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Archiv für die Kategorie ‘Bachjahr 2000 Cantata Pilgrimge Gardiner Konzertbesuche’

BCP Konzert 23.7.2000 in Mühlhausen

25. Dezember 2010 9 Kommentare

Divi Blasii Kirche in Mühlhausen / Thüringen

Ihr Lieben, mit den besten Wünschen für die Weihnachtszeit möchte ich mich nach langer Abwesenheit mit einem kleinen Bericht zurückmelden. Diesmal beinhaltet er das Konzert in Divi Blasii Mühlhausen am 23.7.2000.

Dieses Konzert war insofern etwas ganz Besonderes, da es für mich den Beginn der Teilnahme an der BCP darstellte.

Wie bereits in vorigen Reviews berichtet, ging ich zu diesem Zeitpunkt noch davon aus, Gardiner sei nur für 2 oder 3 Konzerte in Deutschland und war folglich mehr als froh, dieses Konzert in Mühlhausen, was im Rahmen des MDR Musiksommers stattfand, besuchen zu können. Die Karten und das Quartier waren rechtzeitig organisiert und es konnte losgehen.

Voller Vorfreude machte ich mich also auf den Weg, bei strahlendem Sonnenschein im Sommer 2000 war die Zeit bis Mühlhausen schnell überstanden und es begann vor Ort das, was sich ab dann fast wöchentlich wiederholen sollte: Einchecken im Hotel, kurz frischmachen und auf zur Kirche. Daß dies fortan ein permanenter Prozeß werden sollte, konnte ich natürlich da noch nicht ahnen. Über John Eliot Gardiner hatte man im Internet diverse Horrorstories gelesen, die sich Gott sei Dank als die üblichen Unwahrheiten entpuppen sollten und an Probenbesuche war noch nicht zu denken. So wurde nun also erst einmal die Kirche ausfindig gemacht.

Dies gestaltete sich als nicht besonders schwierig, denn bereits zwei Querstraßen zuvor hörte man sie… Sie, das waren 16 Sängerinnen und Sänger des Monteverdi Choirs sowie die English Baroque Soloists. Geprobt wurde der Eingangschor der herrlichen Mühlhäuser Ratswahlkantate „Gott ist mein König“ BWV 71, welcher mir quer durch Mühlhausen entgegendonnerte! So konnte es gern weitergehen. Mein erster Gedanke, als ich diesen Chor HÖRTE, war zugegebenermaßen „Oh mein Gott, was müssen das viele sein“ :-) . Als ich dann kurz darauf einen Blick durch die offene Kirchentür warf, stockte mir der Atem beim Anblick der wenigen Musiker/-innen. Innerhalb von Sekunden war ich einfach nur noch elektrisiert! Der restliche Nachmittag wurde an der offenen Kirchentür verbracht, so dass ich in etwa wusste, was abends passieren würde. Hatte ich gedacht…

Nach der Probe ging es zum Umziehen und zu kurzer Stärkung zurück ins Hotel und dann in die Kirche. Was für ein Anblick!!

Ich kann es heute nicht mehr sagen, ob es einfach daran lag, dass es „das erste Mal Gardiner“ war oder ob es wirklich so war. Man tauchte ein in eine andere Welt! Die Kirche glitzerte und blinkte an allen Ecken und Enden und man konnte sich einfach nicht sattsehen.

Dann begann das, was man wohl am besten mit „Bach – Gardiner – Monteverdi Choir – Fieber“ beschreibt. Chor und Orchester traten auf und urplötzlich war absolute Stille in der Kirche. Wir warteten auf den Sir! Würdevoll und angemessenen Schrittes erschien dieser auf der Bühne und der Abend begann mit der Kantate „Aus der Tiefen“ BWV 131. Passenderweise ist diese Kantate in den Jahren 1707/08 in Mühlhausen entstanden.

