Archiv für den Tag 24. Januar 2008

Bach-Cantata-Pilgrimage Konzert Köthen 10.09.2000


Hallo,

nachdem ich die Woche über etwas schweigsam war, hier nun ein weiterer Bericht zur BCP: zum Konzert in Köthen am 12.Sonntag nach Trinitatis (10.09.2000). Ein schöner Spätsommer-Sonntag begann mit der Reise nach Köthen. Die Tour war inzwischen für mich etwas fortgeschritten und man war soweit, die Strecke nicht mehr in Kilometern, sondern in zu hörenden Bach-Kantaten zu bestimmen:).

Aufführungsstätte: St. Jakobskirche in Köthen

Köthen selbst präsentierte sich in strahlendem Sonnenschein, nach dem zeitigen Mittagessen erschienen die Musiker und Herr Reimann von der Konzertagentur. Er erzählte mir, daß der Meister in geradezu fantastischer Stimmung sei. Dies wurde kurz darauf durch einen breit grinsenden John Eliot Gardiner bestätigt, der sich gut gelaunt in Richtung Probe begab, die schon zu einem wunderbaren Vorgeschmack geriet. Am Abend sollten die Kantaten “Geist und Seele wird verwirret” BWV 35 für Alt-Solo, “Lobe den Herrn, meine Seele” BWV 69 a, die Motette “Komm, Jesu, komm” BWV 229, sowie als Abschluß die Kantate “Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren” BWV 137 erklingen. Die vier Solisten waren Katharine Fuge, Robin Tyson, Christoph Genz und der (wie immer) überragende Peter Harvey.

Die Probe schloß mit dem fantastischen und überaus euphorischen Schlußchoral aus BWV 137 “Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen”. In absoluter Hochstimmung “schwebte” ich über den Kirchenvorplatz in Richtung Kaffee, um mich dort vor dem Konzert noch einmal zu stärken.

Der Abend selbst begann in der vollen Köthener St. Jakobskirche mit der Kantate 35 aus dem Jahr 1726, die durch eine herrliche Orgelsinfonia eröffnet wird. Bei dieser handelt es sich um den ersten Satz des Orgel- /Cembalokonzerts d-moll BWV 1059. Der Organist Ian Watson erwies sich als absoluter Könner und gestaltete diese Eröffnung schwungvoll und mitreißend. Auch die Sinfonia zu Beginn des 2. Teils der Kantate wurde mit überwältigender Leichtigkeit musiziert. Der nun folgende Alt-Solo Part wurde von Robin Tyson gesungen. Zu Beginn doch deutlich etwas quäkig steigerte er sich von Satz zu Satz und der Schluß “Ich wünsche nur bei Gott zu leben” geriet zu einem mitreißenden Tanz, der die ganze Vorfreude auf das himmlische Leben darstellt.

Was nun folgte, war ein rechter Paukenschlag. Die Kantate 69 a, die im Jahre 1723 komponiert wurde, mit ihrem überschwänglichen und überwältigenden Eingangschor. Die drei Trompeten, allen voran Niklas Eklund, sorgten in diesem Satz für etwa 4 Minuten Feuerwerk, man merkte wirklich, wie alle Leute den Atem anhielten. Der Monteverdi Choir zeigte wiederum überragende Leichtigkeit in der Präsentation selbst schwierigster Koloraturen. Als besonders schöne Arie aus dieser Kantate muß ich den Satz Nr. 5 “Mein Erlöser und Erhalter” erwähnen. Peter Harvey zeigte, daß er Bach wirklich verinnerlicht hat. Sein makelloses Deutsch und die überaus innige Interpretation ließen den Satz zu einem Höhepunkt werden. Den Abschluß bildete der Choral “Was Gott tut, das ist wohl getan”

