J.S. Bach Reformations-Kantaten

Hallo Bachfreunde,

dieser Tage wurde folgender Kommentar ins Forum gestellt:

Mir würde es gefallen, wenn wir wieder zu unseren Kantaten zurückkehren und eher nach positiven und heilenden Aspekten suchen. Wie vielen Leuten eröffnen Bach’s Kantaten neue Zugänge…..!!

Greife ich diesen Hinweis einmal auf und beginne mit den anstehenden Reformations-Kantaten.

Welche Kantaten sind dafür von J.S. Bach komponiert worden? Weiss es ein jeder auf Anhieb? Mir fällt spontan das BWV 80 „Ein feste Burg ist unser Gott“ – ein. Ein prächtiges monumentales Werk mit einem großartigen Eingangs-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“. Eine eindeutige Zuordnung als ein Bachwerk – in der heutigen Aufführungspraxis – ist nur bedingt aussagefähig und zweifelhaft geblieben. Bach hat eine Erstfassung 1715 in Weimar  – BWV 80a „Alles was von Gott geboren“ als Oculi-Kantate – komponiert und aus mangelnden Zeitgründen 1728 / 1731 in Leipzig überarbeitet  als Kantate zum Reformationstag: „Ein feste Burg ist unser Gott“ . Man vermutet, dass Wilhelm Friedemann Bach nach dem Tode des Vaters in Halle a.d.Saale Änderungen an dem BWV 80 vorgenommen hat.

Schloss-Kirche Wittenberg mit dem Luther-Text am Turm "Ein feste Burg"

Foto: Der Kirchenturm der Schloss-Kirche Wittenberg mit dem Luther-Text: „Ein feste Burg ist unser Gott“ (Fotorechte: V. Hege)

Kirchen_T_r_der_Schlosskirche_Wittenberg_mit_den_Luther_Thesen.JPG

Dazu ein passendes Foto mit Luthers 95 Thesen an der Kirchentür eingearbeitet

Schloss-Kirche Wittenberg. (Fotorechte: V. Hege)

Bei unserem Besuch 2008 von Wittenberg waren wir beeindruckt von dieser trutzigen Schlosskirche die ehemals zu einer Burg-Schloss-Anlage gehörte. Der in 1768 erneuerten Türflügel wurden zur Erinnerung an den Thesenanschlag 1858 ersetzt durch bronzene Türflügel mit dem Text der 95 Thesen Luthers und mit musizierenden Knaben auf den Türkämpfern.

Schon von weitem ist der beeindruckende Luther-Text am Turm der Schlosskirche zu sehen. Spontan fällt man in das Luther-Lied ein und erlebt einen bewegenden Moment. Wie mag Luther zumute gewesen sein, als er seine Thesen an die Schlosskirchen-Tür anbrachte, er war nicht am Zweifeln, dass es Unrecht war, was er tat. So sehe ich ebenfalls das Kantaten-Werk von Bach und werde immer wieder mit dieser Luther-Tat konfrontiert und eingenommen. Der Cantus firmus in höchster und tiefster Lage ist als Symbol der weltumspannenden Geltung dessen, was gesagt wird zu verstehen: Gottes Machtbereich umfasst den gesamten Kosmos. In Satz sieben ist besonders erwähnenswert die kämpferische Vertonung „Es bleibet unbesiegt und kann die Feinde schlagen“ und wirkt als ein fantastischer Kontrast zu den übrigen anmutigen Abschnitte in dem Duett für Alt und Tenor.

Aufgewühlt und beeindruckt bin ich immer von dem Schluss-Choral „Das Wort sie sollen lassen stahn“ – das lässt sich unmittelbar wunderbar auf die heutige Wirklichkeit der Finanzgebaren und Mauscheleien interpretieren, „lass fahren dahin, sie haben kein‘ Gewinn; das Reich muss uns doch bleiben.“

Es ist das erhebende Werk zum Reformationsfest für uns Protestanten, diese Eindringlichkeit der Worte und kraftvollen Musik kann sich keiner entziehen und verinnerlicht es in der Gewissheit – in der festen Burg wohl geborgen zu sein…..!!

Luther-Relief in der Schlosskirche Wittenberg.JPGFoto: Luther-Relief in der Schlosskirche Wittenberg (Foto: V. Hege)

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Es gibt so hervorragende Einspielungen vom BWV 80, sicherlich ist für mich Gardiner einer der Favoriten, aber verstecken brauchen sich Suzuki, Koopman, Herreweghe, Rilling, Richter, Thomaner unter Rotzsch, Rifkin… etc. nicht, die Auswahl ist gewaltig und das ist das erfreuliche an diesem Bachwerk.