Ruhig und voller Ausdruckskraft führte der Meister seine Sänger und Instrumentalisten durch den herrlichen Eingangschor, der geprägt wird durch die Solo – Oboe, hier meisterhaft gespielt von Xenia Löffler. Es war ganz schnell klar, daß die Probenergebnisse vom Nachmittag noch überbietbar waren! Interessant war, dass der Meister fernab vom Prinzip musizieren ließ, dass Solisten und Chor strikt voneinander getrennt wurden. Er rekrutierte seine Solisten aus dem Chor, waren deren Partien gesungen, gliederten sie sich nahtlos wieder in den Chor ein. Auch die Chöre wurden nicht nur chorisch gesungen, sondern nach dem Concertino – Ripieno Prinzip. Eine Gänsehaut jagte die andere und ich wusste inzwischen nicht mehr, ob ich träumte oder ob das, was ich sah und hörte Wirklichkeit war.  Erste Zweifel kamen mir bereits da an den Stories über den Sir. Wenn man sah, mit wie viel Freude und Eifer er seine Musiker zu Höchstleistungen anspornte und was für eine unglaubliche Musik er entstehen ließ, konnte es einfach nicht sein, dass er menschlich so fies sein sollte, wie man immer hörte. Der endgültige Beweis kam dann nach dem Konzert, aber dazu später mehr.

In der ersten Kantate konnte das Publikum bereits die vier Solisten kennenlernen, die sich wie erwähnt als concertino – Sänger in den Chören und dann auch in ihren Solopartien hervortaten. An diesem Abend waren dies Joanne Lunn, die hier eine ihrer Sternstunden ablieferte, William Towers, Kobie van Rendsburg sowie der überragende Peter Harvey. Die erste Kantate verklang mit dem Chor „Israel hoffe auf den Herrn“ und die minutenlange Stille im Anschluß zeigte, dass es wohl vielen anwesenden Zuhörern so ging wie mir. Danach folgte allerdings tobender Beifall.

Die zweite Kantate an diesem Abend war „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ BWV 93. Sie ist für den 9. Juli 1724 entstanden, also in Bachs  zweitem Leipziger Jahrgang. Sie begann mit einem großangelegten wiegenden Chorsatz, über dem der Sopran zeilenweise den Choral vorträgt. Hier hatte der Monteverdi Choir wieder einmal die Möglichkeit, seine überragende Gesangskultur unter Beweis zu stellen. Nach dem folgenden Rezitativ erklang eine anmutige Tenorarie, welche zu einem herzerfrischenden Duett von Sopran und Alt überleitet. Dies wurde großartig von Joanne Lunn und William Towers dargeboten. Der Tenor Kobie van Rendsburg hingegen überzeugte eher weniger. Besonders als man danach auf Tenöre vom Kaliber eines James Gilchrist traf…

Nach einem langen Tenorrezitativ sang Joanne Lunn die Arie „Ich will auf den Herren schaun“. Die begleitende Oboe wurde von Xenia Löffler schon fast jazzig – swingend gespielt, es ging herrlich in die Füße :-) . Die Kantate wurde vom kraftvollen Choral „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen“ beschlossen.

Nach der Pause traten in der nun folgenden Kantate zum ersten Mal Blechbläser hinzu und man konnte sich am strahlenden Blinken von zwei Hörnern erfreuen. Der Titel der Kantate „Siehe, ich will viel Fischer aussenden und viel Jäger“ BWV 88 legte nah, wofür diese da waren. Die Kantate entstand für den 21. Juli 1726. Sie beginnt mit einer großangelegten Arie für den Baß, in der über einem wiegenden Orchestermotiv der Text „Siehe, ich will viel Fischer aussenden“ vorgetragen wird. Mitten im Satz kippt die Stimmung, die man schon fast als „Szene am Bach“ beschreiben könnte auf einmal und es beginnt eine muntere Treibjagd „Und darnach will ich viel Jäger aussenden“. Mit ihren Synkopen untermalen die Hörner hier die Jagdszene auf’s Feinste. Für Sänger und Orchester eine unglaublich schwierige und rhythmisch vertrackte Partie, die souverän gemeistert wurde. Der Unterschied in der sängerischen Qualität zwischen Peter Harvey und Kobie van Rendsburg wurde im direkt anschließenden Tenorrezitativ wieder deutlich! Da lagen wirklich Welten dazwischen!