Im Anschluß daran erklang in schönem Kontrast die doppelchörige Motette “Komm, Jesu, komm”, bei der sich die Geister scheiden, wann genau sie geschrieben ist. Man geht allgemein wohl von ca. 1730 aus. Leise, zart und innig geriet sie zu einer choristischen Meisterleistung. Der Mittelteil “Komm, komm, ich will mich dir ergeben” schwebte leicht und luftig durch die Kirche. Im Schlußchoral “Drauf schließ ich mich in deine Hände” zeigte unser Meister wieder, welch ein gutes Händchen er für die Interpretation Bach’scher Choräle hat. Ehrlich gesagt habe ich weder zuvor noch danach je einen Dirigenten erlebt, bei dem die Choräle jedesmal zu Juwelen werden. Von anderer Seite habe ich über John Eliot auch schon gehört, er sei die Wiedergeburt Bach’s. Ich kann diese Ansicht nur unterstützen!

Für die letzte Kantate (BWV 137, komponiert 1725)hatten sich alle ganz offenbar noch extra-Reserven aufgespart. Mit welch einer überschäumenden Freude und Kraft begann dieser Eingangschor “Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren”. Man mochte kaum glauben, daß so etwas in einem solchen Tempo möglich ist. Jedoch schien es niemandem der Musiker ernste Probleme zu bereiten. Donnernd schmetterten die drei Trompeten ihre Fanfaren in die Kirche, als sei dies ein Kinderspiel. Die absolute Krone chorischer Kraft erfolgte jedoch im Schlußchor. Hiernach hielt es niemanden mehr auf den Sitzen. Das Publikum tobte, doch Gardiner hatte noch einen Trumpf in der Tasche. Ähnlich wie in Neviges begann mitten im tosenden Applaus der Eingangschor der Kantate 69a als Zugabe. Einen besseren Adrenalinkick hätte Gardiner uns allen garnicht geben können. Wie befreit nach diesem langen und tollen Konzert zeigten alle Musiker noch einmal, daß sie wirklich die Besten der Welt sind.

Viele Grüße,

Alex

———————————————————————————————

Bereits abgegebene Kommentare:

Advertisements

Neue SDG CD’s 141 + 138 erscheinen in Kürze


14.1.2008 von Martin.

Hallo zusammen,

am 28.01.08 werden (in UK) die nächsten CD’s veröffentlicht:

Cantatas for the Fourth and Fifth Sundays after Trinity

Ein ungefärbt Gemüte BWV 24
Barmherziges Herze der ewigen Liebe BWV 185
Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ BWV 177
Gott ist mein König BWV 71

Soloists: Magdalena Kozená, Nathalie Stutzmann, Paul Agnew, Nicolas Teste,
Joanne Lunn, William Towers, Kobie van Rensburg, Peter Harvey
Recorded: Tewkesbury Abbey (final cantata Blasiuskirche, Mühlhausen)

Cantata for the Fifth Sunday after Trinity

Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir BWV 131
Wer nur den lieben Gott lässt walten BWV 93
Siehe, ich will viel Fischer aussenden BWV 88

Soloists: Joanne Lunn, William Towers, Kobie van Rensburg, Peter Harvey
The Monteverdi Choir, The English Baroque Soloists / John Eliot Gardiner
Recorded: Blasiuskirche, Mühlhausen

SDG’s release of Bach Cantatas for the Forth and Fifth Sundays after Trinity opens with BWV 24 Ein ungefärbt Gemüte, recorded in Tewkesbury Abbey as part of The Cheltenham Festival. A far earlier piece follows, BWV 185 Barmherziges Herze der ewigen Liebe was composed in Weimar in 1715 to a text by Salomo Franck and revived by Bach in Leipzig in 1723 and again in 1746/7. Strikingly different in mood is BWV 177 Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ, composed in 1732, a chorale cantata based on Agricola’s hymn set unaltered and with no recitatives.

The second CD was recorded in Mühlhausen, where a twenty-two year old Bach took up his second professional post. It lasted for just one year, from June 1707 to 1708. This programme includes BWV 71 Gott ist mein König. There is nothing else quite like Gott ist mein König in Bach’s oeuvre. No other work of his is laid out on such a grand scale in terms of its deployment of four separate instrumental ‘choirs’, set against a vocal consort of four singers, an optional Capelle of ripienists and an organ.

“The singing and playing is exceptional.”