Link: Hörpoben und CD-Einspielungen über diesen Link-Text

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Etwas zu Unrecht im Abseits dazu steht die Bach-Kantate: BWV 79 „Der Herr ist Sonn und Schild“ die ebenfalls durch einen gewaltigen Eingangs-Choral sehr einprägsam imponiert.

Der Eröffnungssatz ist als eine Art feierlicher Aufzug gestaltet – ein bewegendes Bild aufmarschierender Lutheraner. Doch ihr Kampfgeist wirkt in keiner Weise grimmig und verbissen: Die 62-taktige Einleitung schafft eine Atmosphäre geselliger Freude und Gutmütigkeit. Die Fanfaren der hohen Hörner werden von einem beharrlichen Trommelschlag untermauert, der – mit ein bisschen Phantasie interpretiert – das Geräusch des Hammers nachahmt, mit dem Luther seine Thesen an die Eichentür auf der Rückseite der Kirche schlug.

Gardiner sagt dazu in seinem Reisetagebuch:

Gillies Whittaker, der Bachs Kirchenkantaten umfangreiche Analysen gewidmet und alle nach dem Ersten Weltkrieg über mehrere Jahre in Newcastle dirigiert hat, bekannte, er habe „selten eine so überirdische Glückseligkeit empfunden wie beim Dirigieren dieses herrlichen Chores“.  Ich selbst erinnere mich, dass ich ungeheuer aufgewühlt war, als ich ihn 1972 dirigierte, aber dieses Mal, hier in Wittenberg, war seine Wirkung überwältigend.“

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Hörprobe: mp3 BWV 79 Gott der Herr ist Sonne und Schild“

01 Bach_ Cantata #79, BWV 79, _Gott, Der Herr, Ist Sonn und Schild_ – 1. Gott Der Herr Ist Sonn und Schild

02 Bach_ Cantata #79, BWV 79, _Gott, Der Herr, Ist Sonn Und Schild_ – 2. Gott Ist unser Sonn und Schild!

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Bei der kleinen dreisätzigen Kantate Nun danket alle Gott BWV 192 besteht die Gefahr, dass sie im Schatten der beiden riesigen Reformations-Kantaten (BWV 79 und 80) verkümmert. Mit ihrer bescheidenen Instrumentierung bietet sie jedoch einen reizvollen Kontrast, eine Möglichkeit, das Fest auf eine alternative und weniger bombastische Weise zu feiern….!!

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Alle oben genannten Kantaten sind in CD zwei von SDG 110 enthalten.

Ich  bin gespannt auf weitere Wortmeldungen zu diesen einprägsamen Reformations-Kantaten und welcher Interpret mag euer Favorit sein, der diese Werke beispielhaft zu interpretieren weiss.

Gruß

Volker

 

 



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8 Gedanken zu „J.S. Bach Reformations-Kantaten

  1. Wolfgang

    Liebe Bachfreunde!

    Gerade die von Volker zum Hören vorgeschlagenen Reformationskantaten müssen Bach herausgefordert haben, profiliert und für den Hörer besonders deutlich, menschliche Grundhaltungen in Musik umzusetzen.

    Eine menschliche Grundfrage ist doch die:

    AUF ETWAS MUSS MAN SICH DOCH VERLASSEN KÖNNEN. BRINGT EINE BINDUNG AN EINEN HALT MEHR, ALS DAUERND POSITIONEN SUCHEN? DAUERND WIRD MAN ZWAR ABGELENKT VON SOLCH EINEM WEG, ABER DAGEGEN KANN ICH DOCH ANGEHEN !!!

    Um dies auszusagen, nimmt Bach das biblische Bild und Luthers Choral von der ‚Festen Burg‘ zur Hilfe. Den guten Kirchgängern in der Thomaskirche war Bach’s Aussage sogleich verständlich. Der heutige Hörer hat es da natürlich schwerer, die eigentliche Botschaft in Bach’s Musik und Text zu entziffern. Ich will es für BWV 80 mal so versuchen:

    1.Chor: Es gibt doch etwas Verläßliches, das auch Schweres nicht verleugnet. 2.Arie: Das gilt auch für Dich, Du bist schon längst dabei, und kannst Dich damit immer wieder gutfühlen. Unterschwellig läuft ein Choral-Band, das sagt: menschliche Macht bringt es letztlich nicht. 3.Rezitativ: Bedenke das, Du hast die freie Entscheidung, fall bitte nicht weiter in’s Loch. 4.Arie: Ein bißchen Verlockung, komm doch! 5.Choral: Und wenn …? Ich pack’s doch! Fürchte mich nicht vor teuflischen Zwängen. 6.Rezitativ:Jetzt hast Du aber auch eine Aufgabe-, steh dazu! 7:Duett: Denen geht’s gut, die auch sagen, zu was sie sich entschieden haben. 8.Choral:Fazit: Also muß dieser feste Grund (vgl.1) auch bleiben, darf nicht relativiert werden.