Zur  zweiten Sternstunde der Kantate geriet erneut das Sopran – Alt – Duett „Beruft Gott selbst, so muß der Segen“. Welche Freude ging von diesem überbordenden Satz aus, herrlich musizierte Zweierbindungen und Seufzermotive auf den Text „So hilft er gern“ ließen wirklich keine Wünsche offen. Nach einem Sopran – Rezitativ, wurde auch diese Kantate durch den Choral „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen“ beschlossen.

Wie so oft hatte der Sir sich für den Schluß des Konzertes einen schönen Paukenschlag aufgehoben. Hier war dies die Kantate „Gott ist mein König“ BWV 71. Sie entstand 1708 zur Ratswahl in Mühlhausen. Da Bach zu dieser Zeit als Organist an Divi Blasii tätig war, hatte er auch für diese Gelegenheiten die Musik zu liefern und so sind wir zu dieser herrlichen Kantate gekommen. In typischer Manier setzt Bach im Eingangschor unglaubliche Energien frei. Drei Trompeten, Pauken, Flöten , Oboen, Fagott und Streicher sorgen für eine recht gewaltige und feierliche Klangkulisse, ganz dem Entstehungsanlaß entsprechend. Nach ruhigen Momenten „Von altersher“ setzt der Chor immer wieder mit kraftvollen Einwürfen „Gott ist mein König“ ein, ein Jubel, der kaum  enden will. Nach einem Tenor – Sopran Satz, bei dem vom Sopran ein Choral über einem rezitierenden Tenor vorgetragen wird, erklang das Quartett „Dein Alter sei wie deine Jugend“. Im Anschluß sang Peter Harvey die berückend schöne Arie „Tag und Nacht ist dein“. Die Ausdruckskraft dieses Mannes ist einfach nicht in Worte zu fassen. Eine derartige stimmliche Wärme hat außer ihm wirklich kaum jemand. Daran schloß sich die Altarie „Durch mächtige Kraft“ an. Sie erinnert etwas an „Der Herr ist König ewiglich“ aus „Lobe den Herren, meine Seele“ BWV 143. Statt Hörnern erklangen hier 3 Trompeten, die für kraftvollen Jubel sorgten.

Der Chorsatz „Du wollest dem Feinde nicht geben“ wurde darauf in der dem Monteverdi Choir typischen Weise musiziert, es war einfach „nicht von dieser Welt“. Schlicht und würdevoll schwebte dieser Satz durch die Kirche und man glaubte vollends nicht mehr, was man da sah und hörte. Der Schlusssatz „Das neue Regiment“ riß dann wirklich alle von den Sitzen. Mit welcher Freude wurde hier musiziert. Die Trompeten zeigten noch einmal, was sie konnten und schmetterten ihre Fanfaren bei „Glück, Heil und großer Sieg“ donnernd dem Publikum entgegen. Ein wahrhaft würdiger Abschluß für ein Konzert, was den Beginn eines halben Jahres nur mit Bach für mich darstellte. Das Publikum tobte und entließ die Künstler erst nach zwei Zugaben.

Im Anschluß daran nahm mich jemand vom Organisationsteam, den ich vor dem Konzert kennengelernt und dem ich von meiner Bach – Gardiner Verrücktheit erzählt hatte, mit hinter die Bühne. Und dann war plötzlich er da und stand vor mir! Der Meister höchstselbst!! Was soll ich sagen?! Die Aura, die von diesem Mann ausgeht, ist nicht in Worte zu fassen. Unglaublich nett nahm er sich Zeit für alle meine Fragen und es entstand sogar noch ein sehr nettes Erinnerungsfoto. Damit waren ALLE Geschichten über ihn außer Kraft gesetzt!

Am gleichen Abend fiel mir das Tour Buch vom Monteverdi Choir in die Hände, welches dort verkauft wurde. Als ich die Terminliste sah, fiel ich aus allen Wolken! Fast jede Woche gab es die Kombination Bach – Gardiner in Deutschland und mir wurde klar, dass ich nun SEHR schnell sein musste. Aber dies ist eine andere Geschichte… :-)

Es grüßt euch herzlich,

Alex

YouTube – Sir J.E. Gardiner BWV 248 Proben zum Weihnachtsoratorium in Sachsen-Thüringen

13. Dezember 2009 1 Kommentar

Hallo Bachfreunde,

für alle, die eine DVD von der Bach-Cantata-Pilgrimage 2000 mit der Dokumentation: BWV 248 Weihnachtsoratorium “Jauchzet frohlocket” mit Sir J.E. Gardiner nicht besitzen, sind die ersten 6 Videos dazu bei YouTube abrufbar.