(Anna Picard, Independent on Sunday)

“John Eliot Gardiner’s Bach Cantata Pilgrimage series just gets better. These pieces show Bach at his most exuberant, as though he’s laughing with unbridled joy at the secrets of the universe, and Gardiner’s team responds with thrilling playing and singing.”

(Warwick Thompson, Metro)

JOHANN SEBASTIAN BACH 1685-1750)

Cantatas Volume 27

Cantatas for Whit Tuesday

Brandenburg Concerto No. 3 BWV 1048
Erwünschtes Freudenlicht BWV 184
Er rufet seinen Schafen mit Namen BWV 175

Soloists: Lisa Larsson, Nathalie Stutzmann, Christoph Genz, Stephen Loges

Recorded: Holy Trinity, Blythburgh

Cantata for Trinity Sunday

Höchsterwünschtes Freudenfest BWV 194
Es ist ein trotzig und verzagt Ding BWV 176
O heil’ges Geist- und Wasserbad BWV 165
Gelobet sei der Herr, mein Gott BWV 129

Soloists: Ruth Holton, Daniel Taylor, Paul Agnew, Peter Harvey
The Monteverdi Choir, The English Baroque Soloists / John Eliot Gardiner
Recorded: St Magnus Cathedral, Kirkwall

The first of SDG’s 2008 releases combines cantatas for Whit Tuesday and Trinity Sunday. Brandenburg Concerto No.3 precedes the two surviving Cantatas for Whit Tuesday. Pressed for time at the end of a busy Whit weekend during his first year in Leipzig, Bach based BWV 184 Erwünschtes Freudenlicht (1724) on a hasty revision of a lost Cöthen secular cantata. One might momentarily mistake the second movement of this cantata as the origin of the celebrated duet from Lakmé, before considering the long odds of Delibes ever having clapped eyes on this obscure piece. The pastoral mood continues a year later in BWV 175 Er rufet seinen Schafen mit Namen (1725). This is a more elaborate work, the eighth of the nine consecutive texts Bach set by Christiane Mariane von Ziegler.

Recorded in St Magnus Cathedral, Kirkwall after one of the more dramatic journeys on the Bach Cantata Pilgrimage, the first cantata for Trinity Sunday, BWV 165 O heilges Geist- und Wasserbad, was composed in 1715 in Weimar. It is a true sermon-in-music, based on the Gospel account of Jesus’ night-time conversation with Nicodemus on the subject of ‘new life’. A grand French-style overture heralds the start of BWV 194 Höchsterwünschtes Freudenfest. The cantata seems to have begun life as a secular Cöthen piece some time between 1717 and 1723, and was then adapted for the dedication of the new organ at Störmthal (2 November 1723). The programme ends with the genial and uplifting work, BWV 129 Gelobet sei der Herr, mein Gott.

“These performances do full justice to such genius.”

(George Pratt, BBC Music )

“Gardiner’s Bach is in a class of its own for colour, drama and rhetorical subtlety. His choir and instrumentalists respond with breathtaking virtuosity…”

(Richard Wigmore, The Daily Telegraph)

Monteverdi Productions 2cds SDG138

***********************

Das Konzert aus Mühlhausen hat der MDR mal übertragen und ich kann mich erinnern, dass BWV 71 “Gott ist mein König” ein absoluter “Knaller” war.

Schöne Grüße,

Martin

P.S. Hörproben und Bestellungen h i e r !
————————————————————————————

Bereits abgegebene Kommentare:

DVD über Herbert von Karajan bei jpc erschienen


Hallo,

passend zur Veröffentlich einer Autobiographie von Eliette von Karajan über ihren Ehemann „Herbert von Karajan“ ist eine DVD erschienen:

Künstlerische Streiflichter einer unvergleichlichen Karriere.