    Darum ist die Bach-Kantate im Radio am Sonntagmorgen so wichtig. Bei dieser Gelegenheit auch ein Danke-Schön an Barbara, die manches an Kantaten uns auflistet. Mancher Hörer ist entspannt und hört zu, denkt sich seinen Teil, kann veralteten Text dann doch neu deuten und findet spontan eine musikalische Linie, die ihm was bringt. Warum nicht in meiner oben angedeuteten Interpretation?

    Übrigens hat die Gardiner-Aufname in SDG 110(2) mich am meistens überzeugt.

    Gruß

    Wolfgang

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    Antwort
  2. Wolfgang

    Nachtrag!

    Natürlich darf eine einmal etwas ‚flapsige‘ Interpretation wie die Meinige nicht darüber hinweggehen, dass es sich bei BWV 80 um die wohl bekannteste Reformationsmusik und die Hymne der Protestanten handelt. Doch welcher ’normale‘ Kirchen-Christ läßt sich noch vom Reformationsfest angeregt, jetzt am kommenden Sonntag in seine Ortskirche treiben? Reformatorische Anliegen blitzen zwar manchmal im Text auf, z.B. Chor 1 „er hilft uns FREI aus aller Not“ = er hilft uns umsonst, ohne menschliches Verdienst, besonders dann im Schlußchoral(8) ‚das Wort sie sollen lassen stahn’= sola scriptura, keine Opfer, Maria oder Papst gelten den Protestanten etwas.

    Hauptanliegen scheint mir der Kampf gegen den Teufel zu sein. Gibt es den überhaupt noch. Aber ‚JDERMANN/JEDEFRAU kennt ihn und seine Macht über uns. Im Text mehrmals ganz klar angesagt, in den Tumultmotiven musikalisch unwiderstehlich ausgedrückt und mit martialischen Termini wie ‚Blutpanier, zum Siegen auserkoren, es streit für uns der rechte Mann‘ usw. fast zum Nicht-Wiederholen geeignet. Aber Bach hatte ja mit der Wortwahl nichts zu tun, das war ja Martin Luther’s Lied, das seinerseits auf Luther’s Übersetzung von Psalm 46 zurückgeht.

    Wie dem auch sei: Luther und Bach, wie gut das die Protestanten beide-, obwohl uralt, heute aktuell haben. Ich freue mich, morgen abend zum Reformationstag (Thesanschlag!) mal wieder in meine Ortskirche zum Abend-Gottesdienst zu gehen. Da gibt es bestimmt Luther-Worte satt garniert mit Bach-Musik, gespielt von unserem A-Kantor. Und nach dem Gottesdienst haben alle den richtigen Geschmack auf der Zunge, um Martini-Gänsebraten auch noch verkraften zu können.

    Ein gesegnetes Reformationsfest wünscht

    Wolfgang

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    Antwort
  3. Volker Autor

    Hallo Wolfgang und hallo Leen,

    es wurde von @Wolfgang folgende Aussage gemacht:

    „Wie dem auch sei: Luther und Bach, wie gut das die Protestanten beide-, obwohl uralt, heute aktuell haben.“

    Wie aktuell beider Personen im heutigen Fokus noch stehen, lasst euch morgen mit hervorragenden und eindrücklichen Filmbeiträgen überraschen, diese Filmbeiträge über Luther-Bach sind so hervorragend gemacht worden, da ist man zutiefst berührt und kann sie nur wärmstens empfehlen – sie sich anzusehen.

    Gruß
    Volker

    Gefällt mir

    Antwort
  4. Volker Autor

    Eine weitere legendäre Aufnahme aus dem Kalenderjahr 1952 das BWV 79 „Gott der Herr ist Sonn und Schild “

    Johann Sebastian BACH
    CANTATE BWV 79 “ Gott der Herr ist Sonn und Schld “ ( extraits )
    Anniversaire de la Réforme
    Leipzig, 31 octobre 1725
    1- Choeur
    2- Aria d’alto
    3- Choral

    Lore Fischer, alto
    Berliner Motettenchor
    Berliner Philharmoniker
    Direction Fritz LEHMANN
    enregistré le 13 juin 1952 à la Jesus-Christus-Kirche, Berlin-Dahlem
    VINYL
    —————————————————————————————————–

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