Zu meiner gesamten Playlist bei YouTube nachstehenden Link anklicken:

Link: http://www.youtube.com/view_play_list?p=891E1FE87369A7E4

Viel Spaß und Gruß

Volker

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Bach Cantata Pilgrimage 2000 Konzert in Velbert-Neviges am 30.09.2000

26. Januar 2008 1 Kommentar

Ein weiteres eigenständiges Konzertbesuch-Thema von Martin in Velbert-Neviges im Mariendom am 30.9.2000 während der Bach Cantata Pilgrimage 2000.

Autor: Martin

Erstmal vielen Dank und herzlichen Glückwunsch an Volker für die Idee und Mühe!

Ich bin leider erst im Jahr 2000 wirklich auf Gardiner und sein Projekt aufmerksam geworden und habe das Konzert in Velbert-Neviges am 30.09.00 mit den Kantaten zum Michaelistag besucht. Außerdem wurde das Violinen-Doppelkonzert BWV 1048 (?) gespielt.



Foto: Mariendom Velbert-Neviges

Es war eine unglaublich gespannte und euphorische Stimmung von Anfang an. Man hatte das Gefühl, dass der komplett aus Beton gebaute Mariendom in Neviges aus allen Nähten platzte. Jedoch ist der Dom sehr hoch erbaut und bietet eine fantastische Akustik mit ordentlich Hall, von der Gardiner nach dem Konzert richtig schwärmte.

Im Gegensatz zur veröffentlichten CD (Vol 7) kam BWV 50 als “Fetzer” zum Schluss und es schien, als hätten Chor und Orchester noch extra große Energiereserven für diese Prachtkantate übrig behalten. Während des Applauses für “Man singet mit Freuden zum Sieg” teilte sich der Chor auf der Bühne und die Oboen und (wenn ich mich richtig erinnere) die Trompeten standen dazwischen. Der erste Chor, der ja auch zuerst einsetzt, beinhaltete auch alle vorherigen Solisten (Hatelius, Wyn Roberts, Gilchrist, Harvey).
Es wurden gute drei Minuten hellstes Bach-Feuerwerk!

Wie Gardiner selbst in seinem Tagebuch schreibt, war der Applaus mit dem eines Rockkonzerts vergleichbar. So war es wirklich. Es standen alle 2000 Leute und etliche (wir auch) drängelten sich in den Zwischengängen nach vorn. Und das zahlte sich aus, als BWV 50 nochmal wiederholt wurde und wir quasi neben dem Orchester standen. Danach folgte nochmal ein nicht endender tosender Beifall.

Beim Verlassen der Bühne nahmen sich alle Solisten und Gardiner ausgiebig Zeit, zahlreiche Autogrammwünsche zu erfüllen. Das hatte wieder was von einem Rockkonzert (nur, dass sie wahrscheinlich weder Hotelzimmer zertrümmert haben, noch bis in die Puppen gesoffen haben..:-)). Das hätte man dem alten Bach gewünscht!

Hat noch jemand Konzerte der BCP besucht?

Grüße,
Martin

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Bach Cantata Pilgrimage 2000 Konzert in Velbert-Neviges am 30.09.2000

26. Januar 2008 1 Kommentar

23.1.2007 von Martin.

Hallo,

Habe noch ein paar Innenfotos vom Mariendom. Wie kann ich die hier einfügen? Am besten, ich schicke sie Dir, oder?

Auf Wunsch von Martin stelle ich drei weitere Bilder vom Mariendom Innenansicht in Neviges hier vor!! Die Bilder musste ich erst auf meiner Homepage hochladen um eine Internetverbindung für die Bilder zu schaffen. (Ziemlich umständlich im Blog).

Habe eine neue Möglichkeit im Internet gefunden, größere Fotos zu publizieren!

