unterschiedlichste Reaktionen erlebt. Bei den Kabarettliedern, die im KZ zur Ablenkung geschrieben wurden, hat sich manches Publikum richtig in den Applaus hinein gesteigert, ein anderes Publikum hat eher zurückhaltend reagiert, weil es spürte, zu viel Applaus wäre fehl am Platz. In Frankreich haben die Leute sehr schnell und sehr stark nach allem applaudiert. Das war für uns Musiker nicht ganz einfach, weil das zum Teil sehr traurige Lieder sind und sich eine gewisse Spannung aufgebaut hat. Man will als Musiker manchmal ein paar Sekunden der Stille genießen, und das ist dann nicht möglich.

– Zitat – Ende –

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Die gegensächlichen Aussagen von Daniel Hope und J.E. Gardiner zum Thema „Applaus“ können nicht unterschiedlicher ausfallen. Ich kann mich noch sehr gut an die Aufführung von Sir John Eliot Gardiner – mit der Matthäus-Passion am 6. März 2005 – im Kaiserdom von Königslutter erinnern. In diesem Beitrag hatte ich folgende Aussage zum Konzert getätigt:

Besonders beeindruckend, wie innerlich bewegend die gesamten Solisten, ob Chor oder Orchester sowie J.E. Gardiner, bei den Gesangspartien des Evangelisten, die Augen geschlossen und die Hände gefaltet, den Worten und der Musik lauschend zuhörten.
Das Publikum wurde dermaßen von diesen Passagen des Werkes eingenommen, dass selbst das Husten unterblieb. Nach dem Schluss-Ton geriet man in einen Trancezustand, absolute Stille umgab die Aufführungsstätte, Gardiner verharrte in sich gekehrt und entschwand kurze Zeit später von der Bühne um nicht wieder zurückzukehren.

Mein Umkehrschluss zur Aussage von Sir Gardiner aus dem Jahre 2000 zu Ansbach und zur Aufführung in Königslutter. Es lagen mittlerweile 5 Jahre dazwischen, hat Sir Gardiner eine neue Sicht auf diese Thematik bekommen – dass in einem sakralen Raum beim Erklingen einer Passions-Musik auf eine Beifallsbekundung zu verzichten ist, anders kann ich sein Verhalten in Königslutter nicht deuten und bin der Meinung, dass dieses Verhalten sich als richtig erweist.

Sicherlich vertritt subjektiv jeder eine andere Meinung, aber mir hat diese Schluss-Art  von Königslutter und aus der Basilika Ottobeuren – auf Applaus zu verzichten sehr gut gefallen und wünschte, das würde weiterhin Bestand haben…!!

Eine weitere Ergänzung zu dem Thema gab es in der Semperoper Dresden durch den Dirigenten Christian Thielemann am 14.2.2010 in 3Sat mit dem Beethovenkonzert mit der Missa-Solemnis:

“Wenn von einem schönen Brauch Abstand genommen wird, nämlich zu Applaudieren, es gibt keinen Applaus weder für den Auftritt noch nach dem Stück und ich finde sowieso eigentlich bei geistlichen Stücken ist das keine schlechte Idee.”

Dieses Aussage ist hier nachzuhören:

Ich fand das am Ende sehr beeindruckend, als die Besucher und das Orchester sich erhoben und schweigend eine Minute regungslos verharrten und an das Bombendrama auf Dresden durch ihre Haltung entsprechend so zum Ausdruck brachten – ein nachahmenswerter Stil..!!

Ein kleines Konzert-Schnipzel mit dem beeindruckenden Konzert-Ende- nachstehend:

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Link zum alten Beitrag: „Sinn oder Unsinn der Beifallskundgebung in Kantaten-Konzerten“

https://meinhardo.wordpress.com/2008/01/24/sinn-oder-unsinn-der-beifallskundgebung-in-kantaten-konzerten/

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Gruß

Volker

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7 Gedanken zu „Beeindruckend – Stiller Schluss-Applaus nach einem Oratorium-Vokalwerk?

  1. Leen

    In einem Konzertsaal gehört immer ein Applaus, in einer Kirche glaube ich auch. Das Applaus ist nämlich eine Anerkennung, ´Belohung´ für den Musiker!
    Aber es ist der Auftrag des Dirigenten die Stille am Ende des Konzerts so lang wie erwünscht fest zu halten!

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  2. Barbara

    Hallo Volker,
    ich habe dem, was ich in der letzten Diskussion geschrieben habe, nichts mehr hinzuzufügen. Gerade bei den letzten Konzerten, die ich besucht habe, ist mir bewusst geworden, wie wichtig der Applaus für mich als Bindeglied zwischen den starken Emotionen, die bei einem wirklich guten Konzert frei werden und dem Alltag hinter den Türen des Konzertsaales ist.
    Jeder Musiker, jeder Zuhörer empfindet dies anders, und wie am Beispiel von Gardiner zu sehen, auch nicht immer gleich. Das ist das Menschliche daran.
    Ansonsten: Siehe alter Beitrag
    Gruß
    Barbara

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  3. Volker Autor

    Hallo Barbara, hallo Leen,

    ich finde auch, was @Leean sagt ist auch eine Sache des Dirigenten, wenn er eine stille Atmosphäre nach dem Konzert wünscht, kann er das durch ein Handzeichen kurz andeuten. Wie geschehen von Gardiner nach den Michaeliskantaten in der Nikolaikirche Leipzig.