Zu hören und zu sehen sind u. a.Ausschnitte aus dem
legendären Neujahrskonzert 1987 mit den Wiener Philharmonikern und aus den Silvesterkonzerten 1983 und 1985 mit den
Berliner Philharmonikern.
Rossini:Wilhelm Tell-Ouvertüre
+Weber:Der Freischütz-Ouvertüre
+Prokofieff:Symphonie Nr. 1
+Tschaikowsky:Klavierkonzert Nr. 1
+Dvorak:Symphonie Nr. 9
+J. Strauss II:An der schönen blauen Donau;Frühlingsstimmen
+Ravel:Bolero
+Josef Strauss:Sphärenklänge
Evgeny Kissin, Kathleen Battle, Berlin PO, Wien PO, Herbert von
Karajan

Grüße
Volker

Radio-Tipps für die 5. KW in 2008


Hallo Volker,

Du bist ja fleißig am wirbeln. Willst Du den Blog komplett umschaufeln auf Google-Blog? Ich habe hier wieder ein paar Radio-Tipps und da ich nicht weiß, wo Du sie gerne haben möchtest, schicke ich sie Dir und Du machst damit, was Dir am besten erscheint.
Hier mein Text:

Hallo zusammen,

ich habe wieder einige Perlen in den Radioprogrammen gefunden:

Als erstes möchte ich Euch ein Programm empfehlen, das weder mit Bach noch mit Gardiner oder einem seiner Mitstreiter zu tun hat. Ich finde es aber ganz interessant und vielleicht mag es ja auch einer von Euch hören

Freitag, 25.1. 20:00 Uhr
NDR Kultur
Konzert: Freitag, 25. Januar, 20.00 Uhr, Hauptkirche St. Michaelis, Hamburg

Live auf NDR Kultur
http://www.ndrkultur.de/programm/ensemblesarband4.html
Das Ensemble Sarband präsentiert gemeinsam mit den King’s Singers und dem NDR Chor “Sacred brigdes” – christliche, jüdische und muslimische Psalmvertonungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Der Vollständigkeit halber, obwohl ich es schon letzte Woche geschrieben hatte:

So 27.1. 3:02 am
BBC
http://www.bbc.co.uk/radio3/throughthenight/pip/5q0hi/
Neefe, Christian G. (1748-1798): Keyboard Concerto in G
Christine Schornsheim (fortepiano)
Michael Niesemann (oboe)
Neue Dusseldorfer Hofsmusik

Dann noch 2 Bachkantaten mit Gardiner. Diese Aufnahmen sind schon bei Archiv veröffentlicht und die Besetzungsliste lässt vermuten, dass sie 2000 aufgenommen worden sind.

Sonntag 27.1. 7:05 Uhr
MDR
Bach: “Herr, wie du willst, so schichs mit mir” BWV 73
Lund, Mingardo, Podger, Varcoe, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, Gardiner

Samstg, 2.2. 19:20 Uhr
NDR Kultur
Bach: “Mit Fried und Freud fahr ich dahin” BWV 125
Tyson, Agney, Harvey, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, Gardiner

Viel Spaß Barbara

——————————————————————–

Bereits abgegebene Kommentare:


Bach-Cantata Pilgrimage Konzert Leipzig 22.10.2000


Hallo,

mit dieser Rezension möchte ich mich einem weiteren Höhepunkt der Pilgrimage widmen, dem Konzert in der Leipziger Thomaskirche am 22.10.2000 (18. Sonntag nach Trinitatis). An diesem Abend kamen die Kantaten “Du Friedefürst, Herr Jesu Christ” BWV 116, “Gott soll allein mein Herze haben” BWV 169 für Alt-Solo, “Herr Christ, der ein’ge Gottessohn” BWV 96, die Motette “Der Gerechte kommt um” sowie der Choral “Vor deinen Thron tret ich hiermit” BWV 668a zur Aufführung.



Foto: Thomaskirche in Leipzig

Bei diesem Konzert hatte ich die Möglichkeit, bereits am Samstag anzureisen und das ganze Wochenende in der Nähe des Meisters zu verbringen und Bach’s Musik an “ihrem Ort” zu hören. Schon in den Proben spürte man Bach’s Geist am Ort und die Musiker waren merklich von Beginn an damit erfüllt und infiziert.