Foto: Neviges Mariendom Blick nach hinten


Foto: Neviges Mariendom Blick nach vorn


Foto: Neviges Mariendom Stuhlreihen

Verfasst von Martin am 2007 Jan 19, 11:41 PM

Bach Cantata Pilgrimage Konzert in der Schloßkirche Wittenberg, 31.10.2000

26. Januar 2008 1 Kommentar

4.2.2007 von Alexmusician.

Hallo,

ich habe es ja im Neviges-Beitrag schon anklingen lassen, wie begeistert ich von der Aufführung der Reformationskantaten am 31.10.2000 in Wittenberg war. Daher habe ich mich mal entschlossen, hierzu einen Beitrag zu starten.


Foto: Aufführungsstätte Schlosskirche in Wittenberg

An dem Abend erklangen die Kantaten “Gott der Herr ist Sonn und Schild” BWV 79, “Nun danket alle Gott” BWV 192, die Motette “Singet dem Herrn ein neues Lied” BWV 225 und als Abschluß die Kantate “Ein feste Burg ist unser Gott” BWV 80.

“Gott der Herr ist Sonn und Schild” sowie “Ein feste Burg ist unser Gott” hatte ich ein paar Tage zuvor bereits in der Philharmonie in Berlin erleben dürfen, wo gerade erstere zu einem überwältigenden Highlight geriet und ich davon ausgegangen war, man könne die Qualität der Aufführung kaum noch toppen. Gardiner konnte… Bereits die Probe am Nachmittag versprach viel, doch was am Abend passierte kann man nicht in Worte fassen. Die Schloßkirche Wittenberg schien an diesem Abend aus allen Nähten zu platzen als der Monteverdi Choir und die Englisch Baroque Soloists das Podium betraten. Gardiner erschien und es begann ein Konzert, was man seinen Lebtag nicht vergißt. Verglichen mit der Aufführung von Berlin wurde noch zupackender musiziert, die Hörner schmetterten ihre Fanfaren zu Beginn des Eingangschors regelrecht in die Kirche.

Glücklicherweise saß ich ziemlich weit auf der linken Seite und konnte einen guten Blick auf diese herrlich blinkenden und glitzernden Instrumente werfen. Die Idee, diese Kantate an den Anfang zu setzen war hervorragend. Einen aufrüttelnderen Beginn hätte man sich nicht vorstellen können. Gardiners Dirigat steckte die Musiker/-innen an und eine unglaubliche Freude machte sich bei allen bemerkbar. Es ist ja sowieso unglaublich, zu welch sportlichen Höchstleistungen dieser Mann beim Dirigieren fähig ist. Er befindet sich meist über, als auf dem Boden. Der Choral “Nun danket alle Gott” zum Abschluß des ersten Teils trieb eineigen anwesenden Konzertbesuchern (auch mir) Tränen in die Augen, ich gebe es offen zu.

An diesem historischen Ort diesen Choraltext und die mitreißende Vertonung war doch sehr emotionsgeladen. Im zweiten Teil sangen Joanne Lunn und Peter Harvey schlank und leichtfüßig ihr zauberhaftes Duett und beschlossen wurde die Kantate durch den Choral “Erhalt uns in der Wahrheit”. Nach dem abschließenden “Amen” meine ich auch bei Gardiner ein leises Amen von den Lippen gelesen zu haben.

Auf die recht kurze aber sehr interessante Kantate “Nun danket alle Gott” folgte die Motette “Singet dem Herrn ein neues Lied” in einer Aufführung, die allen den Atem stocken ließ. Man konnte wirklich erleben, was für Spitzenensembles hier am Werke waren. Leichtfüßig und anmutig wurden selbst haarigste Koloraturen bewerkstelligt, als seien sie ein Kinderspiel. Die abschließende Fuge “Alles, was Odem hat” riß die Menschen fast von den Sitzen. Ohne den Hauch eines Ritardandos rauschten die Bässe aus dem “Lobet den Herrn in seinen Taten” in diese Fuge hinein und es entstand ein regelrechter Sog hin zum finalen Halleluja. Es folgte tosender Beifall.