    @Barbara sagt schon richtig aus: „das jeder Zuhörer anders empfindet“ – ich war überrascht von der Stille nach dem Konzert in der Basilika Ottobeuren und nur die Glocken waren zu vernehmen, das hat mich sehr beeindruckt und fand es nicht unangebracht.

    Das sollte aber nicht heissen, dass ich den wohlverdienten Applaus den Aufführenden nicht zukommen lasse, im Gegenteil, ich bin immer für den wohlverdienten Beifall, den die Aufführenden mehr als verdient haben. Es kommt eben auch auf die Situation darauf an, um was für ein Werk handelt es sich, ist ein Applaus – siehe Matthäus- Johannes-Passion, oder die von Daniel Hope angemerkten Kabarettliedern (KZ) – spontan angebracht? Hier ein Zeichen vom Dirigenten an die Besucher, wann der Applaus erwünscht ist, wäre eine gute Alternative.

    Grüße
    Volker

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  4. Lutz

    Ich habe selbst verschiedene Werke mitgesungen (Johannes-Passion, Weihnachtsoratorium oder Mozart-Requiem) und muss sagen – wie auch Volker – dass der Applaus werkabhängig ist. Bei dem Requiem wurde sogar vorher darauf hingewiesen, dass Applaus nicht erwünscht sei, was ich als absolut richtig empfand. Mir persönlich war es Anerkennung genug, das Publikum zu einer gewissen Andacht zu führen – aufgeführt wurde es in der Kar-Zeit in unserer Kirche. Andererseits bei dem Weihnachtsoratorium habe ich dem Applaus genossen, auch des Inhalts wegen, schließlich schrieb Bach unter alle seine Werke „S.D.G.“ (Soli Deo Gloria – Allein Gott die Ehre). Es war für mich Lob und Anerkennung für unsere Leistung (was mir gut tat nach knapp 3 Stunden singen) als auch ein Dank an Gott. Wenn hier kein Applaus gekommen wäre, hätte was gefehlt.

    Gruß
    Lutz

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  5. Volker Autor

    Hallo Lutz,

    stimme dir zu, wenn das Weihnachtsoratorium keinen Schlussapplaus bekommen würde, fehlt einem nach einer so stimmigen und frohen Musikaussage der verdiente Beifall absolut..!! Ich bin auch der Meinung, wenn im Vorfeld darauf hingewiesen wird, am Ende keinen Applaus zu spenden, können sich die Besucher und Aufführenden darauf einstellen und wird anschließend keine Betroffenheit auslösen.

    Vor zwei Tagen las ich in unserer Zeitung eine Rezension zu den gegebenen Konzerttagen in Bielefeld. Hier ein Auszug davon:

    „Überhaupt Benjamin Britten. Mit dessen „Lachrymae“ für Viola und Streichorchester (1948) hatte Christof Pülsch ingeniös zugewählt. Die Reflexionen über ein Lied von John Dowland bildeten ihrer filigranen Struktur und gar nicht tränenreichen Verhaltenheit die perfekte Einstimmung und bestachen in der Wiedergabe mit Antonia Shvyduk, Solobratscherin der Bielefelder Philharmoniker, durch konzise Eleganz und Einfühlung.
    Am Konzertende, wie erbeten, kein Applaus, sondern liturgisches Ausgeläut.“

    Ich bin fast sprachlos geworden, hat die Diskussion hier im Forum dieses Ausgeläut bewirkt? Ich finde so ein Ausgeläut nach einem entsprechenden “ Sakralen Werk “ nicht unangemessen.

    Gruss
    Volker

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  6. Volker Autor

    3. Mai 2010 / Heute etwas aktuelles dazu aus der Presse:

    Kurt Masur (82), Dirigent, schätzt einen Konzertabend manchmal erst dann als gelungen ein, wenn das Publikum nicht gleich klatscht. „Wenn auf dem Fußballplatz ein Tor geschossen wird, schreien wir ringsherum auf, und das ist eine ganz spontane und echte Emotion. Im Konzert ist das anders. Wenn nach einer Aufführung der Neunten von Beethoven noch eine halbe Minute Stille ist, weiß ich, heute haben sie dich verstanden und Beethoven auch.“

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  7. Pingback: Neue Reihe: Bach-Kantaten zum Sonntag im Kirchenjahr mit Hörbeispielen und Kantatenbeschreibung für den 6. Sonntag nach „Trinitatis“ « Volkers Klassikseiten J.S. Bach

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