Das Konzert selbst geriet zu einer emotionalen Sternstunde. Allerdings machten sich auch Spuren der Leipziger Geistlichkeit bemerkbar, mit denen Bach sicherlich auch zu kämpfen hatte. Zunächst einmal gab es große Auseinandersetzungen und Diskussionen über die Probenzeit, in denen die Kirche geschlossen blieb. Im Konzert erschien dann zu Beginn der örtliche Pfarrer und mahnte, daß man bitteschön nicht klatschen dürfte, es sei schließlich geistliche Musik. Die treuen Gardinerfans, die sich flugs als des deutschen nicht mächtige Engländer ausgaben, ignorierten dies standhaft:). Allerdings gab es auch ein paar Sturköpfe, die sich strikt an den Befehl der angestaubten Geistlichkeit hielten…

Gardiner hatte das Programm so zusammengestellt, daß es schwungvoll begann und andächtig und anrührend enden sollte. Wiederum war die Kirche zum bersten gefüllt, als Chor und Orchester die Bühne betraten. Der Meister trat auf und es begann die hinreißende Orchestereinleitung zur Kantate 116. Wie immer bestach der Chor durch Kraft und unglaubliche Prägnanz in Sprache und Gesangskunst. Die Solisten waren Katherine Fuge, Natalie Stutzman, Christoph Genz und Gotthold Schwarz. Bis auf Nathalie Stutzman ließen auch diese keine Wünsche offen. Nathalie Stutzman jedoch war für meine Ohren zu opernhaft mit großem Vibrato, daß einfach nicht zu Bachs Musik paßt. Die Kantate endete mit dem schlichten Choral “Erleucht auch unser Sinn und Herz”.

Es folgte die Kantate 169 mit einer großangelegten Sinfonia, die eine Umbearbeitung des 1. Satzes vom E-Dur Cembalokonzert BWV 1053 darstellt. Hier gelang Organist Silas Standage eine Meisterleistung. Gekonnt und schwungvoll spielte er den z. T. haarsträubend schweren Orgelpart. Auch in dieser Kantate konnte Nathalie Stutzman nicht überzeugen, sie erwies sich leider auch hier als vibratoreiche Opernsängerin und wußte nicht zu überzeugen. Der Schlußchoral “Du süße Liebe, schenk uns deine Gunst” wurde andächtig un voller Überzeugungskraft vom Monteverdi Choir gesungen.

Die nun folgende Kantate 96 war für mich die schönste des Abends. Der Eingangschor beginnt hier mit einem großangelegten Orchesterpart über dem als Krönung eine Sopranino-Blockflöte in himmlischen Sphären spielt. Außerdem liegt der cantus firmus nicht, wie sonst eher üblich, im Sopran, sondern wird monumental vom Alt vorgetragen. Diese ganze Choralfantasie birgt so eine himmlische Ruhe aber auch einen solch wunderbaren Fluß, wie sie Christus als “Morgenstern” beschreibt. Mir gegenüber saß im ganzen Konzert ein älterer Herr aus England, der sich zuvor als guter Freund von John Eliot vorgestellt hatte und gerade bei dieser Kantate hatte ich den Eindruck er stand einem Zusammenbruch nah. Es war aber auch wirklich hart: Diese fantastische Musik an Bachs Arbeitsstätte… ich glaube, jeder hatte da ein bißchen mit seiner Fassung zu kämpfen. Besonders schlimm wurde dies dann bei den beiden letzten Werken des Konzertes “Der Gerechte kommt um” und Bach’s eigenem Sterbechoral “Vor deinen Thron tret ich hiermit” BWV 668a. “Der Gerechte kommt um” ist eine Bearbeitung der Kuhnau’schen Motette “Tristis est anima mea”. Es scheiden sich hier zwar die Geister, ob die Bearbeitung wirklich von Bach ist, aber die Motette ist auf so zauberhafte Weise instrumentiert, daß dies eigentlich nur aus der Hand Bach’s kommen kann.