Den Abschluß des Konzerts bildete die Kantate “Ein feste Burg ist unser Gott”. Was für eine Musik… Wie aus dem CD Booklet lesbar wurde am Nachmittag noch ein Baßposaunist herbeigerufen, nachdem es doch zunächst ein paar klangliche Unausgewogenheiten gab. Dieser Posaunist verlieh der Kantate eine Stimmung vom letzten Gericht wenn seine tiefen Töne durch die Kirche donnerten. Nach dem abschließenden Choral “Das Wort sie sollen lassen stahn” folgte ein Applaus, der nicht enden wollte. Der Geist des Ortes hatte alle Leute infiziert und sie entließen die fantastischen Musiker und ihren überragenden Dirigenten erst nach einer Wiederholungen des Eingangschores von “Ein feste Burg ist unser Gott”.

Viele Grüße,

Alex

Bach-Cantata-Pilgrimage Konzert Köthen 10.09.2000

24. Januar 2008 3 Kommentare

Hallo,

nachdem ich die Woche über etwas schweigsam war, hier nun ein weiterer Bericht zur BCP: zum Konzert in Köthen am 12.Sonntag nach Trinitatis (10.09.2000). Ein schöner Spätsommer-Sonntag begann mit der Reise nach Köthen. Die Tour war inzwischen für mich etwas fortgeschritten und man war soweit, die Strecke nicht mehr in Kilometern, sondern in zu hörenden Bach-Kantaten zu bestimmen:).

Aufführungsstätte: St. Jakobskirche in Köthen

Köthen selbst präsentierte sich in strahlendem Sonnenschein, nach dem zeitigen Mittagessen erschienen die Musiker und Herr Reimann von der Konzertagentur. Er erzählte mir, daß der Meister in geradezu fantastischer Stimmung sei. Dies wurde kurz darauf durch einen breit grinsenden John Eliot Gardiner bestätigt, der sich gut gelaunt in Richtung Probe begab, die schon zu einem wunderbaren Vorgeschmack geriet. Am Abend sollten die Kantaten “Geist und Seele wird verwirret” BWV 35 für Alt-Solo, “Lobe den Herrn, meine Seele” BWV 69 a, die Motette “Komm, Jesu, komm” BWV 229, sowie als Abschluß die Kantate “Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren” BWV 137 erklingen. Die vier Solisten waren Katharine Fuge, Robin Tyson, Christoph Genz und der (wie immer) überragende Peter Harvey.

Die Probe schloß mit dem fantastischen und überaus euphorischen Schlußchoral aus BWV 137 “Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen”. In absoluter Hochstimmung “schwebte” ich über den Kirchenvorplatz in Richtung Kaffee, um mich dort vor dem Konzert noch einmal zu stärken.

Der Abend selbst begann in der vollen Köthener St. Jakobskirche mit der Kantate 35 aus dem Jahr 1726, die durch eine herrliche Orgelsinfonia eröffnet wird. Bei dieser handelt es sich um den ersten Satz des Orgel- /Cembalokonzerts d-moll BWV 1059. Der Organist Ian Watson erwies sich als absoluter Könner und gestaltete diese Eröffnung schwungvoll und mitreißend. Auch die Sinfonia zu Beginn des 2. Teils der Kantate wurde mit überwältigender Leichtigkeit musiziert. Der nun folgende Alt-Solo Part wurde von Robin Tyson gesungen. Zu Beginn doch deutlich etwas quäkig steigerte er sich von Satz zu Satz und der Schluß “Ich wünsche nur bei Gott zu leben” geriet zu einem mitreißenden Tanz, der die ganze Vorfreude auf das himmlische Leben darstellt.

Was nun folgte, war ein rechter Paukenschlag. Die Kantate 69 a, die im Jahre 1723 komponiert wurde, mit ihrem überschwänglichen und überwältigenden Eingangschor. Die drei Trompeten, allen voran Niklas Eklund, sorgten in diesem Satz für etwa 4 Minuten Feuerwerk, man merkte wirklich, wie alle Leute den Atem anhielten. Der Monteverdi Choir zeigte wiederum überragende Leichtigkeit in der Präsentation selbst schwierigster Koloraturen. Als besonders schöne Arie aus dieser Kantate muß ich den Satz Nr. 5 “Mein Erlöser und Erhalter” erwähnen. Peter Harvey zeigte, daß er Bach wirklich verinnerlicht hat. Sein makelloses Deutsch und die überaus innige Interpretation ließen den Satz zu einem Höhepunkt werden. Den Abschluß bildete der Choral “Was Gott tut, das ist wohl getan”

Im Anschluß daran erklang in schönem Kontrast die doppelchörige Motette “Komm, Jesu, komm”, bei der sich die Geister scheiden, wann genau sie geschrieben ist. Man geht allgemein wohl von ca. 1730 aus. Leise, zart und innig geriet sie zu einer choristischen Meisterleistung. Der Mittelteil “Komm, komm, ich will mich dir ergeben” schwebte leicht und luftig durch die Kirche. Im Schlußchoral “Drauf schließ ich mich in deine Hände” zeigte unser Meister wieder, welch ein gutes Händchen er für die Interpretation Bach’scher Choräle hat. Ehrlich gesagt habe ich weder zuvor noch danach je einen Dirigenten erlebt, bei dem die Choräle jedesmal zu Juwelen werden. Von anderer Seite habe ich über John Eliot auch schon gehört, er sei die Wiedergeburt Bach’s. Ich kann diese Ansicht nur unterstützen!

Für die letzte Kantate (BWV 137, komponiert 1725)hatten sich alle ganz offenbar noch extra-Reserven aufgespart. Mit welch einer überschäumenden Freude und Kraft begann dieser Eingangschor “Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren”. Man mochte kaum glauben, daß so etwas in einem solchen Tempo möglich ist. Jedoch schien es niemandem der Musiker ernste Probleme zu bereiten. Donnernd schmetterten die drei Trompeten ihre Fanfaren in die Kirche, als sei dies ein Kinderspiel. Die absolute Krone chorischer Kraft erfolgte jedoch im Schlußchor. Hiernach hielt es niemanden mehr auf den Sitzen. Das Publikum tobte, doch Gardiner hatte noch einen Trumpf in der Tasche. Ähnlich wie in Neviges begann mitten im tosenden Applaus der Eingangschor der Kantate 69a als Zugabe. Einen besseren Adrenalinkick hätte Gardiner uns allen garnicht geben können. Wie befreit nach diesem langen und tollen Konzert zeigten alle Musiker noch einmal, daß sie wirklich die Besten der Welt sind.

Viele Grüße,

Alex

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Bereits abgegebene Kommentare:

Bach-Cantata Pilgrimage Konzert Leipzig 22.10.2000

24. Januar 2008 2 Kommentare

Hallo,

mit dieser Rezension möchte ich mich einem weiteren Höhepunkt der Pilgrimage widmen, dem Konzert in der Leipziger Thomaskirche am 22.10.2000 (18. Sonntag nach Trinitatis). An diesem Abend kamen die Kantaten “Du Friedefürst, Herr Jesu Christ” BWV 116, “Gott soll allein mein Herze haben” BWV 169 für Alt-Solo, “Herr Christ, der ein’ge Gottessohn” BWV 96, die Motette “Der Gerechte kommt um” sowie der Choral “Vor deinen Thron tret ich hiermit” BWV 668a zur Aufführung.



Foto: Thomaskirche in Leipzig

Bei diesem Konzert hatte ich die Möglichkeit, bereits am Samstag anzureisen und das ganze Wochenende in der Nähe des Meisters zu verbringen und Bach’s Musik an “ihrem Ort” zu hören. Schon in den Proben spürte man Bach’s Geist am Ort und die Musiker waren merklich von Beginn an damit erfüllt und infiziert.

Das Konzert selbst geriet zu einer emotionalen Sternstunde. Allerdings machten sich auch Spuren der Leipziger Geistlichkeit bemerkbar, mit denen Bach sicherlich auch zu kämpfen hatte. Zunächst einmal gab es große Auseinandersetzungen und Diskussionen über die Probenzeit, in denen die Kirche geschlossen blieb. Im Konzert erschien dann zu Beginn der örtliche Pfarrer und mahnte, daß man bitteschön nicht klatschen dürfte, es sei schließlich geistliche Musik. Die treuen Gardinerfans, die sich flugs als des deutschen nicht mächtige Engländer ausgaben, ignorierten dies standhaft:). Allerdings gab es auch ein paar Sturköpfe, die sich strikt an den Befehl der angestaubten Geistlichkeit hielten…