Nach dieser Motette trat das Orchester ab und der Chor ging mit Gardiner hinter das Podium und versammelte sich um Bach’s Grab. Bei dem Gedanken daran wird mir jetzt beim Schreiben noch anders. Als Abschluß erklang dann von diesem Ort der Choral “Vor deinen Thron tret ich hiermit”. Es kann sich glaube ich niemand vorstellen, wie unser aller Gefühlswelt in diesem Augenblick aussah. Nach dem Choral stand Gardiner allein minutenlang an Bach’s Grab und betete und auch wir Zuschauer waren zum Großteil völlig fertig. Ich glaube ich habe noch nie so viele heulende Gäste und v.a. auch Musiker gesehen. Es war so unglaublich, was an dem Abend natürlich unter Einfluß der sehr anrührenden Musik passierte. Hinterher spielten sich sehr schöne menschliche Szenen ab, bei denen man Gardiner als “Patriarch” und Vater für seine Musiker erleben konnte.

Wiederum war ein unvergeßlich schönes Konzert zu Ende gegangen.

Viele Grüße,

Alex

———————————————————————————

Bereits abgegebene Kommentare nachstehend:

Grandioso – fantastico, die Bach-Tage 2007 mit Gardiner in Leipzig


Hallo,

in aller Kürze aus Zeitmangel schreibe ich kurz einmal in den Blog die wichtigsten Erlebnisse von den Bachtagen 2007 mit Gardiner in den Blog. Der absolute Höhepunkt waren die “Michaelis-Kantaten” in der Nikolaikirche am Freitag, 15. Juni 2007.

Foto: Nikolai-Kirche in Leipzig

Es war ein Traum, dieses Konzert mit Gardiner erleben zu können, die Besetzung der Gesangs-Solisten und Trompeten-Ensemble war von der Großartigkeit nicht mehr zu toppen, so erfüllt bin ich seit langem nicht mehr aus einem Konzert gekommen, mein Herz schwimmt über in einer Glückseeligkeit, die ich einfach nicht besser beschreiben kann, eben eine Sternstunde mit Bachscher Musik und einem Interpreten mit einer Besetzung, die alles perfekt umsetzte.

Am Vortag in der Thomaskirche die “Trauerkantaten” auch beeindruckend, aber die Jubel-Kantaten sind doch ein Highlight, die alles übertreffen.

Ein ausführlicher Bericht folgt in den den nächsten Tagen mit beeindruckenden Fotos, freut euch darauf.

@ Alexander, du bekommst heute noch eine ausführliche Mail von mir. An dem Freitag war alles wie verhext, es wollte nicht alles so klappen mit dem Treffen, wie wir uns das vorgestellt hatten, das Gewitter tat leider sein Übriges dazu. Dir möchte ich nochmals danken für deine Bemühung der Reservierung auch wenn es nicht geklappt hat mit dem Treffen. Deinen Flayer “Cantatafinder” im Programmheft fand ich sehr gelungen und toll.

@ Martin konnte ich am Donnerstag nach dem Konzert kennenlernen und hatten eine schöne nette Stunde zusammen zum Ausstauschen.

Dies nur als ein kurzer Zwischenbericht an alle.

Grüße und einen schönen Restsonntag wünscht euch

Volker

P.S. Ein Web-Album mit Fotos zum Bachfest Leipzig 2007 h i e r klicken!

——————————————————————————

Bereits abgegebene Kommentare:

Impressionen vom Potsdamer Gardiner-Konzert


21.06.2007 von Barbara

Hallo!

Dies ist keine Rezension, sondern es sind ganz persönliche Eindrücke. Dies vorweg.


Foto: Erlöserkirche in Potsdam

Der erste von vielen Eindrücken des Abends war “Es ist warm!”. Meine Prognose “Zum Glück ist es in alten Kirchen immer schön kühl”, war schlicht und ergreifend falsch. Nicht nur den Musikern lief das Wasser in Strömen, sondern auch dem Publikum.