Gardiner hatte das Programm so zusammengestellt, daß es schwungvoll begann und andächtig und anrührend enden sollte. Wiederum war die Kirche zum bersten gefüllt, als Chor und Orchester die Bühne betraten. Der Meister trat auf und es begann die hinreißende Orchestereinleitung zur Kantate 116. Wie immer bestach der Chor durch Kraft und unglaubliche Prägnanz in Sprache und Gesangskunst. Die Solisten waren Katherine Fuge, Natalie Stutzman, Christoph Genz und Gotthold Schwarz. Bis auf Nathalie Stutzman ließen auch diese keine Wünsche offen. Nathalie Stutzman jedoch war für meine Ohren zu opernhaft mit großem Vibrato, daß einfach nicht zu Bachs Musik paßt. Die Kantate endete mit dem schlichten Choral “Erleucht auch unser Sinn und Herz”.

Es folgte die Kantate 169 mit einer großangelegten Sinfonia, die eine Umbearbeitung des 1. Satzes vom E-Dur Cembalokonzert BWV 1053 darstellt. Hier gelang Organist Silas Standage eine Meisterleistung. Gekonnt und schwungvoll spielte er den z. T. haarsträubend schweren Orgelpart. Auch in dieser Kantate konnte Nathalie Stutzman nicht überzeugen, sie erwies sich leider auch hier als vibratoreiche Opernsängerin und wußte nicht zu überzeugen. Der Schlußchoral “Du süße Liebe, schenk uns deine Gunst” wurde andächtig un voller Überzeugungskraft vom Monteverdi Choir gesungen.

Die nun folgende Kantate 96 war für mich die schönste des Abends. Der Eingangschor beginnt hier mit einem großangelegten Orchesterpart über dem als Krönung eine Sopranino-Blockflöte in himmlischen Sphären spielt. Außerdem liegt der cantus firmus nicht, wie sonst eher üblich, im Sopran, sondern wird monumental vom Alt vorgetragen. Diese ganze Choralfantasie birgt so eine himmlische Ruhe aber auch einen solch wunderbaren Fluß, wie sie Christus als “Morgenstern” beschreibt. Mir gegenüber saß im ganzen Konzert ein älterer Herr aus England, der sich zuvor als guter Freund von John Eliot vorgestellt hatte und gerade bei dieser Kantate hatte ich den Eindruck er stand einem Zusammenbruch nah. Es war aber auch wirklich hart: Diese fantastische Musik an Bachs Arbeitsstätte… ich glaube, jeder hatte da ein bißchen mit seiner Fassung zu kämpfen. Besonders schlimm wurde dies dann bei den beiden letzten Werken des Konzertes “Der Gerechte kommt um” und Bach’s eigenem Sterbechoral “Vor deinen Thron tret ich hiermit” BWV 668a. “Der Gerechte kommt um” ist eine Bearbeitung der Kuhnau’schen Motette “Tristis est anima mea”. Es scheiden sich hier zwar die Geister, ob die Bearbeitung wirklich von Bach ist, aber die Motette ist auf so zauberhafte Weise instrumentiert, daß dies eigentlich nur aus der Hand Bach’s kommen kann.

Nach dieser Motette trat das Orchester ab und der Chor ging mit Gardiner hinter das Podium und versammelte sich um Bach’s Grab. Bei dem Gedanken daran wird mir jetzt beim Schreiben noch anders. Als Abschluß erklang dann von diesem Ort der Choral “Vor deinen Thron tret ich hiermit”. Es kann sich glaube ich niemand vorstellen, wie unser aller Gefühlswelt in diesem Augenblick aussah. Nach dem Choral stand Gardiner allein minutenlang an Bach’s Grab und betete und auch wir Zuschauer waren zum Großteil völlig fertig. Ich glaube ich habe noch nie so viele heulende Gäste und v.a. auch Musiker gesehen. Es war so unglaublich, was an dem Abend natürlich unter Einfluß der sehr anrührenden Musik passierte. Hinterher spielten sich sehr schöne menschliche Szenen ab, bei denen man Gardiner als “Patriarch” und Vater für seine Musiker erleben konnte.

Wiederum war ein unvergeßlich schönes Konzert zu Ende gegangen.

Viele Grüße,

Alex

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