Aber von Anfang an:

Die Erlöserkirche liegt mitten in einem Wohngebiet mit engen Straßen und wenig Parkplätzen. D.h. auch rund um die Kirche gab es ein Riesengedränge. Zudem wurde die Kirche erst 10 min vor Konzertbeginn geöffnet (=1000 Leute wollen in die Kirche rein, 2 passen gleichzeitig durch die Tür!), sodass wir vor dem Konzert nicht einmal in Ruhe das Programm durchlesen konnten. Das war es dann aber schon mit dem Negativen. Als die ersten Töne (Nun ist das Heil …) mit Macht über uns hereinbrachen, war die Welt wieder in Ordnung. Die Kirche ist nicht so riesig groß, wenig Säulen und so schienen Orchester und Chor fast zu mächtig für den Raum sein.

Auch in den folgenden Kantaten wurden wir von der Kraft der Musik schier erdrückt. Das bekam auch Peter Harvey in der Arie “Der alte Drache brennt vor Neid” – BWV 130 “Herr Gott, dich loben wir” – zu spüren, er hatte schlicht und ergreifend keine Chance, gegen das Orchester und vor allem die Trompeten anzusingen. Da nutzte auch nicht der Platz auf der Kanzel. Welch wundervolle, ausdrucksstarke Stimme er hat, kam aber im Rest des Konzertes zur Geltung. Vielleicht wäre bei dieser Arie Matthew Brook die bessere Wahl gewesen. Zum Glück gab es zwischendurch diese wundervollen, stillen Arien zum Erholen.

Der wundervollste, magischste Moment des Konzertes war für mich die Arie “Bleibt, ihr Engel” aus BWV 19 – Es erhub sich ein Streit -, gesungen von James Gilchrist. Welch ein wundervoller Tenor. Er sang mit einer solchen Intensität, dass die Engel um uns herum bald greifbar wurden. Es war einfach ein magischer Moment, der mich tief berührt hat. Zum Weinen schön!

Auch Clare Wilkinson war sehr überzeugend. Hier ist für mich am stärksten das Duett mit James Gilchrist in BWV 149 “Man singt mit Freuden” in Erinnerung. Diese beiden Stimmen haben wunderbar harmoniert. Lediglich Julia Doyle fiel aus dem Rahmen. Sie wirkte stark überanstrengt, leicht heiser, die Stimme strahlte einfach nicht. Nun gut, wir wissen ja, dass sie singen kann. Chor und Orchester waren einfach überragend, auch wie sie sich ständig umgruppiert haben, und dies mit ganz viel Ruhe, auch wenn es dem Meister schon mal nicht schnell genug ging, trug zu dem positiven Gesamteindruck bei.

Das Orchester hatte aufgrund des Sonnenstandes zu Beginn riesige Probleme. Erst waren es die 1. Violinen, die kaum gucken konnten, dann waren es die Trompeten, die zu kämpfen hatten. In jeder Pause, die sie in ihren Noten hatten, mussten sie sich ein neues Plätzchen suchen, um nicht geblendet zu werden. Was auch beeindruckend war, mit welcher Freude der Chor gesungen hat. Ich bin mir nicht sicher, ob es Professionalität war, die, wenn sie sie von Freude singen, auch die Freude in ihren Gesichtern sehen lässt. Es war einfach zu schwungvoll.

Es war einfach ein unglaubliches Konzert und ich werde alles daransetzten, es mir im Herbst noch einmal in Braunschweig anhören zu können. Es hat mir viel Kraft gegeben. Gestern habe ich es ausprobiert: Nervige Kids, 1000 Aufgaben, aber keine Kraft dafür, ab ins Zimmer, rotes Stop-Schild davor, CD mit Engel-Arie in den CD-Player (auch in der Aufnahme hat James Gilchrist gesungen), auf den Boden legen und 8 Minuten totale Entspannung. Und der Zauber wurde wieder lebendig.

Sogar mein Mann mit seiner “Never Bach”-Einstellung war begeistert. Erst bei der letzten Kantate BWV 149 fiel ihm wieder ein, dass er die Musik von Bach nicht mag, alles andere hat auch ihn mitgerissen. Ein besseres Kompliment für die Mitwirkenden kann es gar nicht geben.

Grüße

Barbara

———————————————————————————————–

Bereits abgegebene Kommentare: